11.03.2011 · Trotz Umbesetzungen gelingt der Pariser Oper ein bezaubernder „Siegfried“. Und Philippe Jordan, der junge Musikdirektor der Pariser Oper, vollbringt wahre Wunderdinge in der Feinabstimmung.
Von Christian WildhagenEs ist der Albtraum jedes Opernhauses: Schon bei der zweiten Aufführung einer brandneuen Produktion melden sich ausgerechnet der Titelheld sowie der Sänger einer weiteren tragenden Rolle krank – und das so kurzfristig, dass für die mit viel Glück gerade noch herbeigezauberten Einspringer keine Einweisung in die Regie mehr möglich ist. Der Intendanz bleibt da nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: Schickt sie über zweitausend Menschen unbefriedigt nach Hause? Oder mutet sie den Besuchern eine Lösung zu, die zumindest szenisch in den seltensten Fällen ein vollgültiger Ersatz ist: wenn nämlich die musikalischen Retter von Notenpulten auf der Seitenbühne singen, während zwei andere für sie agieren.
Solches Pech ereilte die Pariser Opéra-Bastille bei ihrem neuen „Siegfried“, als sowohl Titel-Tenor Torsten Kerl wie auch der für den Wotan vorgesehene Juha Uusitalo vom Stimmvirus außer Gefecht gesetzt wurden. Unter anderen Umständen wäre die kritische Besprechung einer solchen Aufführung wohl kaum statthaft; doch die beiden hiesigen Einspringer nutzten die Gunst der Stunde derart nachdrücklich und fügten sich obendrein auf so eigentümliche Weise in die Produktion, dass man eine Ausnahme machen darf und muss.
Souverän über den Dingen stehend
Namentlich der Lette Egils Silins, der zwischen einem „Fliegenden Holländer“ in Riga und Auftritten als Amfortas im neuen „Parsifal“ von Barcelona (Erlösung von diesem Erlöser!) an die Seine geeilt war, machte die missliche Situation durch seine stimmliche Präsenz schnell vergessen. Silins singt einen intelligenten, sehr herrisch-virilen Wotan, der weniger der entsagungsvolle Weltenwanderer ist als ein noch immer kämpferischer, zum Letzten entschlossener Strippenzieher, der dem Weltenbrand sehenden Auges entgegengeht. Nicht nur bei der Wissenswette des ersten Akts, im Showdown mit dem herrlich selbstironischen Mime von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, sondern mehr noch in der großen Erda-Szene des dritten Aufzugs zeigt er eine in allen Registern abgerundete, nuancenreiche Gestaltung, die Qiu Lin Zhangs lethargische Urmutter umso farbloser klingen lässt.
Auch in der Auseinandersetzung mit dem so gar nicht willfährigen Wälsungenenkel Siegfried bleibt dieser Göttervater, trotz seines zerfochtenen Speers, Sieger. Denn Silins münzt den Verlust der szenischen Dimension – an seiner Stelle agiert der Regieassistent – in einen Vorteil um: Mit den Noten stets vor Augen und doch souverän über den Dingen stehend, entwickelt er sein Rollenporträt ganz aus dem Text, und das mit einer Genauigkeit in Dynamik und Artikulation, die wohl wirklich nur unter solch besonderen Umständen möglich ist.
Auf spektakuläre Wirkungen bedacht
Bei Christian Voigt, dem Siegfried-Retter, hört man einen ähnlichen Zugewinn an Details und Textsicherheit. Voigt hat alle drei Heldentenor-Partien in Wagners Tetralogie bereits beim aktuellen Freiburger „Ring“-Zyklus gestaltet. Gleichwohl wächst er hier, unter dem vergrößerten Maßstab der riesigen Bastille-Oper, von Akt zu Akt mehr über sich hinaus – besonders eindringlich in der Begegnung mit dem profunden Fafner von Stephen Milling. Noch fehlt es Voigt etwas an Volumen, an Farben und letzter Durchhaltekraft, aber das Entwicklungspotential seiner Stimme für dieses so heikle Tenor-Fach ist unüberhörbar.
Ein solcher Abend, der naturgemäß viel Unwägbares und Improvisiertes hat, ist nicht zuletzt eine besondere Talentprobe für den musikalischen Leiter. Philippe Jordan, der junge Musikdirektor der Pariser Oper, vollbringt wahre Wunderdinge in der Feinabstimmung zwischen Bühne, den Sängern von der Seite und dem Orchester. Klanglich bleibt er seinem schon im „Rheingold“ (Bring sie zum Schweigen, Alberich!) entwickelten Konzept treu, das nach guter französischer Tradition eher den Sensualisten und Orchestermagier Wagner in den Vordergrund stellt, weniger den durchaus auf spektakuläre Wirkungen bedachten Dramatiker. So klingen Schlüsselstellen wie das proto-impressionistische Waldweben oder das magische Erwachen Brünnhildes ungemein feinsinnig durchgehört; Effektstellen wie Siegfrieds Kampf mit Fafner oder die Schmiedelieder hat man dagegen in Bayreuth schon deftiger fauchen, hämmern und Funken sprühen gehört.
Hanf-Plantage im Wohnzimmer
Hauptleidtragende einer solchen Ausnahmesituation ist zwangsläufig die Regie. Allerdings bedeutete die Aufteilung der beiden tragenden Partien auf vier Protagonisten – Torsten Kerl konnte den Siegfried immerhin stumm mimen – keine so starke Beeinträchtigung wie befürchtet. Denn die optische und akustische Brechung, die durch das parallele Singen von der Seite entsteht, harmonierte seltsam mit einem ebenso uneigentlichen Zug in Günter Krämers Inszenierung. Die kann sich nämlich nicht recht entscheiden, ob sie die märchenhafte Selbstfindungsgeschichte eines etwas aus der Art geschlagenen Teenagers einfach gradlinig und theaterwirksam erzählen will – die stärksten Momente; oder ob sie dem auch noch die allbekannte Deutungsmetaphorik des Regietheaters überstülpen will.
Auf Brünnhildes Felsen hocken folglich flügelbehelmte Germanengötzen im Riefenstahl-Habit, Mime ist ein schwuler Kiffer mit eigener Hanf-Plantage im Wohnzimmer und einer marschierenden Arbeiterschaft im Schmiedekeller, und Fafner bringt zum goldigen Hort eine nackte Statisten-Kampftruppe mit, die ihm aber auch nicht helfen kann. Ein erkennbares Konzept ergibt das nicht – als hätte auch Krämer beim Inszenieren irgendwie an der Seite gestanden.