Genussmittel sind Treibstoffe der Emanzipation. Die „warmen Lust-Getränke“ Tee, Kaffee und Schokolade etwa wurden seit dem siebzehnten Jahrhundert Ferment einer neuen Geselligkeit, die es Frauen ermöglichte, Salons zu führen und damit Einfluss zu nehmen auf Geschmacks- und Meinungsbildung. Es war Wolfgang Schlüter, der uns vor zwei Jahren mit seinem Roman „Anmut und Gnade“ über die Oper des Rokoko daran erinnerte, dass die Geschichte der Aufklärung als Geschichte ihrer Leckereien zu schreiben wäre, und der in die Gescheitheit eines Rousseau, Rameau oder Diderot allerlei Kochrezepte einstreute.
Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, geborene Prinzessin von Preußen, Tochter des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I., Lieblingsschwester von Friedrich dem Großen, zählt zu den grandiosen Gestalten des Rokoko. Ihre tragische Oper „Argenore“ ist das einzige Stück dieser Gattung, in dem aus Sicht einer Frau das Machtspiel am Hof eines Tyrannen geschildert wird. Neben dieser eindringlichen Komposition hinterließ Wilhelmine ein weiteres Vermächtnis: das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth, das auf der Antragsliste zur Aufnahme ins Unesco-Welterbe steht. Im Herbst soll es für mehrjährige Sanierungsarbeiten geschlossen werden. Da Wilhelmine am 3. Juli dreihundert Jahre alt würde, nutzte der Verein Musica Bayreuth die Gelegenheit, im Haus vorher noch zu feiern: mit „Argenore“ und integriertem „Dîner-Spectacle“.
Hechtpastetchen mit Flusskrebsen
Während man also im Parkett an großen Tafeln saß, dem Spiel der vorzüglichen Batzdorfer Hofkapelle unter Viktor Lukas und dem Gesang der Figuren lauschte, ließ der Chef de Cuisine, Heiner Herpich, solche Ergötzlichkeiten auftragen wie Bayreuther Spargel mit Mandeln und Pomeranzen. Das Hechtpastetchen mit Flusskrebsen erreichte uns mitten in der Arie „Mich überfällt ein kalter Schauer“ der Martesia, gesungen von der herrlich extrovertierten, stimmlich wendigen Mezzosopranistin Marlen Herzog. Die Pastete musste eine Weile warten, weil diese Arie mit ihren frostig-klirrenden, pausenzerfetzten Angstakkorden des Orchesters und ihrer bohrenden, an Händel gemahnenden Leidensmelodik doch einen zu starken Affekt beschrieb, als dass es sich dabei kauen und schlucken ließ.
Was lernt man nicht alles unter historischen Rezeptionsbedingungen! Harmonische Schnitte, Reprisen, Triller sind nicht allein innermusikalische Angelegenheiten. Sie markieren Verhaltensregeln für ein Publikum, das in der Oper dinierte und Konversation machte. Die scheinbare Redundanz musikalischer Verläufe durch viele Wiederholungen gestattet das Verfolgen des Werks auch im Nebenbei. Die langsame Gestik der Figuren, durch den Regisseur Axel Köhler stilecht, aber auch mit hintergründigem Humor nachgestaltet, kommt diesem Verhalten ebenfalls entgegen.
Die Damen wie Ziergeflügel
Nun hält freilich die Schulung des Publikums heute nicht Schritt mit jener der Interpreten. Eine Person niederen Standes erkannte man früher an der Lautstärke ihres Lachens. Konversation verlangte Diskretion auch im Ton, wohingegen beim hiesigen „Dîner-Spectacle“ einige Damen ihre Gurgeln betätigten wie Ziergeflügel in einer fürstlichen Parkvoliere.
Wilhelmine hat in dieser Oper die seelische Grausamkeit ihres Vaters und die Liebe zu ihrem Bruder verarbeitet. Peter Kube als Zeremonienmeister erzählte diese Geschichte hinter der Fabel auch auf der Bühne. Wie aber die Kunst jener Zeit sich aus dem Abgrund des verweslichen Lebens erhob in eine Welt der Anmut, so hat es in Bayreuth der Kunst nicht im mindesten geschadet, von Fasan mit Rosinen oder gebackener Schokolade begleitet zu werden. Der Countertenor Hagen Matzeit als tyrannischer König Argenore konnte mit lodernder Bravour Eindruck schinden. Ralf Simon offenbarte als verhaltener Ormondo, wie sehr Wilhelmines Naturell zum Zarten tendierte. Glutvoll, mit maskuliner Eleganz gab Britta Schwarz den Feldherrn Leonida. Raimonds Spogis, darstellerisch voller Komik, hatte als Intrigant Alcasto die John-Malkovich-Rolle im Stück und brachte auch Erfahrung mit, da er die Partie bereits 2001 im Neuen Palais in Potsdam gesungen hatte.
Das kulturelle Leben in Bayreuth droht ja fast zu ersticken an der Übermacht der alljährlichen Richard-Wagner-Festspiele. Dass es vor Wagner ein anderes, zauberhaftes Bayreuth gegeben hat und dass es neben Wagner weiterhin ein anderes Bayreuth geben muss - nicht zuletzt daran ist mit diesem einmaligen Spektakel erinnert worden. Vielleicht hilft Wilhelmine der Stadt ja, aus dem lastenden Schatten des Grünen Hügels wieder ins Licht zu kommen. Für manchen würde sie durch diese Aufklärung erheblich genießbarer.