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Parsifal in Dortmund Aus dem Geist des Oratoriums

Ohne Vibrato, aber mit monströsem Originaldonnerhall: Thomas Hengelbrock führte in Dortmund den ersten „Parsifal“ mit historischen Instrumenten auf.

© Petra Coddington Vergrößern Bist Du etwa keusch? Angela Denoke als Kundry

Vorher bitte nicht! Aber hinterher, am Morgen danach, da will er gern ein paar Takte sagen. Über das sehr spezielle Instrumentarium der Aufführung zum Beispiel und über seinen neuen Blick auf die Musik Richard Wagners. Der Umgang des Dirigenten Thomas Hengelbrock mit der Presse ist so eigenwillig wie manche seiner Interpretationen. Dass ein Künstler im Nachklang des Konzertes über seine eigene Leistung sprechen will, müsste bei jedem Journalisten die Alarmglocken läuten lassen: Sollte er etwas gutzumachen haben? Will er womöglich schönreden, was weniger gelungen war?

Christian Wildhagen Folgen:  

Gemach. Nach dieser Aufführung im Konzerthaus Dortmund gab es tatsächlich Gesprächsbedarf. Hengelbrock hatte mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble zum ersten Mal Wagners „Parsifal“ im Originalklanggewand dirigiert. Längst ist die sogenannte historische Aufführungspraxis im vergangenen Jahrzehnt über ihre ursprüngliche Domäne, die Barockmusik, hinausgedrungen, bis in die Hoch- und Spätromantik. 2005 legte Bruno Weil mit der Cappella Coloniensis die erste Lesart des „Fliegenden Holländers“ auf alten Instrumenten vor, und Roger Norrington erprobt die stilistischen Erkenntnisse der Originalklangbewegung mittlerweile an den Symphonien Gustav Mahlers. Den „Parsifal“ von gut einhundertdreißig Jahren einer bewegten Rezeptionsgeschichte zu befreien ist dennoch ein Wagnis. Wer Wagners letzte Oper auf die Klangästhetik des Uraufführungsjahres 1882 zurückführt, bricht nämlich nicht nur mit einer musikalischen Interpretationstradition, sondern unweigerlich auch mit der politisch-ideologischen Vereinnahmung des „Bühnenweihfestspiels“.

Der Gralsritter singt Mendelssohn

Von der lastenden Aura eines christlich-germanischen Kultrituals, mit der die entschiedene Antisemitin Cosima Wagner den Blick auf das Stück nach des „Meisters“ Ableben so dauerhaft vernebelte, ist bei Hengelbrocks Dortmunder Aufführung nichts zu spüren. Nicht wabernde Weihe, erst recht nicht die kollektive Berauschung einer eingeschworenen, am besten auch noch „rassereinen“ Jüngerschar sind hier Programm. Allenfalls geht es um religiöse Ergriffenheit in jenem schlichten, weit universaleren Sinne, wie sie auch Aufführungen der „Matthäus-Passion“ oder des „Elias“ vermitteln können.

Hengelbrock stellt die Musik des „Parsifal“, historisch ungewohnt, aber korrekt, in die Überlieferungsgeschichte des romantischen Oratoriums. Er kann sich dabei auf die Tatsache berufen, dass Wagner in den kirchlich überhöhten Passagen, also vor allem in den Schlussteilen des ersten und dritten Aufzugs, bewusst hinter den kompositorischen Avantgardismus des „Tristan“ und der „Götterdämmerung“ zurückgegangen ist. „Der Prophet singt Mendelssohn“, lautete bezeichnenderweise ein Vorwurf, der 1905 gegen die vermeintlich rückschrittliche Musik des Jochanaan in der „Salome“ von Richard Strauss gerichtet wurde. Auch Wagners kunstreligiös gepanzerte Gralsritter sind, rein stilistisch betrachtet, eher Jünger Felix Mendelssohns-Bartholdys als Jünger des Fortschritts (auch wenn diese Sicht dem fanatischen Mendelssohn-Hasser Wagner nicht gefallen hätte).

Ein krakenhaftes Monstrum paukt alles nieder

Hengelbrock betont zu Recht, dass der „Parsifal“ Teil jener nazarenischen Rückbesinnungs- und Vereinfachungsstrategie in der Kirchenmusik der Romantik ist, die sich als „Cäcilianismus“ selbst noch in den Oratorien Franz Liszts, bei Anton Bruckner und stellenweise in der achten Symphonie von Mahler manifestiert. Wie aber klingt Hengelbrocks derart „bereinigter“ Wagner?

Neben den historischen Instrumenten, die per se etwas dunkler und vor allem deutlich weniger füllig tönen, wird das Klangbild am stärksten durch den generellen Vibrato-Verzicht bei den Streichern beeinflusst. Plötzlich fließen Themen wie das langgesponnene „Glaubensmotiv“ auf einem endlosen Bogen dahin, schlicht, gesanglich, ohne Druck und Dauer-Emphase. Auch im Fortissimo wird der Satz nie massig, die Farben leuchten, schimmern, strahlen, wie frisch befreit vom Firnis. Und auch in den anderen Instrumentengruppen hört man diese unvermischten Klänge.

Einst kühne Orchestrierungseffekte wie das Stopfen der Hörner erhalten ihren Biss zurück, das Blech glänzt weniger golden, hat dafür mehr Kern im Ton. Hinzu kommen Besonderheiten wie Holzflöten, eine Oboe deutscher Bauart, wie sie heute noch bei den Wiener Philharmonikern verwendet wird, und eine eigens rekonstruierte Alt-Oboe, die Wagner dem Englischhorn vorzog. Und dann hatte auch noch der im Fundus der Amsterdamer Oper bewahrte Nachbau der originalen Bayreuther Donnermaschine seinen spektakulären Auftritt: ein krakenhaftes Monstrum samt kurbelgetriebenen Schlägelarmen, das Klingsors Zauberreich mit grundstürzender Gewalt in den Orkus paukt.

Entschlackung ohne Weihrauch

Was für ein erhellender Effekt, wenn solche Bühnengeräusche nicht synthetisch zugespielt werden, sondern Teil der Musik sind! Das gilt zumal für die Gralsglocken, die schon Wagner arge Not bereiteten. Da man weiß, dass er sich schließlich für eine Kombination aus mehreren Schlaginstrumenten entschied, mischt Hengelbrock Plattenglocken mit tief gestimmten Java- und hohen Thai-Gongs - eine gewöhnungsbedürftige Lösung.

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Der im Ganzen gedämpftere Klang des Orchesters eröffnet nicht zuletzt dem Wagner-Gesang eine neue Bühne. Frank van Hove (Gurnemanz), Johannes Martin Kränzle (Klingsor) und Matthias Goerne (Amfortas) nutzen dies für eine fast liedhafte, stets textnahe Gestaltung ihrer Partien. Die überragend intensive Angela Denoke als Kundry dürfte sich dagegen bei den weiteren Aufführungen in Essen und Madrid noch stärker von der pastosen Tongebung des herkömmlichen Wagner-Singens lösen. Die Chöre verbinden Bayreuther Niveau mit der Klarheit eines Bach-Chorals, und Thomas Hengelbrock unterstützt diese Entschlackung mit fließenden, aber nie überhetzten Tempi, die am Ende zu einer Spieldauer von unter vier Stunden führen. In der Tat ein neuer „Parsifal“, vielleicht sogar der ursprüngliche. Auf jeden Fall einer ohne Weihrauch.

Quelle: F.A.Z.

 
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