14.12.2009 · Wenn der Virus Eros herrscht: Oliver Reese inszeniert Jean Racines klassisches Liebesdrama „Phädra“ im Schauspiel Frankfurt zwischen Boulevardoberfläche und Tiefenblick in die Abgründe maßlosen Begehrens.
Von Gerhard StadelmaierEs dauert länger, bis Licht in die Geschichte kommt. Der ältere, gemütliche, graubärtige Herr, der zu Beginn der Aufführung ins Dunkel tritt, lässt sich lange Zeit, in der er gleich hinter der Rampe der Frankfurter Kammerspiele ein Kerzchen ums andere entzündet, bis die ganze bühnenbreite Flackerreihe sich wie ein Feuergrund in einer messinggoldenen hohen Wand spiegelt, die wenige Meter dahinter den Raum abschließt und nur einen kaum körperbreiten Spalt freigibt, durch den man in diesen seltsam glühenden Ort hereingelangt. Es wirkt im Kerzenfeuerspiegelbild, als heizten die vielen kleinen Lichter die Metallwand von unten her auf, als schüfen sie eine Art ausweglose Höllenofenatmosphäre. Im Hochglanzformat. Der Graubart als Lichtbringer und Aufklärer wäre dann auch der Beelzebub, der den Teufelsofen schürt.
Felix von Manteuffel, der hier in Jackett, Schlabberhose und T-Shirt den Lehrer und Prinzenerzieher Theramenes spielt, entzündet die Höllenfeuerlichterkette so ungerührt, wie er am Ende ungerührt und sozusagen im Tone des sanft fassungslosen Erstaunens eines teilnahmslosen Beobachters berichtet, wie sein Schützling, der Königssohn Hippolytos, ums Leben kam, zerrissen, zerstampft unter den Hufen seiner Pferde, die ein dem Meer entrasendes Ungeheuer, halb wütender Stier, halb feuerspeiender Drache, angetrieben von einem Gott, angefallen hatte. Nach dem langsamen, leisen Bericht von dieser Katastrophe schaut Theramenes auf seine Armbanduhr. Die Zeit ist um. Der Aufklärer und Erzieher hat nichts verhindern, nur alles beobachten können. Seine Ohnmacht lässt ihm nur noch Worte. Dabei ist die Welt gerade untergegangen: an einem einzigen Wort, das nicht ausgesprochen und ins Licht hätte gerückt werden dürfen. Das Wort heißt „Liebe“.
Verbotene Begierden
Jean Racines „Phädra“ aus dem Jahr 1677 ist das Liebesdrama schlechthin - das auf der Zunge liegt. In glasklarer Form und höchster Sprache lässt es Menschen alle Form und Fassung verlieren. Und unter der glitzernden Oberfläche einer alten Allerweltsgeschichte, die täglich neu passieren kann, brodeln Gewalt, Wahnsinn, Schmerz, Gier, Pein. Stiefmutter Phädra, Gattin des Königs Theseus, begehrt in verbotener Liebe ihren Stiefsohn Hippolytos. Dieser begehrt in verbotener Liebe die fremde Königstochter Arikia, die auch Ansprüche auf den Thron des Theseus hat. Phädra gesteht dem Hippolytos ihre Liebe. Hippolytos weist sie kalt ab. Darauf verklagt sie den wahnsinnig Begehrten bei ihrem Gatten: Der Bub hätte sie geschändet. Der Junge, Ehrenmann durch und durch, hält den Mund. Der Vater hält dies für ein Schuldeingeständnis, lässt den Jungen durch ein Gottesungeheuer umbringen. Die Wahrheit der Sache kommt heraus. Phädra nimmt Gift und stirbt. Das ist sozusagen die Boulevardoberfläche dieses klassischen Dramas. Diese ist durch das Tragen von T-Shirts, Lederblousons und Kaufhausabendkleidern auch im Schauspiel Frankfurt abgegolten.
Aber Theseus ist auch ein Monsterschlächter und Frauenräuber. Phädra hatte Pasiphae zur Mutter, die es auch mit Stieren trieb. Hippolyt ist der Sohn einer Amazone, verbrachte seine Kindheit und Jugend im Wald, wo er den Tieren näher als den Menschen war. Unter der glänzenden Oberfläche lauern Barbarei, Krieg, Brutalität, Bestialität. Wenn nun in Frankfurt Phädra auftritt, eine elegante Dame in schwarzem Trenchcoat-Kapuzenmantel, mit hochgestecktem Haar, die Augen unter einer Sonnenbrille verborgen, dann spielt Stephanie Eidt zwar auch die verstörte Frau, die einer Luxusvilla von nebenan entlaufen scheint, eine Schmerzenskönigin mit Lichtallergie, die den Tag scheut, ein tragisches Nachtschattengewächs für die Titelseite der „Bunten“. Also ganz Boulevardgegenwart. Aber zugleich ganz irrwitzig aus aller Zeit gefallen.
