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Romantische Opern in Paris : Hat Offenbach bei Saint-Saëns geklaut?

  • -Aktualisiert am

Bringt Gold und Tod: die Silberglocke, getragen von einer Choristin. Bild: PIERRE GROSBOIS

Der Palazzetto Bru Zane zeigt in Paris drei seltene französische Opern der Romantik. Die 1865 komponierte Oper „Le timbre d’argent“ hat, obwohl über Jahrzehnte vergessen, Spuren hinterlassen.

          Komplizierter als bei dem Bühnenerstling von Camille Saint-Saëns kann die Entstehungsgeschichte einer Oper kaum sein. 1865 komponierte er das lyrische Drama „Le timbre d’argent“, die „Silberglocke“, eine ziemlich verrückte, hoffmanneske Künstleroper über den Maler Conrad im Fieberwahn und seinen gruseligen Talisman in Gestalt einer silbernen Hotelklingel. Nach mehrfachen Ablehnungen und Umarbeitungen wurde das mit allen bösen und guten Mächten spielende Romantik-Spektakel 1877 in Paris uraufgeführt und schließlich 1914 in einer letzten Fassung nochmals in Brüssel vorgestellt. Danach war erst einmal Schluss.

          Ein Fall für das Centre de musique romantique française, das seinen Sitz charmanterweise in Venedig hat. Die Italien- und Opernliebhaberin Nicole Bru, millionenschwere Erbin eines Pharma-Konzerns, erwarb 2006 das Gartenhaus des venezianischen Patriziers Marino Zane aus dem siebzehnten Jahrhundert, steckte allein vier Millionen Euro in seine Restaurierung und eröffnete es 2009 unter dem Namen Palazzetto Bru Zane als Forschungsinstitut für französische Musik der Romantik. Aufgabe dieser wissenschaftlichen Einrichtung unter der Leitung von Alexandre Dratwicki ist die Erschließung und Drucklegung vergessener Partituren, um die Werke in bibliophil ausgestatteten CD-Editionen, Konzerten und Festivals wieder ans Tageslicht zu holen. Auch Saint-Saëns’ „Silberglocke“, die François-Xavier Roth und sein Orchester „Les Siècles“ zusammen mit dem Accentus-Kammerchor und dem Solistenquintett beim fünften Festival Palazzetto Bru Zane in Paris an der Opéra Comique mit triumphalem Erfolg aus der Versenkung holten, ist als CD geplant. Allein die spritzige Ouvertüre ist ein repertoireverdächtiges orchestrales Glanzstück.

          Der Wechsel von der Oper in die Operette

          Dass die „Silberglocke“ nach dem Ersten Weltkrieg von den Spielplänen verschwand, mag weniger am Sujet der Oper liegen als vielmehr an ihrem Zwitterwesen. Die weibliche Hauptrolle der Fiammetta ist stumm und mit einer Tänzerin besetzt (Raphaëlle Delaunay), als erotisches Pendant zur frommen Helene (Hélène Guilmette), der Verlobten des Malers Conrad (Edgaras Montvidas). Tanz und Ballett machen also einen Großteil der Bühnenhandlung aus (Choreographie: Herman Diephuis), und der Regisseur Guillaume Vincent verortet sie revuehaft im heutigen Pariser Variété. Er unterstreicht damit jenen Stilbruch, der dem Werk immanent ist: der Wechsel von der großen Oper in die Operette, vom extrem hohen lyrischen Arienton in die pikante Rhythmik des Vaudeville.

          Eine Szene aus der Oper „Le timbre d’argent“.
          Eine Szene aus der Oper „Le timbre d’argent“. : Bild: PIERRE GROSBOIS

          Heutigen Hörern erscheint gerade dieses Nebeneinander unterschiedlicher Genres modern, als neugierige, vorurteilsfreie Haltung eines Komponisten, der alles aufsaugt, was ihm musikalisch begegnet. Hinzu kommen einige hinreißende orchestrale Einfälle wie die Begleitung einer Tenorarie mit Solo-Violine, die seltsam schnarrenden tiefen Streicher, die „schmutzigen“ Akkorde für den Talisman oder der tollkühne Gebrauch der Hörner. Frappierend ist zudem die Erkenntnis, dass es sich bei „Le timbre d’argent“ um einen direkten Vorläufer von Jacques Offenbachs letztem Bühnenwerk, „Hoffmanns Erzählungen“, handelt. Nicht zufällig sind die Librettisten beider Opern gleich.

