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Bayreuther Festspiele 2016 : „Ich bin schneller als Toscanini“

Der Dirigent Hartmut Haenchen, Jahrgang 1943 Bild: dpa

Hartmut Haenchen ist eingesprungen, als den Festspielen ihr Dirigent für den „Parsifal“ absprang, zwei Wochen vor Premiere. Das Publikum jubelt. Wie hat er das gemacht? Ein Interview.

          Sie haben in nur zwölf Tagen „Parsifal“ einstudiert. Das Publikum jubelt: Ein Wunder! Und weil bei einem Wunder ja alles möglich ist, kann man überall nachlesen, Sie hätten nur zwei Proben gehabt. Stimmt das?

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Ja. Zwei Orchesterproben. Und dann kamen schon die Bühnenproben, zwei mit Orchester für den ersten Aufzug, je eine für den zweiten und dritten. Eine Korrekturprobe, dann Hauptprobe und Generalprobe.

          Das war’s?

          Na ja. Natürlich habe ich noch extra mit dem Chor geprobt, nicht nur einmal, und dann noch mehrmals mit den Solisten, und das auch noch nach der Generalprobe. Wir haben von morgens bis nachts gearbeitet.

          Warum tun Sie sich das an?

          Ist doch klar! Ich wollte und will hier das Bestmögliche rausholen, das würde jedem so gehen. Und ich wollte so viel wie möglich einarbeiten von meiner Auffassung zu dem Stück, meinem „Parsifal“-Profil. Diese Produktion hier ist ja schon länger auf dem Weg gewesen. Normalerweise probe ich einen „Parsifal“ mindestens sechs Wochen.

          Ihr wievielter „Parsifal“ ist das?

          Meinen ersten eigenen „Parsifal“ habe ich für Schwerin einstudiert, dann in Berlin und Stuttgart, zweimal in Amsterdam, außerdem in Paris, Brüssel und Kopenhagen. Bayreuth ist also mein neunter.

          Haben Sie damit gerechnet, dass die Festspiele anrufen würden, als denen plötzlich der „Parsifal“-Dirigent Andris Nelsons weglief?

          Ja, schon, ich hielt das für sehr wahrscheinlich. So schnell, so kurzfristig, da ist es nicht einfach, Ersatz zu finden. Aber ich wusste auch sofort, als ich die Nachricht am 8. Juli im Autoradio hörte: Ich kann mir in aller Ruhe überlegen, was ich tue. Sie haben natürlich zuerst bei den großen Namen nachgefragt, denen, die mit B oder R anfangen. Ich bin in Deutschland kein großer Name. An mich kam die Anfrage dann am 11. Juli, und ich habe zwei Bedingungen gestellt: Ich wollte meinen Assistenten mitbringen, Walter Althammer, der schon dreimal „Parsifal“ mit mir gemacht hatte. Und ich habe mein eigenes Orchestermaterial mitgebracht.

          Das Orchester musste quasi noch mal von vorne anfangen. Das gab böses Blut.

          Natürlich fand das Orchester das überhaupt nicht lustig! Das kann ich sehr gut verstehen. Die meisten spielen ja schließlich den „Parsifal“ hier nicht zum ersten Mal, und jetzt, in dieser Kürze der Probenzeit, alle Bewegungsabläufe komplett umdenken und anders machen, das ist unbequem. Vor allem für die Streicher. Fast alle Stricharten sind anders, verglichen mit dem Notenmaterial, das hier traditionell benutzt wird. Einer der Musiker sagte: „Wir haben so viel zu lesen, dass wir auf das Dirigentische bei Ihnen nicht auch noch reagieren können.“ Er hatte recht. Ich habe mich dann noch mal hingesetzt, mit dem Bayreuther Notenmaterial und mit meinem, um Kompromisse zu finden. Und habe festgestellt: Das ist nicht möglich. An keiner Stelle. Ich muss meine Fassung dirigieren.

          Was sind die wesentlichen Unterschiede?

          Manchmal sind es wirklich Winzigkeiten. Die Streicher im Festspielorchester spielten traditionell immer noch aus dem Erstdruck der Partitur, anders die Bläser, die spielen aus den handgeschriebenen Stimmen. Der Erstdruck hatte, wie jeder Druck, viele Fehler. Er ist auch von Richard Wagner nie autorisiert worden. Das muss man wissen. Meinen ersten „Parsifal“ habe ich aber auch noch nach dem Erstdruck dirigiert. Heute erarbeite ich mir zu allen Stücken mein eigenes Orchestermaterial, und immer kommen neue Erkenntnisse dazu. Selbst die neue Wagner-Gesamtausgabe ist ja nicht ganz fehlerfrei! Ich habe das Particell verglichen mit der Originalhandschrift, mit der Uraufführungspartitur von Hermann Levi, mit den Aufzeichnungen der Assistenten, mit den Änderungen, die auf den Klavierauszug von Anton Rubinstein zurückzuführen sind, und so weiter.

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