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Oper Ist ein Schau’n, kann ein Event sein

29.01.2009 ·  Das Festspielhaus Baden-Baden zeigt eine vierzehn Jahre alte „Rosenkavalier“-Inszenierung - und die Musikwelt steht kopf: Ein Weltstar wie Christian Thielemann dirigiert, Weltstars wie Renée Fleming und Sophie Koch singen. Ein Ereignis.

Von Jürgen Kesting
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Eine Woge der Wut brandete 1995 durch das Große Festspielhaus in Salzburg, als der Regisseur Herbert Wernicke das Stadtpalais des Herrn Faninal in ein Spiegelkabinett verwandelt hatte. Die Besucher empfanden es als heftigen Affront, sich in den Spiegeln als Bewohner des Hauses Neureich erblicken zu müssen. Kurz darauf fand die kluge Inszenierung in Paris viel Beifall. Nun hat sie den Weg in das Festspielhaus Baden-Baden gefunden – angekündigt als ein „Rosenkavalier“ der Weltstars: mit Sophie Koch in der Titelpartie, Renée Fleming als Marschallin und Diana Damrau als Sophie. Ändert die Zeit, wie die Marschallin gegenüber Octavian sagt, wirklich nichts an den Sachen? Nach dem Abstand von fast dreizehn Jahren hat die opulente Inszenierung mit dem lebendig in Szene gesetzten Gewimmel der vielen kleinen Figuren viel von ihrer Qualität eingebüßt: von den subtilen Brechungen und süffisanten Verzerrungen dieser Traumwirklichkeitsapotheose.

Weltstars auch im Graben: die von Christian Thielemann geleiteten Münchner Philharmoniker, die allerdings schon nach dem Vorspiel erkennen ließen, dass sie (noch) kein versiertes Opernorchester sind, wie brillant-virtuos sie auch die Vorspiele zum zweiten und dritten Akt spielen. Zu spitz etwa die Espressivo-Phrase der Oboe zu Beginn von Octavians erotischem Schwelgen („Wie du warst“), zu isoliert das aus kleinsten Partikeln gefügte Phrasen-Gespinst der Holzbläser. Zurückzuführen war dies wohl auf die Intention des Dirigenten, der Klangpoesie des Werks gerecht zu werden, der Beleuchtung der oszillierenden Klangflächen, der von Kritikern des Werks bemängelten „entfesselten Arabeske“, der Feingliedrigkeit einerseits und der Farbigkeit der Rosenüberreichung mit ihrer raffinierten Klangmischung von Harfen, Celesta, Streicher-Tremoli, Triangel, Flöten und Glockenspiel andererseits. Nur fehlte den vielen exquisiten Details die innere Bindung, die Spannung dramatischer Kontinuität.

Die Besten der Besten

Auf der Bühne versammelten sich die Besten der Besten. Selbst für etliche Nebenrollen wurden Stars aufgeboten, wie der seit zwei Jahren als Weltstar gefeierte Jonas Kaufmann für den italienischen Sänger. Er sang die in höchster Tessitura liegende Arie – eine verdeckte Warnung an die Marschallin – mit ungewöhnlich dunklem, wie aus einer Gähnstellung gefärbtem Klang; gleichwohl bewältigte er die bis zum „ces“ führende Phrase mit heldentenoraler Energie.

Charakteristisch besetzt und dadurch aufgewertet die Rollen der Leitmetzerin (Irmgard Vilsmaier) und der Annina (Jane Henschel). Imponierend in seiner Autorität und vokalen Energie der Faninal von Franz Grundheber, der mit einundsiebzig Jahren dank überlegener Technik frischer klingt als viele zwei Jahrzehnte jüngere Kollegen – Franz Hawlata etwa, der an vielen großen Häusern, auch an der Met, auf den Ochs abonniert ist. Es war womöglich auf Indisposition oder auf Premierennervosität zurückzuführen, dass dem bayerischen Bariton in der Phrase „Muss halt ein Heu in der Nähe dabei sein“ das über acht Takte lang zu haltende hohe „F“ arg heiser verzitterte, wie auch das tiefe „E“ („keine Nacht dir zu lang“) nur als Hauchton zu ahnen war. Als glänzender Sänger-Schauspieler erwies sich Hawlata dagegen in den Konversationsszenen durch sein unforciertes Parlando.

Die ideale Erscheinung

Im Mittelpunkt der Aufführung stand Sophie Koch, die für den Octavian die ideale schlanke, durchaus jünglingshafte Erscheinung mitbringt und eine ebenso schlanke, im Piano leuchtende, im Forte sehnige Stimme mitbringt. Ein kleines Problem allerdings, dass sich ihre eher herbe Stimme den Duetten mit ihren beiden Partnerinnen nicht immer mischt.

Der Name Renée Fleming ist seit zehn Jahren zu einem Synonym für the beautiful voice geworden. Die Diva der Metropolitan Opera zog zunächst – genau nach Szenenanweisung – alle Blicke auf sich, als sie, von Octavian angesungen, schlanke Arme und grazile Hände hochreckte. Bei den Parlando-Passagen in der Konversation gelang es ihr noch nicht, den spezifischen Ton der Marschallin zu treffen, die einfache und bis zur Resignation demütige Sprache. Die Schönheit der Stimme – mit leichten Anklängen an die Farbmanierismen von Elisabeth Schwarzkopf – entfaltete sich im Zeit-Monolog. Und wie der süße Zauber ihrer in die Höhe führenden Phrase „Da drin ist die silberne Rose“ wirkte, bezeugte der Jubel, als sie nach dem Akt-Ende vor den Vorhang trat. Aber waren der Zauber ihres Lächelns, ihrer Wehmutsgebärden und ihres gesanglichen – allzu verhaltenen – Wohllauts nicht zu sanft und zu süß? Was sie der Figur schuldig bleibt, ist der aus Liebesenttäuschungen geborene Verzweiflungsschmerz.

Überzeugend Diana Damrau als Sophie, glänzend in der anmutigen Darstellung des jugendlich naiven Mädchens und dessen manchmal gekünstelter oder gespreizter Attitüde. Die junge Sopranistin, an der Met als Lucia und Zerbinetta gefeiert, hat eine im Piano silbrig leuchtende Höhe. Unter Druck tendiert die Stimme allerdings zu weißlichen Tönen. Nach vier Stunden und vierzig Minuten lauter und heftiger Beifall für eine Aufführung, die zu einem Klassiker und zum Andenken werden soll: Die drei Aufführungen werden für eine DVD- und eine CD-Produktion aufgezeichnet.

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