19.07.2004 · „Hölle“ wird das Untergeschoß des „Theaters an der Wien“ genannt. Hier hat der Schauspieler und Regisseur Peter Kern mit Peter Zadek über junge Regisseure, Boxerhunde und die Zukunft des Theaters gesprochen.
Von Peter KernEin Journalist in Wien hatte die Idee. Er wollte, daß ich mit Peter Zadek ein Interview führe, und er schreibt darüber. Vielleicht erwartet er sich Fragen, die er sich selber nicht zu stellen traut. Ich rufe Peter Zadek in Lucca an. Er freut sich, verspricht mir das Gespräch mit der Bedingung: "Ja gut, dann aber am Tag nach der Premiere, dann haben wir ein Thema, nach dem Frühstück im Hotel Schwarzenberg, das kennst du doch, der Park und so, es ist dort sehr angenehm, ich freue mich, dich zu sehen."
Zadek hat endlich seinen Luxus gefunden, und die reichen Wiener Theater schenken ihm gerne Dankbarkeit, ärztliche Nähe und bürgerliche Tradition. Hier entsteht das "arme" Theater des Peter Zadek. Im Kuppelsaal verdrängt er jeden Schmerz, der ihn quälen muß, damit er weiß, daß er lebt und andere bereit sind, sich quälen zu lassen. Im Kaminzimmer empfängt er Intendanten, organisiert Premierenfeiern und läßt sich von Ärzten über die neuen Forschungsergebnisse zur neuen Generation der Betablocker unterrichten.
Ich recherchiere. Ich stolpere über ein "Spiegel"-Interview und Zadeks Bekenntnis zum Antiamerikanismus. Die Journalisten nehmen Peter Zadek nicht ernst, verdrängen seine These vom amerikanischen Kriegstreiber, der die Welt beherrschen will. Mir erzählt er vom Kriegsverbrecher Scharon und beschreibt ein Weltbild, das sich niemand traut auszusprechen, geschweige denn öffentlich zu machen. Große wahre Weltbilder brauchen sich nicht hinter der Kunst zu verstecken. Dort sitzt dann das bürgerliche Publikum und applaudiert, obwohl auf der Bühne seine Ermordung vorgeschlagen wurde.
Zwölf Bücher wurden über Zadek geschrieben, unzählige Kritiken. Ich stelle fest, es wurden alle Fragen schon gestellt. Ich schmeiße meine Fragen in den Müll. Um 16 Uhr kommt die Absage. Peter Zadek kann das Gespräch nicht wahrnehmen, Uwe Bohm, Zadeks Peer Gynt bei der Wiener Festwochenproduktion, einer Koproduktion mit dem Berliner Ensemble, hatte sich den Finger verletzt und mußte "in der Nacht vor der Premiere" operiert werden. Peter Zadek sei arg betroffen. Ich entgegne: "Aber es handelt sich doch um den Finger von Uwe Bohm." Ich bestelle ein Team vom ORF; ich werde mein Gespräch schon erzwingen. Heute werde ich Aufnahmen vom Applaus filmen, morgen überrasche ich ihn nach dem Frühstück in der Luxusherberge Hotel Schwarzenberg.
Und dann lande ich in der "Hölle". So heißt das Untergeschoß des "Theaters an der Wien". Zadek geht es nicht gut, die Stimmung ist merkwürdig ruhig. Feinde tänzeln, Freunde schweigen, die Buhs waren wohl zu kräftig ausgefallen. Ich stürze auf Peter zu, der wie eine Legende auf einem barocken Stuhl sitzt und die Gratulationen und Lügen über sich ergehen läßt. "Hat man dir ausgerichtet, wie schlecht es mir geht?" Dabei läßt Zadek seinen Blick sinken, erwartet Verständnis und Mitleid. "Das akzeptiere ich nicht. Was war denn mit dem Finger von Uwe?" Peter unterbricht mich: "Du, ich werd' dir jetzt nicht die Krankheitsprobleme meiner Schauspieler erzählen, da waren allerhand solcher Sachen halt, die im Theater passieren, Unfälle und Krankheit."
Der Streß
Seine Augen bekommen ein merkwürdiges Strahlen, hier spricht ein Krankenpfleger. Ich muß ihn bei Laune halten, was passiert, wenn er mich in der "Hölle" alleine läßt? "Aber du verinnerlichst das alles so." Er steigt darauf ein. "Nein, ich verinnerliche das nicht, es war ein Glück, daß wir überhaupt eine Vorstellung gemacht haben heute abend, der Arzt stand noch in der Kulisse, und das war wahnsinnig ,stressfull', ich schaff' das nicht, ich kann das nicht, das ist ,too much', ich bin nämlich nicht mehr fünfundzwanzig, wie du vielleicht gemerkt hast, und ja, so ist es, hier steht der Arzt!"