          Eine baldige szenische Realisierung wünscht man der Oper „La Reine de Chypre“ von Fromental Halévy, die mit hochdramatischer Verve im Théâtre des Champs-Elysées vom Orchestre de chambre de Paris unter Hervé Niquet lediglich konzertant aufgeführt wurde. Eine umwerfende Entdeckung, die die Geringschätzung des Kritikers Hector Berlioz nicht im mindesten verdient. Hat denn der Komponist Berlioz geflissentlich überhört, wie viel von seiner eigenen Musik in dieser Oper steckt?

          Dagegen konnte ausgerechnet Richard Wagner seine Bewunderung für Halévy nicht verhehlen, nachdem er in Paris einen Klavierauszug der Oper angefertigt hatte. Sechs Jahre nach seinem Erfolgsstück „La Juive“ greift Halévy in der „Königin von Zypern“ gleichsam zu den Sternen der Grand Opéra und entwirft ein gigantisches, in der venezianischen Historie des fünfzehnten Jahrhunderts angesiedeltes fünfaktiges Szenario aus Vaterlandsliebe, Edelmut, Despotismus, Verrat und Verzicht rund um eine Liebesgeschichte, die der Staatsräson geopfert wird. Kompositorisch und dramaturgisch ist Halévy ein Meister der Steigerung, die im vierten Akt mit einer grandiosen Festmusik ihren Höhepunkt erreicht, ein Meister rasanter Ensembles in einer eigenwilligen, oft schneidigen Rhythmik, ein Meister origineller Klangfarben, ein Meister schließlich der Melodie für alle Lebenslagen zwischen Schwärmerei und Verzweiflung.

          Allerdings sind die sängerischen Anforderungen exorbitant. Mit der souveränen, wahrhaft königlichen Veronique Gens als Catarina Cornaro war die Titelrolle optimal besetzt. Aber die musikalische Hauptrolle in dieser Frauenoper hat insgeheim der Tenor des Gérard, der geopferte Verlobte Catarinas. Für diese Partie brauchte es einen Sänger wie Juan Diego Flórez mit strapazierfähiger Höhe, rhythmischer Präzision, lyrischer Geschmeidigkeit und vor allem Durchhaltevermögen. Einen solchen zu finden ist schwierig genug. Sagt der vorgesehene Sänger dann noch ab, wird es prekär. Eigentlich verfügt Sébastien Droy über die verlangten Qualitäten, aber da er die Partitur erst am Tag der Aufführung erhielt, hatte er sich so verausgabt, dass ihn abends seine Stimme im Stich ließ.

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          Die dritte Opernproduktion beim Festival Bru Zane galt einem unbekannten Werk des späten achtzehnten Jahrhunderts, der „Phèdre“ von Jean-Baptiste Lemoyne, einem Zeitgenossen Glucks, der in Deutschland studiert hatte. Im pittoresk vergammelten Théâtre des Bouffes du Nord wurde allerdings eine auf drei Akte, zehn Musiker und vier Sänger reduzierte Fassung von Benoît Dratwicki gezeigt, Leiter des Centre de musique baroque de Versailles und Zwillingsbruder von Institutsleiter Alexandre, eine Version, die schon in Caen zu sehen war.

          So viel Zerknirschung, Selbstquälerei und Verhängnis in c-Moll sind kaum zu ertragen, zumal Regisseur Marc Paquien in der halbszenischen Aufführung mit dem Ensemble Le Concert de la Loge von Julien Chauvin den Protagonisten zusätzliche Manieriertheiten abverlangte, wenn etwa Theseus (der imposante Bassbariton Thomas Dolié) seine große Arie auf einem Hocker kauernd zu absolvieren hat. Ähnliche Regieeinfälle kennt man eher von deutschen Bühnen. Und aus Deutschland kam auch die gern entgegengenommene Ehrenurkunde des Preises der Deutschen Schallplattenkritik, die Patronin Nicole Bru vor der Aufführung der „Phèdre“ für ihre Verdienste um die Oper in Empfang nahm.

          Quelle: F.A.Z.

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