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Oper : Schau mir bloß nicht in die Augen, Kleines

Im Bühnenentwurf von Frank Gehry zum Berliner „Orfeo“ ist das Jenseits eine bunte Spielzeugwelt Bild: Marquardt/drama-berlin.de

Sir Simon Rattle gibt Wagners „Tristan und Isolde“ in Baden-Baden luxuriöse Leichtigkeit. Daniel Barenboim beschert mit seinem Berliner „Orfeo“ das totale Gluck-Glück.

          Rühr mich nicht an! Aber der Blick ist es, der alles verrät. „Here's lookin' at you, kid“, sagt Bogart zu Bergman. Auch die irische Königstochter spricht von der Magie des Augen-Blicks. Gleich zu Beginn, kaum zehn Minuten sind vergangen von dem ewigkeitstrunkenen Stillstand, den Richard Wagner „Handlung“ zu nennen beliebte, sagt Isolde zu Brangäne: „Er sah mir in die Augen!“ Woraufhin sofort das Cello losschluchzt, in hoher Lage, mit Tremolo spielt es das Motiv mit dem Tristanakkord, welcher hier, wenn man die Ouvertüre abzieht, zum ersten Mal auftaucht. Nicht nur das Orchester hat diese Botschaft verstanden. Auch Brangäne weiß es jetzt: Tristan-Isolde, Isolde-Tristan, da ist nichts zu machen, die beiden sind eins, beschlossen und verkündet, und was daraus folgt, ist unvermeidlich. Sie könnte den beiden nun statt des Zaubertranks auch einen grünen Tee servieren. Und da das Auge, wie man so sagt, ein Spiegel zur Seele ist, darf sich auch Orpheus nicht umdrehen. Sprechen, singen, umarmen: alles erlaubt in der Unterwelt. Nur der Blick ist ihm verwehrt, auf seine entseelte Euridice, den Schatten, das Nichts.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zu Beginn der Osterfestspielsaison wurden diese beiden großen Liebespaare von zwei großen Berliner Dirigenten an die Rampe geschoben. Daniel Barenboim dirigierte am Freitag in der Berliner Staatsoper (im Schillertheater) „Orfeo ed Euridice“, Azione teatrale per musica von Christoph Willibald Gluck, in der Wiener Fassung von 1762, zu einer Inszenierung von Jürgen Flimm und in einem spektakulären Designerbühnenbild von Frank Gehry. Sir Simon Rattle dirigierte am Samstag im Festspielhaus von Baden-Baden „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner, uraufgeführt 1865, zu einer Inszenierung von Mariusz Treliński, in einem filmisch mehrfach übermalten Bühnenbild von Boris Kudlička.

          Rund hundert Jahre liegen zwischen diesen beiden Stücken. Das eine extrem kurz, das andere extrem lang, sind beide Reform-Opern, die als epochemachende, stilbildende Zäsur gelten in der Operngeschichte. Hat man aber die seltene Chance, sie ausnahmsweise beide in vollendeter musikalischer Darbietung fast nebeneinander zu erleben, hört man plötzlich Gemeinsamkeiten: in der syllabischen Deklamation, in der natürlichen, aus der Sprache entwickelten Gesangslinie, im Ineinandergreifen von Instrument und Stimme. Und man versteht, was Richard Wagner meinte, als er in seiner Schrift „Oper und Drama“ auf den Gluckisten-Streit zu sprechen kommt und sich selbst als einen bezeichnet, der auf Glucks Schultern steht.

          Von der Geliebten bleibt nur das Kleid:  Bejun Metha als Orpheus

          Außerdem, versteht sich, handeln beide Stücke vom Tod. Gehry hat für den „Orfeo“ in Berlin ein außergewöhnlich fideles Jenseits entworfen. Hinter Eiswänden, die zurückweichen, als der thrakische Sänger naht, um, den Furien trotzend, seine tote Geliebte zurückzufordern, tut sich eine bunte Spielzeugwelt auf, wie sie Alma Siedhoff-Buscher in den zwanziger Jahren für das Bauhaus entworfen hatte, und Liebespaar-Chorschatten tummeln sich anmutig in den Klötzchen. Bejun Mehta (als Orfeo) singt schnörkellos, sauber, seine Altus-Stimme kann schneidend hell wie ein Trompetensignal über dem Orchester auffliegen. Authentisch-auratisch und sehr präsent mischt sich der unverwechselbare Mädchensopran Anna Prohaskas hinein. Sie hat zwar zunächst, wenn alle das Ableben Euridices ausgiebigst beklagen, nichts zu tun. Um so entschiedener gibt sie den Ton an im dritten Akt, in der Hölle des Ehestreit, den die beiden austragen im Überall oder Nirgendwo: in einem kalten Hotelzimmer mit Boxspringbett, TV, Minibar und den üblichen geschmacksneutralen Kunstobjekten.

          Nadine Sierra ist ein volltönender, agiler Amor, dem alleweil ein graubärtiger Statist hinterdrein trottet: der gute, alte Jupiter, der irgendwie nicht abtreten mag, vielleicht als selbstironisches Alter Ego des Regisseurs Flimm, der hier abermals bestes, solides Handwerk demonstriert. Die Berliner Staatskapelle unter Barenboim spottet zwar souverän allen polizeilichen Vorschriften der Originalklang-Bewegung. Doch die lyrischen Intermezzi kokettieren diesmal mit dolce-süßem Blockflötensound. Auch sind Elastizität und Farbenreichtum in Bläsern und Streichern unübertrefflich, und der Staatsopernchor fügt sich fabelhaft in das totale Gluck-Glück.

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