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Ostukraine : Ihr seht uns nicht als Menschen an?

Ich zieh mir selbst die Ohren lang: Anna Ambrosiewa, eine Schauspielerin mit bewegter Biographie, als Häsin im Severodonezker Dokumentartheaterstück. Bild: Kristina Khomenko

Dann kreischen wir eben wie Tiere! Ukrainische Binnenflüchtlinge aus den besetzten „Volksrepubliken“ schildern ihr zerrissenes Schicksal mit den Mitteln einer dokumentarischen Theaterperformance.

          Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, nur vierzig Kilometer von der russischen Grenze entfernt, steht im eingefrorenen Krieg mit dem großen Nachbarland fest zur Kiewer Führung. Zusammenstöße zwischen Euromaidan-Befürwortern und prorussischen Aktivisten während des Präsidentensturzes vor zwei Jahren blieben in der Hauptstadt der russischsprachigen Intelligenzija eine Episode. Dafür beliefern Charkiws Industriebetriebe mangels anderer Abnehmer weiterhin den Kriegsgegner Russland. Und Bürgermeister Gennadi Kernes, der mehrmals klug die politischen Seiten wechselte, deswegen aber auch fast einem Mordanschlag zum Opfer fiel, wurde mit großer Mehrheit wiedergewählt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In dieser Zeit muss man den Mund halten können, sagt die Literaturdozentin Viktoria. Ihr Telefon werde abgehört, versichert sie. Viktoria ist wie viele hier zur Hälfte Russin, zur Hälfte Ukrainerin, identifiziert sich jedoch mit der russischen Kultur. Sie hätte eine russische Annexion Charkiws begrüßt. Zum Glück heirate ihre Tochter bald einen Moskauer und werde russische Staatsbürgerin, freut sie sich, bedauert nur, dass der Bräutigam ein willensschwacher Nichtsnutz sei. Viktoria hält die ukrainische Literatur für zweitklassig, ebenso das ukrainische Theater: eine Mischung aus avantgardistischer Performance und Slapstick-Komik, erklärt sie mit leidendem Gesichtsausdruck.

          Also besuchen wir ersatzweise die Premiere von Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“ in der Charkiwer Oper. Im Publikum sitzt ein Trupp Soldaten. Die ausgezeichnet musizierte, traditionell inszenierte Produktion erweist sich als brandaktuell. Das Drama der blumenzarten Japanerin, die sich mit einem amerikanischen Marineoffizier verbindet und sich deswegen mit ihrer Verwandtschaft überwirft, wirkt in der Ukraine, wo die blumenbekränzte Frau ein Nationalsymbol darstellt, wie eine Allegorie. Der Amerikaner reist ab, lässt ihr kaum Geld da. Doch die romantische Heldin wartet auf ihn, auf dem Blütenbäumchen in der Bühnenmitte prangt bis zum Schluss ein Sternenbanner. Endlich kommt er, aber nur, um ihr das gemeinsame Kind wegzunehmen. Soll das die vielen jungen Ukrainer versinnbildlichen, die ihr Land Richtung Westen verlassen haben?

          Zwischen Besatzern und Nationalisten

          Wir sind auf Durchreise ins Krisengebiet, das ATO-Zone genannt wird, abgekürzt für „Antiterroroperation“. Unser Ziel ist Severodonezk, eine ehemalige sozialistische Musterstadt im freien Teil des Lugansker Gebiets. In Severodonezk, das nur wenige Monate in der Hand von Freischärlern der prorussischen „Volksrepubliken“ war, residiert der Exil-Gouverneur von Lugansk. Viele vor den Besatzern geflohene Lugansker fanden dort Arbeit und Unterkunft. Deswegen hat der Verein Vladopera, der freie Kulturprojekte in Russland und der Ukraine organisiert, gemeinsam mit dem Kiewer Goethe-Institut dort ein Dokumentartheaterstück namens „Baiki severa“ („Fabeln des Nordens/aus Severo“) produziert, das die Traumata vieler Ostukrainer, die von Russland aus angegriffen, aber auch von ihren Landsleuten im Westen misstrauisch beäugt werden, bühnenkünstlerisch verarbeitet.

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