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Veröffentlicht: 21.03.2017, 13:27 Uhr

Oper „Rigoletto“ in Frankfurt Triumph des emotionalen Kontrapunkts

Sagenhafte Sänger verleihen dem „Rigoletto“ von Giuseppe Verdi an der Oper Frankfurt einen Glanz, der auf Regie-Seite noch nach Ebenbürtigkeit sucht.

von
© Monika Rittershaus Hier braucht Frankfurt sängerisch keine Konkurrenz zu scheuen: Brenda Rae als Gilda (links) und Quinn Kelsey als ihr Vater Rigoletto.

Die wirkliche Aufgabe eines Dirigenten bestehe nach Auffassung Franz Liszts darin, sich augenscheinlich überflüssig zu machen und mit seiner Funktion möglichst zu verschwinden. Man ist geneigt, die Konzentration auf die Musik, wie sie der nicht immer von äußerlichen Attraktionen freie Liszt empfahl, auch von der Opernregie zu fordern. Giuseppe Verdi hat wohl ähnliche Gedanken gehegt, als er das hintersinnig tautologisch wirkende Motto ausgab, die beste Desdemona sei jene, die am besten singe. Der erfahrene Theaterpraktiker sorgte schon dafür, Fragen nach sinnfälliger Bühnenaktion marginal erscheinen zu lassen. Tragische Momente und Erschütterung, Todesangst und Liebe, Hoffnung und Trost tragen die Kantilenen in sich. Euphemistisch wäre allerdings zu glauben, man müsse sie „nur“ geistig erfassen und künstlerisch modellieren.

In dieser Hinsicht bot die jetzige Neuinszenierung von Verdis „Rigoletto“ an der Oper Frankfurt bestes Anschauungs- wie Hörmaterial. Es war, wie so oft an diesem Haus, ein Sängerfest der höchsten Kategorie. Quinn Kelsey in der Titelrolle und Brenda Rae in ihrem Rollendebüt als Gilda müssen keinen Vergleich mit den Koryphäen ihres Fachs scheuen. Was der aus Hawai stammende Sänger mit seiner weit gefächerten Verdi-Erfahrung an Gestaltungsnuancen in allen Lagen vom zartesten Pianissimo zum schmerzenden Sforzato mit kraftvollem, gleichwohl nie dröhnenden Bariton zum Ausdruck brachte, würde auch die uneingeschränkte Bewunderung des überaus kritischen Komponisten auslösen, der in diesem viel gespielten Meisterwerk im Grunde sein erstes Musikdrama vorgelegt hat.

Charakterstudie eines zynischen Verführers

Da schreibt Verdi etwa im Zusammentreffen des Hofnarren Rigoletto mit dem Mörder Sparafucile (mit schönster Klangfülle Önay Köse bei seinem Debüt in Frankfurt) kein herkömmliches Gesangsduett, vielmehr eine dramatische Verschwörung, bei der die Stimmführung im lauernden Orchester liegt und die Kontrahenten in einer Art Parlando ihren Deal machen. „La donna è mobile“ ist auch nicht lediglich eine Arie im traditionellen Sinne, es ist die Charakterstudie eines zynischen Verführers, der sich hier selbst bloßstellt. Und das Quartett „Bella figlia dell’amore“ zwischen dem Herzog, Maddalena, Gilda und Rigoletto im dritten Akt, das Verdi nicht zu Unrecht als das bestes Ensemble bezeichnete, das er jemals schrieb, ist im wahrsten Sinne des Wortes von Herbert Weinstock ein „Triumph des emotionalen Kontrapunkts“.

45420570 © Monika Rittershaus Vergrößern Der Hofnarr Rigoletto (Quinn Kelsey) verstrickt sich im herzoglichen Intrigennetz.

Man kann das spielen, aber man muss es vor allem singen – mit verzweifelter Gefühlsverwirrung wie die jede Nuance souverän und berückend gestaltende Brenda Rae, mit frivoler Lüsternheit des Herzogs, die der stimmlich agile, darstellerisch von der Regie aber eher im Stich gelassene Mario Chang nur andeutungsweise vermittelt, mit dem aufreizenden Sarkasmus der Mezzosopranistin Ewa Plonke als Maddalena und mit aller menschlichen Tragik des Rigoletto, die sich bei Quinn Kelseys gesangstechnischer Ausdrucksskala nahezu von selbst ergibt.

Zwischen höfischem Sittenverfall und bürgerlichen Konventionen

Man kann dieser Inszenierung freilich nicht nur die überragenden sängerischen Leistungen zugute halten, wobei man den stimmlich wie darstellerisch überaus präsenten Bass Magnús Baldvinsson als Montenero, Nina Tarandek als Gesellschafterin Giovanna, auch die anderen Nebenrollen und die von Markus Ehmann zum wuchtigen Ensemble geformten Chor einschließen muss. Es ist zudem der Klang, den Carlo Montanaro aus dem Orchestergraben heraustönen lässt, ohne den Eindruck von Trivialität zu vermitteln, durch den sich Verdi schon bei mancher Aufführung desavouiert fühlen musste. Da gibt es kein Dschingderassabum, kein pausbäckiges Getöse, eher verhalten düstere Farben, dramatisch zugespitzte Orchestercrescendi und gut auf das Bühnengeschehen abgestimmte Begleitensembles.

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Das Drama dieser menschlichen Tragödie eines am Zwiespalt zwischen höfischem Sittenverfall und erstarrten bürgerlichen Konventionen zerbrechenden Hofnarrs Rigoletto, der sich im herzoglichen Intrigennetz verstrickt und den Mord an seiner Tochter Gilda mitverschuldet, findet szenisch allerdings nur ungenügend statt. Im Einheitsbühnenbild von Rifail Ajdarpasic, das wie ein mehrfach unterteiltes Kirchenschiff, eine hölzerne Trutzburg und ein Gefängnis zugleich wirkt, agiert ein von Katharina Weissenborn wie eine wüste Rockerbande ausgestatteter und vom Regisseur Hendrik Müller in Szene gesetzter Hofstaat allzu stilisiert, auch zu beliebig. Die unterschiedlichen Bilder – Gitterkäfige als Symbole psychischen Gefangenseins, ein Thespiskarren als Ort des Mordgeschehens, ein Glaskasten für die weggesperrte Gilda – und all die rituellen Aktionen können die Gefühlswallungen der Musik weder tragen, noch ergänzen und schon gar nicht steigern. Gut, dass sie es bei dem musikalischen Niveau der Inszenierung auch nicht müssen.

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