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Opernregie in Salzburg : Manche Stücke brauchen Dynamit

  • Aktualisiert am

Inszeniert Mozarts „Ascanio in Alba”: der 29jährige David Herrmann Bild: F.A.Z.-Foto Helmut Fricke

David Hermann, Jahrgang 1977, ist der bislang jüngste Opernregisseur bei den Salzburger Festspielen. Am Donnerstag hat seine erste Mozart-Oper Premiere. Ein Gespräch über die Jugend, die Stille und Opern, die man knacken muß.

          David Hermann, Jahrgang 1977, ist der bislang jüngste Opernregisseur bei den Salzburger Festspielen. Mit 23 Jahren gewann der Absolvent der Hanns-Eisler-Musikhochschule den Internationalen Wettbewerb für Regie und Bühnenbild in Graz. Eigene Inszenierungen schuf er fürs Luzerner Theater, an der Oper Bonn und mit dem dreiteiligen Monteverdi-Zyklus in Frankfurt. Am Donnerstag gibt David Hermann mit „Ascanio in Alba“ sein Mozart-Debüt.

          Nimmt man Sie mit neunundzwanzig Jahren in Salzburg überhaupt ernst?

          Daß Jugend der Qualität einer Operninszenierung nicht schadet, weiß man in Salzburg. Man kennt mich dort ja auch, schließlich war ich bei den Festspielen als Assistent von Hans Neuenfels tätig.

          Arme Sylvia - Szene aus David Herrmanns Inszenierung

          Ein ganz schöner Karrieresprung.

          Das mag sein, ist aber nicht von großer Bedeutung. Wichtig ist, was wir, mein Ausstatter Christof Hetzer und ich, auf die Bühne bringen.

          Das klingt sehr bescheiden.

          Aber so ist es. Früher habe ich gedacht, daß man einen bestimmten Weg gehen muß, um Erfolg zu haben. Heute weiß ich, daß künstlerische Entwicklungen nie geradlinig verlaufen. Vieles hängt von Zufällen ab.

          Von was für Zufällen denn?

          Wer in der Vorstellung sitzt, zum Beispiel. Wem die Inszenierung gefällt.

          Wie sehen Ihre ersten Arbeitsschritte bei einer Operninszenierung aus?

          Anfangs habe ich immer eine große Abneigung gegen das Stück. Denn ein klassisches Opernstück ist vor allem eins: voller Widerstände. Das Stück ist alt, sehr lang und entspricht nicht unseren Wahrnehmungsgewohnheiten. Es ist wie ein Tresor, für dessen Zugang ich die passenden Codes finden muß - bei manchen Stücken braucht man Dynamit.

          Das hört sich frustrierend an.

          Das ist es auch oft. Manchmal hat man das Gefühl, das Stück macht sich über einen lustig, weil man den passenden Code noch nicht gefunden hat. Es gibt Phasen, in denen ich wochenlang apathisch in der Wohnung auf und ab gehe und auf die richtige Idee warte.

          Was macht Ihre Inszenierungen aus?

          Beim Musiktheater fließen viele Sinneseindrücke zusammen: Musik, Gesang, Text, Spiel und Ästhetik. Oft sind Stücke in ihrer Anlage sehr geschlossen, deswegen arbeite ich gerne mit Sprache und Stille, denn sie können neue Zugänge ermöglichen. Die Stille, die in unseren Köpfen vibriert, selbst wenn nichts passiert. Die erwartungsvolle Stille der Zuschauer - auch sie ist Teil der Komposition. Wunderschön ist auch die Stille, aus der ein Ton herauswächst. Vor allem interessiert mich der Moment, in dem Stille grausam wird.

          Gibt es einen dieser grausamen Momente auch bei „Ascanio in Alba“?

          Ja, wenn klar wird, daß Sylvia einer Zwangsheirat nicht entkommen kann.

          Haben Sie noch Lampenfieber?

          Natürlich. Die Premiere ist ein merkwürdiger Moment des Loslassens und der erzwungenen Passivität. Die Bühne gehört in diesem Moment einzig den Sängern und Schauspielern, das macht mich sehr nervös. Das kontrollierende Einspringen der Proben ist vorbei.

          Wie bändigen Sie diese Unruhe?

          Früher habe ich gebetet. Heute gehe ich in die Kantine und unterhalte mich. Zwischen den Zuschauern zu sitzen und das Stück anzusehen, halte ich nicht aus. Anfangs ist es mir sogar schwergefallen, mich am Ende der Vorstellung zu verbeugen. So schnell ich konnte, war ich wieder runter von der Bühne. Heute kann ich die Reaktionen des Publikums besser annehmen.

          Wann zeigt eine Inszenierung Wirkung?

          Wenn die Zuschauer das Stück nach der Aufführung neu verstanden haben, wenn die Oper zum Erlebnis wird. Um Wirkung zu erzielen, muß man das Publikum auf unterschiedlichen Ebenen erreichen. Bohrt man ihre Aufmerksamkeit nur von einer Seite an, sind sie nicht mehr zu überraschen. Ich kann damit leben, wenn Leute meine Inszenierungen problematisch finden. Schwierig auszuhalten ist, wenn sie sagen, es sei ganz nett gewesen, sie aber unberührt bleiben.

          Woher stammt Ihre Liebe zur Oper?

          Bis ich zwölf Jahre alt war, habe ich fast nur Michael Jackson gehört. Doch dann hatte ich ein besonderes Hörerlebnis: Im Musikunterricht wurde uns die Frühlingssonate von Beethoven vorgespielt, und der Musiklehrer fragte: „David, was passiert da?“ Ich antwortete: „Da schrubbt einer auf seiner Geige, und ein anderer spielt Klavier“, sagte ich. Drauf meinte er nur: „Falsch, da spielt die Geige dem Klavier hinterher.“ Zum ersten Mal begriff ich, wie man klassische Musik hören kann: als ein Gewebe aus Struktur und Emotion. Kurze Zeit später habe ich dann angefangen, Klavier zu spielen, und zwei Jahre danach war ich Preisträger bei „Jugend musiziert“. Man sagte mir damals, ich könne zwar nicht Klavier spielen, aber meine Interpretationen seien sehr spannend.

          Mozarts „Ascanio in Alba“ in der Regie von David Herrmann

          Premiere: Donnerstag, 3. August, 19.30 Uhr, Landestheater, Salzburg, A
          zweite Aufführung: Samstag, 5. August, 19.30 Uhr

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