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Oper „Antikrist“ in Mainz : Überbietungsmusik ohne Atempausen

  • -Aktualisiert am

Stimmlich ein Großereignis: Vida Mikneviciute als „Große Hure“ (vorn), dahinter, ebenfalls gewaltig, Michael Mrosek als „Hass“ Bild: Andreas Etter

Zum ersten Mal in Deutschland: Die Oper „Antikrist“ des Dänen Rued Langgaard ist eine christliche Allegorie mitten in der Moderne um 1930. In Mainz spornt sie alle zur Höchstleistung an.

          Wenn das Ende einer Oper nicht überzeugt, kann das mehrere Gründe haben. Entweder sind Handlung oder Musik oder beides unlogisch. Oder es ist zu viel Ironie im Spiel. Wenn nun aber Handlung und Musik stimmig sind, und Ironie gänzlich fehlt – was dann? Dann befinden wir uns in einer neuromantischen Oper des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Hier sind Ambivalenz und Sperrigkeit Programm; es regiert eine rücksichtslose Ich-Bezogenheit, die nicht auf Verständnis gepolt ist. Stattdessen wird das Ich immer neuen, immer schmerzhafteren Selbstdiagnosen und Defizitanalysen unterworfen. Am Schluss kann dann nicht einmal mehr Gott helfen.

          Etwas ist faul im Staate Dänemark. Der junge Komponist Rued Langgaard, geboren vor 125 Jahren in Kopenhagen, beschreibt seine Zwischenkriegswelt als „Lebensdrama“, als „Lärmen“, als „Kirchen-öde“. Zwar hatte sich Dänemark im Ersten Weltkrieg neutral verhalten. Doch das nationale Wettrüsten in Europa, das Schwelen der Konflikte mit den deutschen Nachbarn, die emphatische Installation von Carl Nielsen als Nationalkomponist, die Wirtschaftskrise: Das alles hinterlässt tiefe Spuren bei dem empfindsamen Langgaard, der ein Vergessener wird. Spätestens die Gewaltwelle des Zweiten Weltkrieges spült seine Hoffnungen, als Komponist ernst genommen zu werden, hinweg.

          Umwerfende Kostüme

          Langgaard stirbt 1952, 59-jährig, wenige Jahre nach Kriegsende. Unbekannt, ungespielt bleibt das Gros seiner sechzehn Symphonien, zahlreichen Kammermusik-, Klavier- und Vokalwerke. Die Oper „Antikrist“, an der er von 1921 bis 1930 arbeitet, gelangt erst 1999 in Innsbruck zur szenischen Uraufführung. Nach weiteren Inszenierungen 2002 in Kopenhagen und 2015 in Ribe ist das neunzigminütige Stück jetzt erstmals auf einer deutschen Bühne zu erleben: im Staatstheater Mainz.

          Die pseudo-apokalyptische Handlung ist – läge sie einer frühneuzeitlichen Oper zugrunde – vollkommen plausibel: Gott und Teufel sind sich über die verkommene Menschheit einig und senden den Antichrist auf die Erde, in Form von sechs Charakterbildern des Bösen. Als der Teufel schließlich übermütig wird und Gottes Tod verkünden will, zieht Gott die Reißleine und vernichtet den Antichrist. Ende gut, alles gut; die Welt ist gerichtet und gerettet. Dieses Format eines geistlichen Spiels in lehrreichen Bildern funktionierte längstens bis zur Aufklärung, um moralische Stärkung mit theologischer Identitätsbildung wirkungsvoll zu verbinden.

          Unter der Regie von Anselm Dalferth und mit umwerfenden Kostümen von Mareile Krettek wird die Oper in Mainz auch so inszeniert: starke, religiöse Bildprogramme, Schwarzweißdualismen, rationalistische Symbolik. Die große Hure tritt als ekliger Fleischberg auf; triefende, offene Schweinehälften baumeln um die Taille. Wer möchte da nicht enthaltsam leben? Die Hoffart stolziert palavernd über den Laufsteg und lässt sich als Supermodel feiern, und die Hoffnungslosigkeit legt sich jammernd in ihre selbstverschuldeten Fesseln.

          Glockenklarer Gesang

          Wie auch bei dem letzten Abendmahl zu Beginn oder der abschließenden Kreuzigung des Antichrists geraten der Regie die Symbole allerdings zu oft zu harten Fakten. Sie verfehlt damit jenes feine, neuromantische Pendeln der Ambivalenz, das das gesamte Stück und vor allem die Musik von Beginn an durchzieht. Denn es ist eben nicht das Böse am Ende tot und alles gut; die Aufklärung hat schon stattgefunden, wir befinden uns im Jahr 1930. Schon die Dur-Moll-Kippfigur im ersten Leitmotiv des „Kirchen-öden Lärmens“ nimmt den unbestimmten Ausgang vorweg; und es ist kein Zufall, dass sie am Ende wieder auftritt und der romantischen Unendlichkeit die Hand reicht. Nichts ist ironisch, alles ist Fragment, voller Unruhe und Angst, voll „Tränen-Meeres-Einsamkeit“.

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          Wenn Alexandra Samouilidou und Saem You die Rätselstimmung und ihr Echo im ersten Bild glockenklar singen, beginnt das Vexierspiel. Wer ist wer? Warum ist das Echo zuerst da? Es geht den Neuromantikern um nichts weniger als um die Verweltlichung der Romantik, mit allen irritierenden Konsequenzen.

          Kaum Atempausen

          Das Philharmonische Staatsorchester Mainz bringt unter der Leitung von Hermann Bäumer Höchstleistungen. Große Teile der Oper sind rein instrumental, im Wechsel mit szenischen Allegorien des bösen Antichrist-Ich der Menschen. Sängerisch brillieren vor allem Nadja Stefanoff (Der Mund, der große Worte spricht) und Vida Miknevičiute (Die große Hure). Ernsthaft böse streiten sich Alexander Spemann (Die Lüge) und Michael Mrosek (Der Hass) mit der Hure herum. Spätestens mit diesen Auftritten ist die Szene im Danteschen Inferno-Tiefgeschoss angekommen, tiefer kann das Ich nicht sinken. Da nützt auch der vorgeblich theologische Schluss nichts mehr.

          Das Stück ist nicht konfessionell deutbar. Es bedient weder einen Bußprotestantismus, noch haben die Marienchoräle („Ave Maria“, „Sancta Dei genitrix“) mit Erlösungskatholizismus zu tun. Gottes Strafgericht am Ende hat auch nichts Sympathisches, Erleichterndes. Ganz im Gegenteil: Wenn diese insistierende Überbietungsmusik mit Celesta, großem Schlagwerk und Orgel nach einer orgiastischen Hochleistungsstrecke in die latinisierte, schlichte Mariensymbolik kippt, ist das nur ein Fremdkörper, eine unglaubwürdige Scheinlösung des Lebensdramas. Da ist keine Hoffnung mehr, das Lärmen bleibt in der Welt.

          Man muss sich dieser modern-expressiven Übersteuerung aussetzen wollen. Das Standgas ist durchweg hoch, Atempausen gibt es kaum. Im Repertoire wird es diese ungewöhnliche Oper trotz ihrer Kürze schwer haben. Sie ist indes eine Herausforderung, die sich für alle lohnt, die sich nicht mit einfachen Lösungen und Schwarzweißdualismen zufriedengeben.

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