Ein junger Mann lächelt mir zu, sorglos Champagner trinkend, ohne Arzttasche. Ich spreche gleich die Buhs an, um mich ja nicht auf das Hypochonderschicksal einzulassen."Das waren Freunde von mir, die mir einen Gefallen tun wollten. Früher war das doch regelmäßig, wenn ich ein Stück machte, gab es immer einen Chor von Buhs, und das gehörte einfach zu einem Zadek-Abend, aber heutzutage kannst' die Leute gar nicht mehr aufwecken. Das waren bestimmt Freunde von mir." Das Gespräch hat begonnen, aber meine Fragen habe ich nicht auswendig gelernt, die sind in meinem Sakko, und an das komme ich nicht ran. Mir fällt nur Fassbinder ein. "Du weißt, daß Fassbinder dich sehr verehrt hat. Und du weißt, daß er Liebesbriefe an dich geschickt hat, sind die jemals angekommen?"
Zadeks Schmerz weicht, sein Charme kommt wieder. "Liebesbriefe? Nein." "Es war ja so, daß die Küche von Fassbinder zur Kirche wurde und wir ruhig sein mußten, während er Szenen aus deiner ,Othello'-Inszenierung vorgespielt und rezitiert hat." Zadek: "Ich meine, das war beiderseitig. Ich habe ja seine ersten Filme schon gesehen, wo niemand ihn kannte oder ganz wenig Leute ihn kannten, und ich fand ihn wunderbar. Privat hatte ich überhaupt nichts mit ihm zu tun, wenn wir uns trafen, hatten wir uns absolut nichts zu sagen. Wir saßen uns gegenüber und guckten freundlich, und unsere Teams saßen um uns rum und guckten auch freundlich, und nichts passierte.
Aber in der Sekunde, wo wir für uns waren, haben wir immer aneinander Sachen gemessen; ich wußte immer genau, was der Fassbinder gerade macht, und er wußte auch, glaube ich, genau, was ich mache, und dann habe ich einmal eine Rolle bei ihm gespielt, und das war allerdings sehr aufregend."
Zadek spielte in "Die Sehnsucht der Veronika Voss" einen Filmregisseur, der sehr viel Geduld aufbringen muß. Er spielt das grandios. Man fühlt, hier sucht jemand etwas, das er liebt, das aber immer Sehnsucht bleiben wird. Meine Angst wird zum Geschwätz, und ich grabe die Hundegeschichte aus. "Fassbinder hatte für seine ,Bibi'-Inszenierung keine Proben im Kleinen Haus gekriegt. Du warst damals Intendant in Bochum, und Fassbinder hat sich aus Rache dafür einen Boxerhund angeschafft und hat ihn ,Zadek' genannt. Und mit dem ging er durch das Bochumer Schauspielhaus und schimpfte: ,Zadek, du pißt schon wieder in die Ecke, Zadek, halt die Schnauze!' Und das Schauspielervolk amüsierte sich darüber."
Zadek: "Fassbinder in Bochum war nicht so wahnsinnig lustig für mich. Weil es meine erste Erfahrung als Intendant war, und jemand wie Fassbinder als Gegenüber da zu haben, das war das Komplizierteste, was du dir vorstellen kannst. Ich weiß noch, als ich meine erste Ensemble-Versammlung hatte, habe ich große Reden gehalten und gesagt: ,Kinder, in diesem Punkt und jenem Punkt will ich Mitbestimmung haben, und da sollt ihr sagen, was ihr wollt.' Und da stand der Rainer Werner Fassbinder auf und sagte: ,Akzeptiert das überhaupt nicht, ihr wollt in allem Mitbestimmung haben, ihr wollt überhaupt nur machen, was ihr wollt.' Und da gab's eine Revolution, und ich wußte überhaupt nicht, was ich machen sollte, ich war wirklich ein armer kleiner Anfänger, und das war sehr schwierig."Wir wohnten im Hotel Maritim in Gelsenkirchen, und Fassbinder drohte immer, nach Miami abzureisen, wenn er nicht die verabredete Bühnenprobe bekam. Fassbinder hatte mich als Zadek besetzt, und ich ging mit einem roten Schal über die Bühne. "Wo ist der rote Schal? Seit einigen Jahren trägst du den roten Schal nicht mehr?"
Zadek holt die Darstellerin der Solveig, Annett Renneberg, zu dem Gespräch. Er zeigt Großzügigkeit, er führt Menschen, mit denen er arbeitet, gerne im richtigen Moment der Presse vor, um sie zu belohnen.
