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„Otello“ und „Tristan“ in Venedig : Wer ist denn schon dieser Vagner?

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Massenszenen konnte Verdi besser als Wagner. Deshalb hier ein Bild aus dem venezianischen „Otello“: Hurra-Gesänge im Zeichen von Löwe und Skorpion Bild: Michele Crosera

Verdi und Wagner sind einander nie begegnet. Venedig aber spielt eine Schlüsselrolle im Schaffen beider. Das Teatro La Fenice zeigt jetzt „Otello“ und „Tristan“.

          Es naht mit Macht das Wagner-Verdi-Jahr 2013. Zum zweihundertsten Geburtstag beider Operngroßmeister wird dann, mit der üblichen Überschätzung des Dezimalsystems, eine Welle ihrer Werke durch den Musikbetrieb schwappen. In der schicksalhaften Stadt, in der Giuseppe Verdi einige seiner Meisterwerke herausbrachte und wo Richard Wagner fern allem Deutschtum lebte und starb, läutete das Teatro La Fenice die Feierlichkeiten schon mal mit einem Doppelschlag ein.

          Es ist ja nicht so, dass das Fenice, wo Wagner seine letzte Musik hörte und der Wiederaufbau mit der „Traviata“ gefeiert wurde, keine passenden Opern zur Zweihunderterfeier bereit hätte: „Otello“, der Mohr von Venedig, und „Tristan“, der in Venedig erdachte Liebes-Tor von Cornwall - und welches andere Haus könnte in der momentanen Opernkrise Italiens zwei solche Brocken gleichzeitig stemmen?

          Glitzerkasten als Monumentaldrama

          Wagner und Verdi, vom Schicksal mit demselben Geburtsjahr gestraft, gelten als große Antipoden nicht nur der Opernästhetik, sondern ganzer Kulturen: Musikantentum gegen Vergeistigung, Bühnenblut gegen Intellekt, Abgeordneter gegen Königsliebling, Humandrama gegen Menschheitsmythos, Rumpelverse gegen Literaturlibretto. Fast nichts an dieser Dialektik hält näherer Überprüfung stand. Doch Franz Werfels Verdi-Roman, in dem der Maestro durch Venedigs Gassen streift und mit dem Faszinosum Wagners ringt, hat dieses Bild zementiert. Und doch lehrt dieses Operndoppel, wie wenig Verdi und Wagner letztlich verbindet, wie isoliert die beiden Galaxien nicht einander umkreisen, sondern autistisch ihre Kreise ziehen.

          “Otello“ begreift Francesco Micheli ganz konventionell als Monumentaldrama, stilisiert im Glitzerkasten voller Sternbilder, die den Protagonisten das Opernurteil aus dem Bühnenhimmel verkünden: Nichts zu machen gegen das Verhängnis! In typisch italienischer Hochglanzästhetik mit Dingsymbolen (hier: güldene Schiffsmodelle), mit einem geometrisch klaren Rahmen, mit Design-Gewändern und blütenreinen Habsburger-Uniformen, mit orientalisierendem Mobiliar und etwas ballettösem Kitsch wie einem Furiengrüppchen, das den Mohren umschmeichelt - so meißelt die Regie ziemlich gedankenlos Verdis Credo heraus: Hier singen Menschen um ihr Leben.

          Rettung der Opfer

          Gregory Kunde in der Titelrolle ist der kraftstrotzende, von keiner Stimmbandblässe angekränkelte Antiheldentenor, den die Rolle seit der Uraufführung mit dem dynamischen Francesco Tamagno zwingend verlangt und dessen stilbildende Wucht im Verismo manche Stimme ruinieren sollte. Jago hat man allerdings die Liebenden schon diabolischer in den Abgrund singen hören als beim sonst ordentlichen Lucio Gallo.

          Und Leah Crocettos stimmfüllige Desdemona hätte etwas melancholischer und weher intonieren können, doch spätestens bei ihrer minimalistischen Trauerweidenballade wurde klar, dass Verdi nicht erst beim Spätwerk „Otello“ jedes Mitleid mit seinen Helden und Ehrenmördern verloren hatte: Seine Musik, die sich hier zu einer hochkomplexen Tonprosa aus Kurzmelodien verdichtet, rettet in der Kunst die Opfer. Und das sind immer die Frauen.

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