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„Walküre“ und „Tosca“ : Von jetzt an bitte Oper höchstens noch semikonzertant!

Totalitär anmutend: Das beeindruckende Bühnenbild in Salzburg gibt die Kulisse für Anja Harteros und Peter Seiffert als Wälsungenpaar. Bild: OFS/Forster

Es wird wieder an der Rampe gesungen: In Salzburg exhumiert Christian Thielemann die „Walküre“-Inszenierung Herbert von Karajans aus dem Jahr 1967, in Baden-Baden bereitet Simon Rattle der „Tosca“ ein opulentes Luxusgrab.

          Gute Botschaft aus den Festspielhäusern in Baden-Baden und Salzburg. Endlich! Das sogenannte Regietheater ist am Ende! Es wird wieder an der Rampe gesungen! Den studierten, etablierten Regisseurinnen und Regisseuren fällt plötzlich überhaupt nichts mehr ein, und falls doch, dann machen sie nichts draus. Nachwuchs sollte also jetzt schleunigst umsatteln, auch die letzten alten großen Vorbilder packen gerade ein und gehen nach Hause. Tschüs, Gesamtkunstwerk, Vorhang zu: Von jetzt an möchten wir im Opernhaus am liebsten nur noch konzertante Aufführungen sehen.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Das illustre Festspielpublikum ist sicher nicht daran schuld. Gerade bei Festspielen hat man schließlich in den letzten Jahren immer wieder viel Neugierde und Geduld bewiesen angesichts der vielen nackerten Schnapsideen, die angesagten Designer-Regisseuren so durch die Rübe rauschen. Aber nun rauscht gar nichts mehr, der Schnaps ist aus. Was uns bleibt, sind die Erinnerungen an die guten alten Zeiten. Der Retro-Zaubertrank, der von Serge Dorny 2015 (leider vergebens) als Medizin für die schwächelnde Semperoper ersonnen worden war, hat sich selbständig gemacht, er wird herumgereicht an vielen Opernhäusern, wandert von Lyon über Mannheim nach Prag und Mailand.

          Eine ideologisch entrümpelte Weltenscheibe

          Und Maestro Christian Thielemann, Chefdirigent der sächsischen Staatskapelle und künstlerischer Leiter der Salzburger Osterfestspiele, fand zumindest diese eine Dorny-Idee so klasse, dass er sie für Salzburg adoptiert hat. Hier finden heuer zum fünfzigsten Mal die von Herbert von Karajan 1967 begründeten Osterfestspiele statt. Auf dem Programm: die totale Retrospektive. Wiederaufgelegt wird die fünfzig Jahre alte Inszenierung der „Walküre“ von Richard Wagner, die Herbert von Karajan damals persönlich erarbeitet hatte, in einem eigens für das große Festspielhaus entworfenen Riesenbühnenbild von Günther Schneider-Siemssen. Dessen Bühnenbilder, rekonstruiert von Jens Kilian, sind überwältigend.

          Lichtspiel: Der Planetennebel als Projektion auf der Rückwand schafft eine besondere Atmosphäre
          Lichtspiel: Der Planetennebel als Projektion auf der Rückwand schafft eine besondere Atmosphäre : Bild: dpa

          Ihre totalitäre Anmutung zwingt den Zuschauer in die Knie. Die abstrakt-geometrische Kahlheit von Scheibe, Kreis und Licht erinnert an die Tabula rasa der zuvor von Wieland Wagner ideologisch entrümpelten Weltenscheibe. Die filmreifen Lichtprojektionen auf der Rückwand, all die Planetennebel, Sonnenaufgänge und Weltall-Projektionen beamen uns zurück in eine Zeit, als die erste Mondlandung noch bevorstand und alle kleinen Jungs Astronauten werden wollten. Oder wenigstens Pilot, wie Karajan.

          Passend zu diesen überwältigenden Bildern dirigiert Christian Thielemann, der noch keinen Flugschein hat und kein bisschen aussieht wie Karajan, obgleich er an diesem Abend Karajans Stellvertreter auf Erden ist, eine klanglich bildschöne „Walküre“. Sie taucht stürmisch, leuchtend, gleißend, schimmernd, lockend aus dem Graben auf. Sie kennt atemraubend agogisch ins Weite gespannte Kurven, rauschhafte Opulenz. Geht der Wonnemond im ersten Aufzug noch eher zügig vonstatten, gewiss auch zur Schonung der Sänger, so findet Wotans pausendurchwehter Abschied im dritten Aufzug überhaupt kein Ende mehr. Und bleibt dabei transparent und kammermusikalisch durchsichtig. So pointillistisch arbeitet die Dresdner Staatskapelle, so genial gelingen die Farbmischungen, so beredt blühen die Klangreden, dass man jeden einzelnen Holzbläser, jeden einzelnen Hornisten, Posaunisten oder Kontrabassisten aus dem Graben herausklauben und küssen könnte. Und die seidenfeinen Streicher sowieso.