Annett: "Aber es gibt noch einen weißen Schal!" Zadek: "Den roten habe ich nicht mehr, kanntest du Fassbinder?" Annett: "Ich kenne ihn, ja, natürlich nicht persönlich." Zadek: "Ja, natürlich, kannst du auch nicht, da warst du ja noch gar nicht geboren." Annett: "Ja, das stimmt. Also ich mag ,Angst essen Seele auf' zum Beispiel nicht." Zadek: "Warum nicht?" Annett: "Weil der mich anekelt." Zadek: "Anekelt? Na ja, er hat einige Sachen gemacht, die einen anekeln. Aber ist das unbedingt etwas Schlechtes, das dich was anekelt?" Annett: "Na ja, ich sehe diese Filme nicht gerne, ich habe mir den schon zwei Mal angeguckt, weil ich dachte, vielleicht ändert sich das, aber irgendwie ..." Zadek: "... aber das ist ja nicht der einzige Film, der hat ja vierzig Filme gemacht." Annett: "Ja, das stimmt. Was habe ich noch gesehen?" Zadek: "Maria Braun?" Annett: "Die habe ich nicht gesehen. ,Aguirre, der Zorn Gottes' habe ich gesehen." Kern: "Das ist von einem anderen Regisseur." Zadek: "Na, macht doch nichts. Ist ja gar nicht wichtig. Es hat mich nur interessiert, in der Unterhaltung, wie jemand von deiner Generation, der damit eigentlich nicht viel zu tun hat, aber guten Geschmack hat, den heute findet." Kern: "Ich habe bei Fassbinder immer entdeckt, daß er das Filmemachen beherrscht, aber seine große Sehnsucht, das Theater zu inszenieren, nicht geschafft hat und dich dafür bewundert hat. Ist das bei dir umgekehrt?"
Das Risiko
Zadek legt seinen Arm um die Schulter von Annett, er spricht klar und ehrlich. "Wenn ich jetzt meine Filme angucke, ich hatte zehn oder zwölf gemacht, finde ich eigentlich, die einzigen Filme, die wirklich gut waren, waren die großen Fernsehfilme, die auch mit Fernsehkameras gemacht waren, die mit Bluebox und solchen Tricks gemacht waren, wie der ,Pott' oder ,Rotmord', die waren sehr gut, aber die wirklichen Kinofilme habe ich nicht geschafft. Ich habe das einfach nicht gekonnt, und meine Phantasie ist dann für die Bühne."
"Wie lange hast du ,Peer Gynt' probiert?" Zadek: "Fünf Monate. War noch nicht genug, ich hätte gerne noch fünf Monate probiert. Mittlerweile interessieren mich im Leben nur noch Entdecken und Suchen. Und Leistung überhaupt nicht. Die Leistung, wenn sie stattfindet, ist das ja schön, und wenn sie nicht stattfindet, ist es auch schön. Weißt du, mich interessiert die Probenzeit an sich, das ist die aufregende Geschichte, der Hauptteil meines Lebens." Zadek hatte als Fünfundzwanzigjähriger in der englischen Provinz jede Woche ein Stück inszeniert. "Nicht nur so kleine Boulevardstücke, sondern ,Hamlet' und dann eben auch Agatha Christie und immer mit denselben zehn Schauspielern. Kann man sich schwer vorstellen, so waren die Provinztheater, Wahnsinn." Heute sind ihm fünf Monate zu wenig.
Lassen sich seine Inszenierungen überhaupt noch finanzieren? Zadek: "Weiß ich nicht, ich meine, die Produktionen sind nicht billig, hauptsächlich, weil sie langwierig sind meistens und weil sie tolle Schauspieler haben, nicht weil die Bühnenbilder besonders teuer sind. Das Äußerliche ist eigentlich gar nicht so besonders wichtig, aber ich brauche immer tolle Schauspieler, und auf irgendeine Weise haben die Intendanten das begriffen. Das Wesentliche an der Arbeit sind die Schauspieler, so jemand, wie Annett Renneberg zum Beispiel, die war eine Sängerin, die habe ich mal singen gehört, und da habe ich sie gebeten, mir vorzusprechen, und dann haben wir gearbeitet, dann habe ich sie einfach als Ophelia besetzt. Das ist natürlich ein Risiko, das die meisten Regisseure nicht eingehen würden, ich würde es aber andersrum sagen, ich fände es ein großes Risiko, eine bekannte Schauspielerin als Ophelia zu besetzen, weil mich jetzt schon der Gedanke nervt, was sie alles kann. Am liebsten würde ich mit Amateuren arbeiten. Also Schauspieler, die alles können, das interessiert mich eigentlich gar nicht."
