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Orchester : Berliner Philharmoniker können sich nicht auf Dirigenten einigen

  • Aktualisiert am

Warten auf den Neuen: Journalisten vor der Jesus-Christus Kirche in Berlin Bild: dpa

Die Berliner Philharmoniker sind das einzige Top-Orchester weltweit, das ihren Dirigenten selbst bestimmt. Die Wahl aber wird zur Belastungsprobe. Nach elf Stunden brachen die Musiker am Abend erschöpft ab.

          Stundenlange Diskussionen hinter verschlossenen Türen: Die Wahl eines neuen Chefdirigenten ist für die Berliner Philharmoniker am Montag ohne Ergebnis geblieben. Es habe mehrere Wahlgänge gegeben, aber die Musiker konnten sich nicht auf einen Kandidaten einigen. Das teilte das Orchester am Abend mit. Das Wahlprozedere müsse nun wiederholt werden, was innerhalb des nächsten Jahres geschehe.

          Auch wenn nichts nach außen drang: Der Abbruch der Wahl deutet auf tiefe Meinungsverschiedenheiten und einen Richtungsstreit unter den 124 Musikern in der Orchesterversammlung hin. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass ein von den Philharmonikern angesprochener Gewinner in letzter Minute das Angebot abgelehnt hat - eine Spekulation, die das Orchester am Abend aber zurückwies.

          Die  Berliner Philharmoniker gelten als weltweit einziges Spitzenorchester, das seinen Chef selbst wählen kann. Ob jung oder etwas gesetzter, energisch oder bedächtig, ein Hansdampf oder ein Maestro in Ehren - in den vergangenen Wochen waren alle möglichen Kandidaten für den wohl begehrtesten Job in der Klassikwelt ins Spiel gekommen.

          Von Gustavo Dudamel, dem Jungstar aus Venezuela, Christian Thielemann, dem einstigen Karajan-Assistenten und Orchesterchef bei der Staatskapelle Dresden, Andris Nelsons, dem lettischen Senkrechtstarter beim Boston Symphony Orchestra bis hin zu Daniel Barenboim - wessen Name am Ende für die Position feststeht, das wird auch Auskunft darüber geben, wie sich das Elite-Orchester weiterentwickeln wird.

          Thielemann gilt als Favorit

          Eine starke Strömung, vor allem unter den Streichern, favorisiert Thielemann. Der gebürtige Berliner gilt als Konservativer mit einem deutlichen Hang zum spätromantischen deutschen Repertoire und zu Komponisten wie Richard Wagner, Johannes Brahms und Richard Strauss. Ob Thielemann sich auch dem Bildungsprogramm für junge Menschen widmet, wie Rattle, dürfte fraglich sein. Viele mögen auch Thielemanns politische Haltung nicht, etwa sein jüngst geäußertes Verständnis für Pegida.

          Der 36 Jahre alte Nelsons, der auch immer wieder als Favorit genannt wurde, Chef des Boston Symphony Orchestra, gilt als experimentierfreudiger Erneuerer. Doch zu diffus sind bisher seine musikalischen Vorstellungen.

          Ein Dilemma ist, dass es zwar eine ganze Riege junger Dirigenten gibt, Kandidaten im mittleren Jahrgängen aber eher dünn gesät sind. Dazu zählt Riccardo Chailly (62), Chef im Leipziger Gewandhaus und an der Mailänder Scala.

          Das 1882 gegründete Orchester wird vom Land Berlin subventioniert, gilt aber in seinen Entscheidungen als weitgehend unabhängig. Das Recht auf Selbstverwaltung wurde 1952 festgeschrieben.

          Sir Simon Rattle leitet die Philharmoniker noch bis 2018
          Sir Simon Rattle leitet die Philharmoniker noch bis 2018 : Bild: dpa

          Auf Twitter wurde #berlinerphilharmoniker am Montag zu einem der Trends des Tages. Viele amüsierten sich über das lange Warten und brachten Namen von Fußballtrainer Jürgen Klopp über GDL-Chef Claus Weselsky bis zu Bandleader James Last ins Spiel. „Karajan, steige herab!“, twitterte ein Nutzer. Zu den wartenden Journalisten vor der Kirche gesellten sich am Montagabend auch Nachbarn, viele von ihnen Musikfreunde und Fans des Orchesters. Einige erinnerten an ihr letztes Erlebnis in der Philharmonie, fachsimpelten und sprachen sich für oder gegen diesen oder jenen Kandidaten aus. Die Philharmoniker selbst suchten hinter den Backsteinmauern derweil erfolglos nach dem richtigen Namen.

          Quelle: pede./dpa

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