Im Tiefenterrorfieber
Mit dunkel vibrierendem Alt stößt die Schauspielerin das Wort „Liebe“, das Bekenntnis eines wahnsinnigen, jedes Maß sprengenden Begehrens, aus, als stehe die Figur unter den Fieberschauern einer tödlichen Infektion, die nicht nur die Seele, sondern den Körper krümmt, zerbricht, peinigt, die Herrschaft über Gefühl und Verstand zerstört. Stephanie Eidt, die man jetzt schon den Phädren der Valérie Dreville (1998 bei Luc Bondy in Lausanne) und der Dominique Blanc (2003 bei Patrice Chéreau in Paris) an die Ruhmesseite stellen darf, spielt das Tollwütige, Unbeherrschte, Zerstörte der Figur nicht als hysterische Explosion. Sondern als unbegreifliche Implosion. Gegen die sie sich staunend, empört, tief verletzt zu wehren sucht. Ihre Phädra stirbt nicht an der Liebe. Sie stirbt an einer Krankheit, die diesen komischen Namen „Liebe“ trägt, aber genauso gut „Fluch“ oder „Horror“ heißen könnte. Wenn sie sagt, sie „rase“, dann empfindet sie dieses „Rasen“ als etwas, das nicht sie macht, sondern das etwas anderes mit ihr anstellt.
Ihr elegant fließendes, geschlitztes, rückenfreies Abendkleid enthüllt ihren Körper weniger raffiniert, als dass es ihn erbarmungswürdig bedeckt. Ihre Geständnisse einer „dunklen Lust“, eines „Brennens“, eines „Verlangens“ macht sie mit dem Rücken zur Höllenwand mit schreckgeweiteten Augen. Wenn sie dem Hippolytos sich nähert, scheint ihre Gestalt vor lauter Triebekel und Lustzwang und Fremdbestimmung wie in einen Schraubstock gespannt. All dies in greifbarer und begreifbarer Oberflächennähe, aber durchpulst von Tiefenterrorfieber. Ihr Tod, wenn alles aufgeklärt ist, vollzieht sich denn auch im grellen Licht, in dem sie an der Metallwand zu verglühen scheint.
Wenn der Virus Eros herrscht
So hält die Inszenierung von Oliver Reese die schöne Balance zwischen sinnreicher, manchmal sogar flotter Vergegenwärtigung der alten Geschichte und deren Rätselgründen. Reese stellt, wie schon in seiner hübsch-sarkastischen Bernhard-Etüde „Ritter, Dene, Voss“, die großartigen Schauspieler in die Auslage. Dieser Schauspieldirektor lässt sie etwas tun, was sie in den vergangenen Jahren nicht nur in Frankfurt kaum durften: sich den Figuren ins Herz spielen.
Was der Hippolytos des Christoph Pütthoff, der in seinem schütteren Bubenquadratschädel und seiner Szenenerobererdirektheit ausschaut und wirkt wie der junge Brandauer, als dieser noch bei Kortner Lessings Prinzen spielte, und die erosgewitzte Arikia der Henrike Johanna Jörissen an Liebesgeständnisabwehr und -herauskitzeln, was sie an verzweifelter Nähe und lockender Ferne, an Flirt und Fluch da anstellen - das hat den pubertären Charme einer Tanzstundenromanze unter Königskindern, die zueinander nicht kommen dürfen. Und hat die süße Ruchlosigkeit einer gnadenlosen Rutschpartie in den Liebestod.
Der umso unbegreifbarer und tragischer und sinnloser wird, als Theseus, der Herrscher, in Till Weinheimers Gestalt ein etwas gleichgültiger, seine Ruhe auch noch im Zorn haben wollender Schluri in Nadelstreifen ist, der nichts kapiert von dem, was um ihn herum an der Todeskrankheit Liebe grassiert. Auf den Herrscher kommt es nicht an, wenn Eros als Virus herrscht. Hingerissener Beifall.