Schön, daß sich Zadek für seine nächste Burgtheaterproduktion "Totentanz" Profis wie Gerd Voss und Hannelore Hoger ausgesucht hat, "mit der ich auch seit, weiß nicht, zwanzig Jahren nicht gearbeitet habe und mich wahnsinnig darauf freue, mit dieser virulenten, wunderbaren, aber schwierigen Person zu arbeiten".
Seit zwanzig Jahren hat Peter nachgedacht, in Wien "Totentanz" zu inszenieren. Warum gerade jetzt? Zadek: "Im letzten Moment habe ich irgendwie Manschetten gekriegt , weil es ein so unangenehmes, widerliches Stück ist, ehrlich gesagt, und ein Bild von Ehe und Liebe zeigt, das so gräßlich ist, aber es ist so wahr und so toll, daß man es dann doch machen will, irgendwann, das ist, wie wenn man als Geiger irgendwann die späte Kammermusik von Beethoven unbedingt machen muß. Vielleicht hab' ich den Abstand mittlerweile, ich bin so glücklich verheiratet."
Das Glück
Soviel "Glück" hat mir schon eine halbe Stunde Interview gewährt. Und ich erinnere mich an Zadeks Erotik auf der Bühne. In seinen letzten Inszenierungen tauchten irgendwann immer sechs Mädchen auf, in Tüll gehüllt, tanzten verführerisch, zeigten ein bißchen die rechte Pobacke und sangen dabei. In der Mitte riß dann eine Darstellerin ihre Kleider vom Leib, macht die Beine breit, und Zadek, so entzückt von der Vorlage, ließ den Text von Ibsen oder Marlowe fließen. Und dazu aus allen Ecken Geigenmusik, und weißes Licht flutet den Raum. Der Kameramann gibt mir einen Stups: "Warum hast du noch nie Oper inszeniert?" platze ich heraus.
"Das kann ich nicht. Das ist nicht mein Ding. Ich liebe Musik, ich höre andauernd Musik. Ich habe mal ,Figaro' inszeniert, das war in Stuttgart. Bei der Premiere, als ich mich verbeugte, hat der Chor auf der Bühne gebuht, und die haben im Chor ,Zadek raus!' geschrien." Er hat eben viele Freunde, denke ich, und merke eine leichte Blässe auf seinem Gesicht. Ich putze ihm die Schuppen von der Schulter, Spuren nervöser Tage, und komme zum Schluß mit der Frage aller Fragen: "Was passiert mit dem Theater?" - und erhalte gleich die Quittung.
Zadek: "Das ist eine blöde Frage, entschuldige, das weiß ich nicht. Im Moment ist es wenigstens in Deutschland in keinem besonders guten Zustand, in Frankreich gibt's praktisch kein Theater. Das ist sehr schwer zu sagen, irgendwas wird passieren. Aber ich gehöre ja zu den älteren Herrschaften, die noch irgendeine Art von Theater machen, das mit Menschen zu tun hat, und dann gibt es so einen Thalheimer und so etwas, und das ist so flottes, modernes Clip-Theater, und es ist aber keine Antwort auf irgend etwas. Ich glaube, Theater muß im Endeffekt nicht von Regisseuren gemacht werden, sondern von Autoren. Und solange es in Deutschland keine richtig tollen Theaterautoren gibt, wird es auch kein tolles Theater geben; während in England komischerweise das Theater am Leben gehalten wird."
Die Ruhe
Zadek ist im Redefluß. "Der Regisseur ist ja kein Original, ein Theaterregisseur ist ein Interpret, finde ich, und die deutschen Regisseure heute, die jungen, ich merk's ja auch, ich mache ja immer so Workshops, erfinden alles selber neu auf der Bühne. Ich sag immer: ,Moment mal, ihr inszeniert doch ein Stück, da müßt ihr erst mal darüber nachdenken, was ist das Stück, was hat sich der Autor gedacht', aber das interessiert die gar nicht. Die machen dann immer irgendein anderes Stück dazu und irgendwelche Texte dazu, und es ist eine eigene Erfindung; ich habe da noch nicht viel Spannendes gesehen, du?"
Hat er denn noch nie eine Christoph-Schlingensief-Inszenierung gesehen? "Bambiland" von Elfriede Jelinek am Burgtheater ist großes politisches Theater. Zadek: "Dieselbe Art von Theater, wie ich es mache; mit Schlingensief identifiziere ich mich vollkommen, und er ist wunderbar, das kann niemand imitieren, das ist nicht eine bestimmte Bewegung im Theater, das ist ein Unikum. Und es ist schön, was er macht, oder?" Peter Zadek springt leichtfüßig auf, nimmt Elisabeth Plessen an der Hand und steigt aus der "Hölle" hinauf in sein Luxushotel. Der Mann braucht Ruhe, man flüstert, Uwe Bohms Bein schmerze schon wieder.