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          Die Sängerbesetzung ist festspielwürdig. Anja Kampe als Brünnhilde singt lebhaft kehlig, vielfarbenstark und strahlend, Anja Harteros bezaubert als elegante, telegene und fast vollkommen keimfreie Sieglinde, Peter Seiffert, inzwischen dreiundsechzig, imponiert mit seinem schon recht blechernen, aber dennoch standfesten und ausdrucksstarken Siegmund, Christa Mayer trumpft auf als unwiderstehliche Vollblut-Fricka, Georg Zeppenfeld agiert als Hunding vorbildlich schwarz und boshaft, und der junge Vitalij Kowaljow macht als wolkig verhangener Wotan immerhin gute Figur.

          Kristine Opolais als Tyrannenmörderin Tosca und Evgeny Nikitin als klischeehaft dämonischer Polizeichef Scarpia.
          Kristine Opolais als Tyrannenmörderin Tosca und Evgeny Nikitin als klischeehaft dämonischer Polizeichef Scarpia. : Bild: dpa

          Diese drei Faktoren zusammengenommen (gutes Casting, herausragende Kapelle, überwältigendes Bühnenbild) hätten für einen großen semikonzertanten Festspiel-Abend vollkommen ausgereicht. Irgendjemand hatte aber die Idee, dass, weil Karajans Personenregie sich weiland weitgehend im Düstern abgespielt hatte und auch keine Regiebücher vorhanden sind, die bewährte und etablierte Regisseurin Vera Nemirova engagiert werden müsse, damit sie dieser „Rekreation eines Bühnenwerkes“ ein paar neue Regieeinfälle hinzufügt. Das war keine gute Idee. Nemirova fiel, siehe oben, nicht viel ein. Genauer: Ihr fiel ungefähr dreimal etwas ein, was nicht richtig funktionierte.

          Rampensingen vom Feinsten

          Erstens: ausgiebiges, retromäßiges Rampensingen. Zweitens: ein hölzernes Steckenpferd, das Brünnhilde von Wotan geschenkt kriegt, lustig, sie lacht sich schlapp; danach wird es aber nicht mehr gebraucht. Drittens dreht sich Siegmund am Fuß der Weltesche eine Zigarette, total normal, also ein netter, alter Junge von hier und heute. Hat sie aber nicht angezündet, dazu kommt es nicht, Thielemann und Wagner spielen einfach weiter, und schon muss Siegmund den Regieeinfall wieder in seine Parkajacke stecken und das Schwert Nothung von damals und gestern aus dem Baum ziehen.

          Bei der Festspieleröffnung in Baden-Baden, am Abend zuvor, passierten ähnliche Pannen. Freilich, die Retromode ist hier noch nicht angekommen, weshalb der studierte und bewährte Regisseur Philipp Himmelmann in seiner Lesart der phantastischen Oper „Tosca“ von Giacomo Puccini fast ganz auf sich gestellt war. Er haderte mit dem Umstand, dass auch in diesem Stück, das so krass und prophetisch mit dem Scarpia-Motiv des Bösewichts beginnt und folgerichtig mit dem Tod aller Beteiligten endet, ganz unaufhaltsam, ja, fortlaufend herrlich gesungen und musiziert wird. Da kann es dann schon vorkommen, dass der Tenor mal zwei Meter nach rechts geht und dann unverrichteter Dinge wieder zwei Meter nach links, nur damit die Zeit herum ist. Der Höhepunkt der Regieeinfälle im ersten Akt ist erreicht, wenn Tenor und Sopran gleichzeitig mittig vorn auf die Knie fallen, sich umhalsen und ins Publikum singen: Rampensingen vom Feinsten.

          Der Puccini-erfahrene Marcelo Àlvarez als authentischer Cavaradossi.
          Der Puccini-erfahrene Marcelo Àlvarez als authentischer Cavaradossi. : Bild: dpa

          Der Puccini-erfahrene Tenor Marcelo Àlvarez singt idiomatisch einfach hinreißend, er hat immer noch jugendlichen Schmelz in der Stimme, und in der Höhe sitzt eine kleine blanke Trompete. Seine geliebte Floria Tosca dagegen, in jede Menge nuttiges rotes Geflattere eingehüllt, wirkt am Premierenabend seltsam brüchig und belegt. An sich ist Kristine Opolais eine famose, höhenstarke Sopranistin, aber auch sie rennt ziemlich viel hin und her, ringt die Hände, richtet die Locken und zupft am Geflattere herum. An sich ist Evgeny Nikitin ein solider Bariton, ohne Wucht und Schwärze. Hier, als Polizeichef Scarpia, agiert er so klischeehaft dämonisch wie der dritte Vorstadtzuhälter von links in einer Polizei-Doku-Serie.

          Es gibt aber in dieser so konsequent und genial gebauten Geschichte von der Tyrannenmörderin aus Liebe, deren blutbefleckte, zugleich unschuldsweiße Hände von ihrem Herzgeliebten so euphorisch besungen werden, als seien sie reine Himmelsschlüsselblumen, keinen Platz für Klischees. Hier ist kein Ton, keine Zäsur zu viel. Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker trugen dem herrlich Rechnung, sie kümmerten sich nicht weiter um das Elend droben auf der Bühne, zauberten sich im Orchestergraben ihre eigne, symphonische „Tosca“ und erfrischten und erfreuten uns mit einer opulenten, rauschhaften Puccini-Orgie. Vorhang.

          Quelle: F.A.Z.

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