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„Peer Gynt“ in Augsburg : Ein halbes Dutzend Gynt

Der neue Intendant in Augsburg André Bücker, inszeniert Henrik Ibsens „Peer Gynt“. Bild: Jan-Pieter Fuhr

Die tollsten Geschichten von Peer Gynt: André Bücker, der neue Intendant in Augsburg, findet im Kulturmüll zurück zur Natur des Erzählens.

          Ein Langhaariger! Selbst hier oben? Die Mode ist einfach nicht totzukriegen. Und der Spross des hohen Nordens, dem das sonnenblonde Haar so üppig sprießt, springt auch noch in sechsfacher Ausfertigung vor der Fjordkulisse herum. Am längsten hält sich die Mode, deren Trendsetter sich selbst kopiert. Gleich ein halbes Dutzend Darsteller des Peer Gynt bietet André Bücker auf, der neue Intendant des Theaters Augsburg, der sich mit seiner Inszenierung von Henrik Ibsens dramatischem Gedicht dem Publikum vorstellt. Kann er Armeen aus der Erde stampfen? Nicht nötig, die sechs Hauptdarsteller wachsen aus dem Bühnenboden.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Peer Gynt ist ein Naturbursche und war so lang mit sich allein, dass er jetzt im Verein auftritt. Wie er in den Wald hineinblickt, so schaut es zurück. Als nach dem ersten Jüngling mit falschgoldener Mähne, nackter Brust unter jeansblauem Hemd und nackten Füßen unter hellblauer Hose ein etwas älterer Jüngling in identischem Outfit sichtbar wird, vermutet man für einen Augenblick, Bücker wolle mit einer Psychologie des Doppelgängertums Ordnung in Peer Gynts Abenteuer bringen. Doch dann wandert der Dreifachgänger ins Bild, gefolgt vom Vierten und Fünften im Waldeinsamkeitsbunde. Und als der Sechste so daherkommt, wie ihm die Haare gewachsen sind, hat man begriffen: Hier wird eine naturwüchsige Überschussproduktion gefeiert, die sich auf keine binäre Funktionslogik reduzieren lässt – die pure Lebenszeitverschwendung, die der Anfang des Theaters ist.

          Peer Gynt zieht nicht aus. Das soll auch in der Großstadt vorkommen. Aber auf dem Land, in der norwegischen Weite, wo keine Universität steht, in der ein ewiger Jüngling zur Tarnung den Tag vor dem Abendbrot loben kann, das daheim bei Muttern auf ihn wartet, da ist das Feld-, Wald- und Wiesenhockertum eine Schande. Peer Gynt begibt sich nicht unters Friseurmesser und macht auch selbst keinen Schnitt. Er denkt gar nicht daran, sich abzunabeln. Der Mutter sind vor Kummer schon die Haare ausgefallen. Dabei ist sie hart im Nehmen – und im Geben. Ihre Ohrfeige hallt sozusagen optisch nach. Einer der sechs Peer Gynts bekommt sie, die anderen fünf halten sich ebenfalls die Backe. So wird, auch wo Peer Gynt vollkommen passiv ist und eine jämmerliche Figur macht, immer etwas Größeres aus seinen Verrenkungen, ein mythisches Geschehen. Die vergeudeten Lebenschancen, die ihm ins Gesicht hängen und die Sicht nehmen, sind zugleich ein riesiges Potential.

          V.l.Gerald Fiedler und Anatol Käbisch in „Peer Gynt“, inszeniert in Augsburg.
          V.l.Gerald Fiedler und Anatol Käbisch in „Peer Gynt“, inszeniert in Augsburg. : Bild: Jan-Pieter Fuhr

          Er treibt es toll, toller, am tollsten, will sich die Braut zurückerobern, die er aus den Augen und aus dem Sinn verloren hat, verliert sie gleich wieder, weil er lieber mit Solveig tanzt, der mysteriösen Migrantin, und will mit dieser aber erst dann in den Himmel hineintanzen, wenn er sich die Erde untertan gemacht hat, als Kaiser von Gyntiana mit der Hauptstadt Peeropolis. Alle männlichen und viele weibliche Nebenrollen in dieser Szenenfolge werden von den Darstellern Peer Gynts übernommen, also von Peer Gynt selbst. Es sind Wesen der Unmöglichkeit: Gammler auf Hochtouren, Hippies, die ihre Sache tierisch ernst nehmen, faule Zauberkünstler. Der König der Trolle klingt mit seiner weinerlichen Kulturkritik in der Übersetzung von Christian Morgenstern schon wie ein Wahlredner der Alternative für Norwegen: „Mit uns geht’s die letzten Jahre zurück, / Wir haben den Halt, sozusagen, verloren, / Und Volkshilfe macht uns am End’ wieder flügg.“

          Recycelter Kulturmüll

          Den Schöpfer der Phantasiegeschöpfe erkennt man an ihren strähnigen Haaren: Sie sind samt und sonders Schmierenkomödianten und rundweg brillant. Ein besonderer Höhepunkt: die Trollprinzessin, die mit dem Trollbalg im Einkaufswagen Jagd auf den flüchtigen Papa macht. Die Haare des Kindes sind scheinbar länger als die Beine. Eifrig ballt es im rollenden Sitzstall die Fäustchen, um die mütterlichen Alimenteforderungen zu dirigieren, wie vom Affen des Morgensternschen Rhythmusgefühls gebissen. Zum Schießen, wie der kleine Tolpatsch das spielt!

          Ein Einkaufswagen? Selbst hier unten: Die Mode ist einfach nicht totzukriegen. Bücker importiert die Versatzstücke des zeitgenössischen Trash-Theaters – was nicht als Hommage an den Ortsgeist der Industriehalle gemeint ist, die dem Theater Augsburg während der Sanierung des Großen Hauses von 1877 als Ausweichspielstätte dient und ausgesprochen schmuck hergerichtet wurde. Das Wunder dieser Eröffnungspremiere: Die Reste-Rampe mit vulgären Effekten aus dem Castorf-Katalog wird vor dem überwältigend schönen Prospekt nordischer Videolandschaftsbilder zum Ort einer poetischen Epiphanie. Der Kulturmüll wird recycelt – wie Ibsen sein Gedicht zusammenbastelte aus Sagenfragmenten teilweise dubiosen Altertums, die in seiner Heimat so herumlagen. Die Blockhütte der Mutter, der trotzigen Braut, der engelsgeduldigen Solveig bleibt dreieinhalb Stunden lang auf der Bühne stehen, dient als Projektionsfläche und leuchtet je länger, desto geheimnisvoller: die Urhütte der erfinderischen Jugendkraft des mythischen Erzählens.

          Quelle: F.A.Z.

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