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José Carreras in Wien : Zwischen Kirche und Geheimdienst

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Unter Druck: José Carreras mit Sabina Puértolas, Manel Esteve und dem Arnold Schoenberg Chor in der „El Juez“-Inszenierung Bild: Herwig Prammer

Eigentlich hatte sich José Carreras schon 2009 von der Bühne verabschiedet. Jetzt kehrt der Tenor in Wien zurück in einer Oper über die Franco-Diktatur in Spanien – „El Juez“ von Christian Kolonovits.

          Täglich verschwinden Dutzende Kinder auf dieser Welt. Vor allem in der sogenannten Dritten Welt werden sie Opfer organisierter Kriminalität, oft, um ihre Körper als „Ersatzteillager“ für erkrankte Kinder reicher Bürger auszuschlachten. Der Stoff, auf dem die 2014 entstandene Oper „El Juez“ von Christian Kolonovits basiert, ist zwar nicht ganz so brutal, aber mitten in Europa, im Spanien des zwanzigsten Jahrhunderts, angesiedelt.

          Erst 2002 waren durch die Forschungen des katalanischen Zeithistorikers Ricard Vinyes neue Details bekanntgeworden über das massenweise Verschwinden von Kindern zur Zeit des faschistischen Franco-Regimes. In dem gemeinsam mit Montserrat Armengou und Ricard Belis publizierten Buch „Els nens perduts del franquisme“ („Die verschwundenen Kinder des Franquismus“) enthüllt Vinyes eine unheilige Allianz zwischen der katholischen Kirche und der Franco-Diktatur, durch die geschätzt 300.000 Kinder ihren zumeist republikanischen Familien entrissen und in Klöster entführt wurden, um sie zu linientreuen Staatsbürgern zu erziehen. Viele der Betroffenen wissen bis heute nicht, wer ihre wahren Eltern sind, weil die Kirche die Akten nicht freigab oder gar vernichtete.

          Die Archive bleiben geschlossen

          Auf der Basis dieser Forschungen entstand das Libretto von Angelika Messner für eine neue Oper von Christian Kolonovits, deren Stoff den Tenor José Carreras so fesselte, dass er sich dazu entschloss, für die Aufführung des Stücks auf die Opernbühne zurückzukehren. Ein wenig tangiert die Story Carreras’ eigene Lebensgeschichte, war es doch seinem Vater, dem Republikaner Josep Carreras i Soler, von der Franco-Diktatur untersagt worden, nach dem Spanischen Bürgerkrieg seinen Beruf als Gymnasiallehrer weiter auszuüben, so dass die Familie 1951 nach Argentinien emigrierte.

          Stimmgewaltig: Carlo Colombara und José Carreras

          Eine ähnliche Zerrissenheit spiegelt sich auch in den Lebensgeschichten der Protagonisten der Oper „El Juez“ („Der Richter“), deren Untertitel Bezug nimmt auf die Forschungen von Vinyes, „Los niños perdidos“: Der in Spanien beliebte Liedermacher Alberto Garcia (in Wien: der Tenor José Luis Sola) erzählt in einem Fernsehinterview mit der Reporterin Paula (die Sopranistin Sabina Puértolas) von seinem verschwundenen Bruder und löst damit unter weiteren Betroffenen eine Protestwelle aus, die an den Zusammenschluss der seit 2010 tatsächlich bestehenden Selbsthilfeorganisation ANADIR erinnert. Der Forderung, die kirchlichen Archive endlich zu öffnen, um Klarheit zu schaffen, gibt der dafür zuständige, von José Carreras verkörperte Richter Federico Ribas jedoch nicht nach, weil ihn der Geheimdienstchef Morales unter Druck setzt, dem der stimmgewaltige Bassist Carlo Colombara düstere Konturen verleiht.

          Zeitgenössische Oper war nicht zu erwarten

          Ribas ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er selbst der von Garcia gesuchte Bruder ist. Geschickt versucht Morales die beiden Brüder gegeneinander aufzuhetzen, um die Aufklärung zu verhindern. Doch durchschaut Ribas die von Morales inszenierte Intrige, weil er in dem Kloster, in dem er aufwuchs, von der Äbtissin (die Mezzosopranistin Ana Ibarra) seine wahre Identität erfährt. Er kann aber nicht verhindern, dass Morales am Ende Garcia erschießt, um die Verhältnisse vor einer Destabilisierung zu bewahren. Dieses pessimistische Finale erinnert natürlich an den unerschrockenen Richter Balthasar Garzón, gegen den dubiose Prozesse angezettelt wurden, als er 2008 damit begann, gegen Menschenrechtsverstöße während der Franco-Diktatur zu ermitteln.

          Die von Angelika Messner realistisch erzählte Geschichte hätte auch künstlerisch Brisanz gewinnen können, wäre ein versierter Opernkomponist mit der Vertonung beauftragt worden. Warum mit Christian Kolonovits ausgerechnet ein - wenn auch sehr verdienstvoller - Popmusiker mit der Komposition betraut wurde, ist etwas rätselhaft. Eine wirklich zeitgenössische Oper war unter diesen Voraussetzungen nicht zu erwarten. Aber es überraschte doch, wie eklektisch die Musik von „El Juez“ geriet, die erstmals 2014 am Teatro Arriaga in Bilbao zu hören war und nun auch am Theater an der Wien, zum Abschluss der Jubiläumssaison von dessen zehnjährigem Bestehen, als Gastspiel präsentiert wurde.

          Kolonovits lässt Carreras glänzen

          In einem Interview erzählte Kolonovits, dass während des Komponierens ständig die Partitur von Giacomo Puccinis „Tosca“ auf seinem Klavier gelegen habe. Nun, ein wenig von der Dramatik der „Tosca“ hätte dem Stück nicht geschadet. Doch die in sanften Melodien dahinfließende Oper klingt eher wie Puccini light mit simplifizierter, meist vom Glockenspiel und den Holzbläsern vorangetriebener Leitmotivik und spanischen Folklore-Einsprengseln, in denen auch Kastagnetten und Gitarre Verwendung finden. Für Carreras, der sich eigentlich schon 2009 von der Bühne verabschiedet hatte, schrieb Kolonovits geschmeidige, meist in der Mittellage befindliche Melodielinien, mit denen der erstaunlich gut bei Stimme befindliche Tenor, warm timbriert, glänzen konnte. Seinem glaubhaft emotionalen Nachdruck waren die eindringlichsten Momente zu danken, die das RSO Wien unter der umsichtigen Leitung von David Giménez unterstrich.

          Denn auch die Regie von Emilio Sagi beschränkte sich weitgehend deutungsfrei auf die nötigsten Arrangements. Immerhin entsprach das doppeldeutige Bühnenbild Daniel Biancos dem dunklen Sujet: meterhohe Metallwände, die einem Gefängnis ebenso ähneln wie einer mittelalterlichen Kathedrale. Als im zweiten Akt dann Hunderte aus dem Schnürboden fallende Puppen laut auf den Bühnenboden krachen, näherte sich der Abend wenigstens einmal der unfassbaren Realität.

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