http://www.faz.net/-gqz-74giu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 20.11.2012, 22:08 Uhr

„Otello“ und „Tristan“ in Venedig Wer ist denn schon dieser Vagner?

Verdi und Wagner sind einander nie begegnet. Venedig aber spielt eine Schlüsselrolle im Schaffen beider. Das Teatro La Fenice zeigt jetzt „Otello“ und „Tristan“.

von , Venedig
© Michele Crosera Massenszenen konnte Verdi besser als Wagner. Deshalb hier ein Bild aus dem venezianischen „Otello“: Hurra-Gesänge im Zeichen von Löwe und Skorpion

Es naht mit Macht das Wagner-Verdi-Jahr 2013. Zum zweihundertsten Geburtstag beider Operngroßmeister wird dann, mit der üblichen Überschätzung des Dezimalsystems, eine Welle ihrer Werke durch den Musikbetrieb schwappen. In der schicksalhaften Stadt, in der Giuseppe Verdi einige seiner Meisterwerke herausbrachte und wo Richard Wagner fern allem Deutschtum lebte und starb, läutete das Teatro La Fenice die Feierlichkeiten schon mal mit einem Doppelschlag ein.

Es ist ja nicht so, dass das Fenice, wo Wagner seine letzte Musik hörte und der Wiederaufbau mit der „Traviata“ gefeiert wurde, keine passenden Opern zur Zweihunderterfeier bereit hätte: „Otello“, der Mohr von Venedig, und „Tristan“, der in Venedig erdachte Liebes-Tor von Cornwall - und welches andere Haus könnte in der momentanen Opernkrise Italiens zwei solche Brocken gleichzeitig stemmen?

Glitzerkasten als Monumentaldrama

Wagner und Verdi, vom Schicksal mit demselben Geburtsjahr gestraft, gelten als große Antipoden nicht nur der Opernästhetik, sondern ganzer Kulturen: Musikantentum gegen Vergeistigung, Bühnenblut gegen Intellekt, Abgeordneter gegen Königsliebling, Humandrama gegen Menschheitsmythos, Rumpelverse gegen Literaturlibretto. Fast nichts an dieser Dialektik hält näherer Überprüfung stand. Doch Franz Werfels Verdi-Roman, in dem der Maestro durch Venedigs Gassen streift und mit dem Faszinosum Wagners ringt, hat dieses Bild zementiert. Und doch lehrt dieses Operndoppel, wie wenig Verdi und Wagner letztlich verbindet, wie isoliert die beiden Galaxien nicht einander umkreisen, sondern autistisch ihre Kreise ziehen.

“Otello“ begreift Francesco Micheli ganz konventionell als Monumentaldrama, stilisiert im Glitzerkasten voller Sternbilder, die den Protagonisten das Opernurteil aus dem Bühnenhimmel verkünden: Nichts zu machen gegen das Verhängnis! In typisch italienischer Hochglanzästhetik mit Dingsymbolen (hier: güldene Schiffsmodelle), mit einem geometrisch klaren Rahmen, mit Design-Gewändern und blütenreinen Habsburger-Uniformen, mit orientalisierendem Mobiliar und etwas ballettösem Kitsch wie einem Furiengrüppchen, das den Mohren umschmeichelt - so meißelt die Regie ziemlich gedankenlos Verdis Credo heraus: Hier singen Menschen um ihr Leben.

Rettung der Opfer

Gregory Kunde in der Titelrolle ist der kraftstrotzende, von keiner Stimmbandblässe angekränkelte Antiheldentenor, den die Rolle seit der Uraufführung mit dem dynamischen Francesco Tamagno zwingend verlangt und dessen stilbildende Wucht im Verismo manche Stimme ruinieren sollte. Jago hat man allerdings die Liebenden schon diabolischer in den Abgrund singen hören als beim sonst ordentlichen Lucio Gallo.

Und Leah Crocettos stimmfüllige Desdemona hätte etwas melancholischer und weher intonieren können, doch spätestens bei ihrer minimalistischen Trauerweidenballade wurde klar, dass Verdi nicht erst beim Spätwerk „Otello“ jedes Mitleid mit seinen Helden und Ehrenmördern verloren hatte: Seine Musik, die sich hier zu einer hochkomplexen Tonprosa aus Kurzmelodien verdichtet, rettet in der Kunst die Opfer. Und das sind immer die Frauen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Doppelpack für AS Rom Totti, du bist ein Mythos

Seit Wochen schwelt beim AS der Streit über die Zukunft der 39 Jahre alten Klub-Ikone Francesco Totti. Nun wird er gegen Turin in der 86. Minute eingewechselt – und dreht das Spiel im Alleingang. Mehr

21.04.2016, 12:08 Uhr | Sport
Verdi Warnstreiks an deutschen Flughäfen

Wegen des Warnstreiks der Gewerkschaft Verdi im Öffentlichen Dienst sind an deutschen Flughäfen zahlreiche Flüge gestrichen worden. Allein die Lufthansa in Frankfurt hat für Mittwoch fast 900 der geplanten 1500 Flüge abgesagt. Mehr

27.04.2016, 10:56 Uhr | Wirtschaft
Pilcher-TV mit Harald Schmidt Der englische Patient sucht eine Verbindung

Rosamunde Pilcher weiß, was Frauen wollen: Männer im Arztkittel und einen Ring am Finger. Dieses Mal regiert allerdings Harald Schmidt hinein. Da schlagen die Herzen höher. Mehr Von Oliver Jungen

24.04.2016, 17:13 Uhr | Feuilleton
Video Verdi setzt Warnstreiks fort

Am Mittwoch will Verdi auch an mehreren deutschen Flughäfen Warnstreiks durchführen. Laut der Lufthansa werden Zehntausende Reisende betroffen sein. Wegen abweichender Ankündigungen zur Streikdauer und den jeweils bestreikten Bereichen würden die Auswirkungen an den verschiedenen Flughäfen unterschiedlich sein, teilte die Fluggesellschaft am Montagabend mit. Mehr

26.04.2016, 19:20 Uhr | Wirtschaft
Verdi Warnstreiks legen deutsche Flughäfen lahm

Bodenpersonal und Feuerwehren lassen heute Morgen die Arbeit ruhen, Hunderte Flüge fallen aus. Vor der nächsten Verhandlungsrunde im Öffentlichen Dienst soll das ein Signal an die Arbeitgeber sein. Mehr

27.04.2016, 07:22 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Geheimsache

Von Edo Reents

Es ist nicht zu fassen: Der neue BND-Chef ist ein Vertrauter Wolfgang Schäubles. Ist sein Lebenslauf jetzt noch steigerungsfähig? Mehr 4 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“