Home
http://www.faz.net/-gs3-73sqo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

„Parsifal“ an der Deutschen Oper Berlin Dann lieber gleich nach Oberammergau

Als der Knabe Parsifal sich im Märchenwald verlief: Regisseur Philipp Stölzl kritisiert Richard Wagners „Privat-Christentum“ und ärgert das Berliner Opernpublikum.

© dpa Vergrößern Eine „Art verdrehtes Wagner-Privat-Christentum“: Der Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl inszeniert seinen „Parsifal“ zum hundertjährigen Bestehen der Deutschen Oper Berlin

Die heilige Gralsgemeinschaft: eine sadomasochistische, das Blut und den Schmerz vergötzende Rotte fanatisierter Gläubiger in Kostümen, die an Monty Pythons „Die Ritter der Kokosnuss“ erinnern. Klingsor: ein gehörnter, mit Tierzähnen und zotteligen Schweifen geschmückter Medizinmann, der in seinem Tempelbezirk einem aztekischen Menschenopferkult anhängt. Den Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl fasziniert am „Parsifal“ eine „Art verdrehtes Wagner-Privat-Christentum“. Und da man dieses traumgleich-surreale Netz aus biblischen Anspielungen und kunstreligiösem Erlösungs-Pathos, aus Erinnerungen und Ahnungen ohnehin nicht restlos verstehen könne, es vielmehr „fühlen“ müsse, bekundete er, in seiner Jubiläums-Inszenierung zum hundertjährigen Bestehen der Deutschen Oper Berlin keine Deutung zu liefern, sondern die Geschichte auf der Bühne „einfach nur erzählen“ zu wollen.

Was aber dabei herauskommt, wenn man sich dem Bühnenweihfestspiel lediglich kundrygleich dienend oder in parsifalesk mitfühlender Naivität annähern möchte, das entpuppt sich szenisch als eine derart drastische Demaskierung christlicher Glaubensinhalte, dass große Teile des Publikums schockiert sind. Die fundamentale Kränkung ihrer derart brüsk aus einem mehr oder weniger tiefen Dämmerschlaf vermeintlicher Säkularisierung gerissenen religiösen Gefühle quittieren sie mit empörten Buhrufen, als sehnten sie sich zur Tröstung die Oberammergauer Passionsspiele herbei.

Den „Parsifal“ beim Wort genommen

Dabei ist, dass Stölzl es auf eine Provokation angelegt habe, nicht unbedingt anzunehmen. Tatsächlich nimmt sich seine Inszenierung aus wie eine Fabelstunde, in der auch all jene Vor- und Nebengeschichten als tableaux vivants szenisch getreu bebildert werden, die das eigentlich handlungsarme Libretto vor allem über die langen Erzählungen von Gurnemanz (dem Matti Salminen mit voluminösem Bass imposante Bühnenpräsenz verleiht) transportiert. Wie in einer jener altmodischen Märchenwald-Schaukästen, in denen auf Knopfdruck jeweils andere Handlungs-Stationen der Saga angeleuchtet werden, lässt Stölzl in der archaischen Felslandschaft des von ihm selbst entworfenen Bühnenbildes die Bestandsteile der Gralsrittergeschichte lebendig werden. Links oben auf einem Berg liegt die putzige Gralsritterburg, wo Titurel die heiligen Reliquien Lanze und Gral empfängt und mit ihnen das sinnstiftende Ritual seiner Männersekte begründet. Auf dem gegenüberliegenden Felsen verfolgt man den Fall des Amfortas, der in Kundrys und Klingsors Fänge geraten ist und die heilige Lanze verspielt. Später wird an diesem Fleck Parsifal - der sich als ahnungsloser Besucher in den Märchenwald verirrt hatte, wo er zunächst in seinem Anzug nur deplaziert herumstand - seinen Gegner Klingsor wenig heldenhaft hinterrücks meucheln: Als moderner Mensch erkennt und nutzt er seinen Machtvorsprung.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Vater von Drache Kokosnuss Der Mann mit drei Berufen

Am liebsten macht er alles selbst: Schreiben, Zeichnen, Vorlesen. Dann werden Ingo Siegners Figuren so lebendig wie sonst nur in der Fantasie seiner jungen Leser. In Frankfurt liest er zugunsten des Spendenprojekts F.A.Z.-Leser helfen. Mehr Von Sylvia Schwab

21.01.2015, 12:44 Uhr | Feuilleton
Trailer Der kleine Drache Kokosnuss

Aufregung im Dorf der Feuerdrachen: Das wertvolle Feuergras ist gestohlen worden! Jetzt sieht der kleine Drache Kokosnuss die große Chance gekommen, seiner Familie endlich zu beweisen, dass man sich auf ihn verlassen kann. Mehr

19.12.2014, 14:26 Uhr | Feuilleton
Orchestertag für Kinder Harfen zupfen, Trommeln schlagen, Sinfonien hören

Erfolgreiche Premiere: Die Oper lockt mit dem Orchestertag viele Eltern mit Kindern an. Vor allem die Parallelwelt unter der Bühne erweist sich als Besuchermagnet. Mehr Von Leonie Feuerbach

26.01.2015, 09:38 Uhr | Rhein-Main
Der Schweizer Reporter Kurt Pelda zur Situation in Kobane

Auf dem Radiosender HR-Info führte der Reporter Dirk Wagner ein Interview mit dem Schweizer Kurt Pelda, der sich in Kobane befindet. Seinen Aussagen zufolge hat sich die Lage beruhigt. Mehr

29.09.2014, 13:03 Uhr | Politik
Doktor Schiwago als Oper Russenkitsch schlägt Eurotrash 1:0

Kulturweltkrieg am Theater Regensburg: Anton Lubtschenkos Oper Doktor Schiwago zitiert die großen Meister im Kampf gegen europäischen Kulturschwund. Ertrag: Ein musikalisches Potpourri ohne Zusammenhang. Mehr Von KERSTIN HOLM

27.01.2015, 15:02 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.10.2012, 17:00 Uhr

Tim, nicht Charlie

Von Andreas Platthaus

Das Comicfestival in Angoulême ist das größte Europas. Nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ war diesmal alles anders. Mehr 2