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Passionsspiele eröffnet Es ward Nacht in Oberammergau

16.05.2010 ·  Lebende Bilder in knalligen Farben, Massenszenen und ein Hauch von Renaissance: Christian Stückls neue Inszenierung der Oberammergauer Passionsspiele überzeugt - trotz des unnahbaren Gottessohns.

Von Teresa Grenzmann
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Es ist Nacht, als Jesus seine letzten Worte auf Hebräisch in den Himmel ruft – kurz darauf zucken Bühnenblitze. Es ist Nacht, als Maria Magdalena das leere Grab beweint – im künstlichen Vollmondschein. Und es ist Nacht, als der Auferstandene seinem Volk erscheint – im flackernden Fackellicht. Es ist Nacht in Oberammergau – zum ersten Mal bei einer Passion.

Bis zum ersten von rund hundert Aufführungsabenden dachte man, diese hart umkämpfte und endlich 2007 per Bürgerentscheid eingeführte Authentisierung würde die charakteristische Änderung im diesjährigen 41. Spiel vom „Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ darstellen, das die stolze Herrgottsschnitzergemeinde ihrem Gelübde im Jahr 1633 folgend alle zehn Jahre aufführt. Tatsächlich aber wirken die etwa zwei Stunden Dunkelheit in der Rückschau auf etwa fünf Stunden atmosphärisch dichte Passionsgeschichte lediglich wie ein natureller Nebeneffekt, allzu allnächtlich, um das zu ersetzen, was man von den fulminanten biblischen Schlussbildern des Regisseurs Christian Stückl zuletzt gewohnt war.

Christlich-jüdische Glaubensparallelen werden betont

Viel wichtiger für diese dritte Passionsspielleitung Stückls ist die Entscheidung, die Textfassung des Pfarrers Joseph Alois Daisenberger (1799 bis 1883) gemeinsam mit dem Dramaturgen Otto Huber sorgfältig zu bearbeiten: antisemitische Anspielungen werden getilgt, christlich-jüdische Glaubensparallelen hingegen werden betont. Der Vertreibung der Tempelhändler stellt Stückl etwa die Liebesbotschaft der Bergpredigt voran.

Solche Analogführungen sind besonders eindrucksvoll in den perfekten Tableaux vivants nachzuvollziehen, den traditionellen Lebenden Bildern des Mysterienspiels, welche sich in Form von Szenen aus dem Alten Testament – meist aus den Büchern Moses – den Szenen aus dem Leben und Leiden Christi anschließen. Mit dem ästhetischen Unterschied, dass der Bühnen- und Kostümbildner Stefan Hageneier sein eingefrorenes alttestamentarisches Bilderbuch in knallig bunte Farben, symbolistische Formen und der italienischen Renaissance angelehnte Figurationen taucht, während die Kostüme zu den Szenen des Neuen Testaments in Naturtönen harmonieren.

Diskussionen zwischen gelobtem und gottverdammtem Land

Hinzugekommen ist gleich zu Beginn das Standbild „Die Rettung der Israeliten im Roten Meer“ als Präfiguration für das bedingungslose Vertrauen eines Volkes in seinen gottgesandten Führer. Eingeführt und kommentiert werden die Lebenden Bilder jeweils durch einen gesprochenen Prolog und einen gesungenen Dialog zwischen dem exzellenten Chor und seinen hervorragenden Solisten. Dabei hat auch die Passionsmusik des Oberammergauers Rochus Dedler (1779 bis 1822) durch die Neukompositionen des musikalischen Leiters Markus Zwink an Unmittelbarkeit gewonnen.

Zum anderen zeigt sich die aktuelle Text-, aber auch Musik- und Bühnenbildbearbeitung in der detaillierteren Charakterisierung einzelner Protagonisten, die so in ihren Handlungen für den Zuschauer fassbarer werden. Das gilt auch für Petrus und Judas: der eine sanft, der andere cholerisch, der eine erst treu, dann reuig, der andere erst voller Ungeduld, dann voller Selbsthass. Interessant ist auch, wie viel Leidenschaft und Dynamik in den politischen Diskussionen liegen, geführt zwischen gelobtem und gottverdammtem Land, zwischen Machtallüren und Verantwortungsbewusstsein. Und zwar sowohl innerhalb des Hohen Rates, als auch zwischen dem Hohen Rat und Anton Burkharts stolzem Kaiphas, Christian Bierlings spöttischem Pilatus und Markus Köpfs oberflächlich-arrogantem Herodes.

Christian Stückl als Herr der lautlosen Massenregie

Das Volk indes, blau gekleidet bis in die Palmwedel, steht lautstark, aber orientierungslos und leicht beeinflussbar zwischen den Fronten, zwischen Führerfurcht und Gottgehorsam, und springt von einem blinden Wahn in den nächsten. Hierbei beweist sich Stückl einmal mehr als Herr der lautlosen Massenregie über 2500 begeisterte Oberammergauer, denen seit Aschermittwoch 2009 die Bärte wachsen. Hinzukommen schöne, einfache, wirkungsvolle Effekte: sorgfältig einstudierte chorische Sprechpassagen, flatternde Tauben oder Zwiegespräche, die auch auf der siebzig Meter breiten Bühne intim wirken.

Insbesondere mit seinen Lebenden Bilder und die Massenszenen weckt Stückl im Zuschauer kleine Freu- oder Frierschauer. Dennoch wirkt diese Passion wider Erwarten vorsichtiger, gleichzeitig weniger innig und weniger pompös als all die Zwischenspiele, die Probeläufe, Passionsspiel-Warming-ups der vergangenen Jahre: „König David“, „Jeremias“ oder „Die Pest“. Das liegt auch an der etwas strengen Anlage ihrer Hauptfigur: mächtiger Messias oder schmächtiger Hochstapler, gefeierter Außenseiter oder entrückter Fanatiker, verträumte Unschuld oder leeres Medium, strenger Rabbi oder angstvoller Prophet, Verführer oder Anti-Held?

Das Passionsspiel als Lebenswahrheit begreifen

Stückl intendiert „einen streitbaren jungen Juden“, der ein radikales Umdenken einfordert, der seinen Glauben auch heute noch nachvollziehbar macht, Hoffnung verbreitet und in dieser Mission das sympathische, menschennahe, barmherzige Gesicht Gottes zeigt und uns schließlich hilft, das Passionsspiel nicht nur als Lebensweisheit, sondern auch als Lebenswahrheit zu begreifen. Ein Jesus, der, wie Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler im Eröffnungsgottesdienst predigte, Anteil nimmt und Anteil gibt.

Anrührend spürbar ist die persönliche Nähe zu seinem Gott und Vater. Doch die trennt den schmalen Jesus des Frederik Mayet auch von den Menschen auf und vor der Bühne. Im Gegensatz zu seinen kumpelhaften, impulsiven Jüngern ist er weder jung noch streitbar, trägt er diesen alten, ausgebrannten, hochkonzentrierten Blick wie in Holz geschnitzt, stets erhobenen Hauptes, als hielte nur der demütige Kontakt zum Himmelreich seine beinahe zerbrechliche Erscheinung noch auf den Beinen. Selbst wenn er panisch wird – nur kurz, im ersten Angesicht des Todes –, wirkt er unnahbar, nicht natürlich. Der wahre Glaube ist wohl eine ernste Sache. Doch was für ein Vorbild für den lebendigen Glauben ist ein Mensch, der nur starr leidet, der niemals zögert, lächelt oder weint?

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