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Patti Smith in Berlin Barfuß durch den Sommer

 ·  Patti Smith führt dem Berliner Konzertpublikum feministische Energie zu. Dafür braucht die amerikanische Rocksängerin ihre Musik und eine Note persönlicher Mystik.

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© Pein, Andreas Nette Hippie-Lehrerin? Patti Smith beschwört in Berlin lauter gute Geister

Um Viertel nach acht geht im Berliner Tempodrom das Licht aus, freudiger Jubel bricht aus. Er steigert sich noch, als eine Band auf die Bühne schlendert, und braust auf, als ihr eine Frau in Jeans und weißem T-Shirt folgt. Dazu trägt sie eine Weste und eine etwas zu große Anzugjacke. Ihre Haare sind länger als auf dem Cover ihrer ersten Platte „Horses“, aber die Frisur ist dieselbe geblieben. Patti Smith sieht aus wie eine nette Hippie-Lehrerin.

Sie tritt ans Mikrofon, und die Band beginnt mit „Dancing Barefoot“, einem der wunderschönsten Songs von Smith. Eine seltsame Musik, singt sie, ziehe sie an und verleihe ihr ein unglaubliches Gefühl. Währenddessen streckt sie die Hände von sich weg. Wenn sie die Handinnenflächen zu sich dreht, macht es den Eindruck, als wollte sie den Heiligen Geist einladen, in sie zu fahren. Momente später wendet sie die Handinnenflächen abwehrend nach außen, um die Geister, die sie eben gerufen hat, zu bitten, sie jetzt doch nicht weiter zu bedrängen.

Verbundenheit mit Verstorbenen

Eines der nächsten Lieder handelt von der toten Amy Winehouse. Es findet sich genauso auf ihrer aktuellen Platte „Banga“ wie ein anderes über die vom Krebs besiegte Schauspielerin Maria Schneider, die als Zwanzigjährige mit ihrer Rolle in „Der letzte Tango von Paris“ berühmt wurde. Auch über den Grunge-König Kurt Cobain schrieb Smith mal einen Songtext. Sie hat es mit den Verstorbenen.

Das gilt auch für den ersten Höhepunkt des Konzerts, ein Stück über Christoph Schlingensief. Der Schlagzeuger Jay Dee Daugherty wirbelt dabei dramatisch auf der tiefen Stand-Tom. Alle anderen auf der Bühne zeigen durch engagiertes Saiten-Anschlagen, dass sie einen einzigen Akkord binnen weniger Minuten erst verwerfen und dann damit zu der von Jim Morrison besungenen anderen Seite durchbrechen können. Smith tanzt dazu so, als würde Chuck Berry beim Duckwalk ein Kriegsbeil ausgraben.

Weg zum Selbstbewusstsein

Sie ist sympathisch. Etwa, wenn sie ihren größten Hit „Because the Night“ anfängt. Kurz vor dem ersten Refrain stoppt sie die Band und geht zum Bühnenrand, um einen Frosch aus ihrem Hals zu entfernen. Dann kehrt sie zurück und sagt betont nüchtern: „Take two!“, bevor sie mit freudig herausfordernder Stimme weitermacht. Sie ist toll. Das fällt umso mehr auf, wenn sie die Bühne vorübergehend dem Gitarristen Lenny Kaye überlässt, damit der mit den anderen mal so richtig loslegt. Der Musiker, der fast während ihres gesamten Künstlerlebens für sie Gitarre gespielt und viele ihrer Stücke mitgeschrieben hat, verwandelt sich ohne ihre Anleitung in Lenny-Santana-Knopfler.

Patti Smith selbst hat sich dagegen in den sechziger Jahren von einem schwarzen Schaf in einen selbstbewussten jungen Menschen verwandelt. Das passierte während eines sturzlangweiligen Fabrikjobs. Sie wollte wissen, ob sie die Welt um sie herum mochte und ob denn hier keine anderen Absichten zu haben wären als nur die, sich gut zu benehmen. Doch bevor sie auf eine Antwort kam, ging Smith erst im Tal des Vergnügens und dann in endlosen Meeren verloren.

Davon erzählt sie in „Rock’n’Roll Nigger“, dem letzten Stück des Konzerts vor dem Zugabenteil. Sie wusch sich mit allen Wassern und nahm unglaubliche Platten auf, die ein für alle Mal klarstellten, dass Rockmusik, von der Energie ausgeht, feministische Rockmusik sein muss. Was nicht heißt, dass sie nur von Frauen gespielt werden kann. Aber es hilft. Vor allem wegen dieser Platten ist das Tempodrom ausverkauft. Das Publikum erlebt hier allerdings eine Künstlerin, die sich in ihrer Arbeit einrichtet und in der Rock-Geschichte Platz nimmt wie auf einem Sofa. Dort hat sie viele Möglichkeiten, etwas mit sich anzufangen, mit ihrer Zeit und mit ihrem Freundeskreis.

So kommt es, dass sie Johnny Depp anruft, damit der auf ihren Platten Schlagzeug und Gitarre spielt. So kann es passieren, dass sie etwas von Bulgakow und dort etwas von Gogol liest und die Lektüre sie zu einem neuen Stück anregt. Und so passt es auch, dass sie schließlich, ganz am Schluss, während die Band „Gloria“ spielt, erklärt, es ginge darum, „frei“ zu sein. Die, die uns am Freisein hindern wollen, „können wir zerstören“.

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