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Peter Brook wird neunzig : Das Glückskind als Gottesversucher

  • -Aktualisiert am

Beharrlich, tiefgründig, leicht: Peter Brook Bild: (c) Colita/CORBIS

Er ist der König des Welttheaters, als Regisseur ein Zauberer, das Genie der größten Einfachheit: An diesem Samstag wird das Wunder Peter Brook neunzig Jahre jung.

          Ganz im Anfange, als die Welt gerade damit aufzuhören begann, wüst und leer zu sein, Gott sich am siebten Tage seiner Schöpfung ausruhte und die Welt sofort nichts Besseres zu tun hatte, als sich zu langweilen, sprach Gott seufzend: „Es werde Theater.“ Und es ward Theater. Weil aber jeder sofort der Wichtigste im Theater sein wollte, wandten sich die Wichtigtuer dieserhalb an Gott, um die Wichtigkeitsfrage zu entscheiden. Gott aber schrieb die Antwort auf einen Zettel, gab ihn in eine Büchse und warf diese auf die Erde, wo sie sofort verlorenging, nach Jahrtausenden aber von einem jungen Regisseur in einer Kiste auf dem Dachboden wiedergefunden wurde, der den Zettel gierig las, auf dem nur das eine Theaterlösungswort stand: „warum“.

          Es ist die Gottesgegenfrage an die Menschen: warum Theater? Es war ein denkwürdiger Abend im Schiffbau des Züricher Schauspiels, als der damals achtzigjährige Peter Brook sich 2005 als der junge Regisseur offenbarte, der dann sein ganzes Leben nichts anderes getan hat, als diesen „Warum“-Zettel aus der verlorenen Büchse des Theatergottes immer wieder zu lesen - und in diesem großen „Warum“ ganz aufzugehen. So sehr, dass ihm ein einfaches „Warum“ gar nicht mehr genügte. Brook nannte denn auch diesen Abend, dem Schauspieler, Dramaturgen, Regisseure, Bühnenbildner und Kritiker aus halb Europa zuschauten, „Warum Warum“.

          Es sollte eine „Theaterrecherche“ sein. Und wurde eine Zauberreise hinein ins Land, aus dem jede Wahrheit als einfache Geste, alles Vermittelte als Unmittelbarkeit, alles Komplizierte als Schlichtes, alles Verwunschene als Klares, alles Dinghafte als Menschliches wiederkehrt. Es ist Peter Brooks ureigenes Land. Anders als seine Kollegen, die jede Gottesfrage nach dem „Warum“ ihres theatralischen Tun und Lassens mit einem einfachen „Darum“ beantworten und gar nicht mehr wissen wollen, warum sie sich das noch antun, was sie in Szene setzen, ist Peter Brook neben Ariane Mnouchkine vielleicht die einzige Theatergröße von Weltrang, die einfach, fast kindlich, staunend und forschend, rein, klar und ohne Berechnung, aber auch ohne Scheu klug und fromm ans Theater glaubt.

          Der freie Wille siegt

          Er ist eine hochkomplexe Erscheinung: aus lauter Naivität. Er dringt in die Geheimnisse der Hirn- und Schizophrenie („L’homme qui“) mit derselben gründlichen Weltanfangs- und Schöpfungslustenergie ein wie in den „Hamlet“. Er fragte nicht nur ganz einfach „Warum?“, er konnte auch nur einfach „wie?“ fragen, danach, wie ein Mensch funktioniert, spricht, handelt, spielt, schaut und sich bewegt, der wie in „L’homme qui“ seine Frau mit einem Hut verwechselt. Und er konnte mit einer einzigen, kleinen, völlig naiven Frage „Qui est là?“ (Wer ist da?) den ganzen „Hamlet“ durchwandern, indem er sich und seinen Schauspielern aufgab, danach zu forschen, wer und was denn da spricht und erscheint, wenn einer auftaucht, der da „ich“ sagt. Dazu genügen ihm: eine leere Halle, ein Teppich, wahlweise auch ein Viereck aus Sand. Drumherum vielleicht zwei, drei Kissen oder ein paar Kisten. Oft reicht ihm auch ein völlig leerer Platz.

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