Home
http://www.faz.net/-gs3-t1ox
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Oper Die Jahrhundertsängerin: Zum Tod von Elisabeth Schwarzkopf

Elisabeth Schwarzkopf, eine der herausragenden lyrischen Sopranistinnen des zwanzigsten Jahrhunderts, ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Sie hatte vier Jahrzehnte lang an allen großen Opernhäusern der Welt gesungen.

© AFP Vergrößern Elisabeth Schwarzkopf 1968 in Paris

Als im September 1997 die Musikwelt ehrfürchtig des zwanzigsten Todestages von Maria Callas gedachte, da mag mancher, und sei es insgeheim, die alte Historiker-Frage gestellt haben: Was ist Größe? Und was kann dies auf dem Feld musikalischer Interpretation bedeuten, zumal des Gesangs?

Daß die Erinnerungen an die legendäre Maria Callas solche Überlegungen wieder zutage förderten, kam nicht von ungefähr. Denn auch und gerade an der „Tigerin“ hatten sich immer wieder Diskussionen darüber entzündet, was eine große Sängerin ausmacht, erst recht in der Oper - und wie eine schöne Stimme, perfekte Gesangstechnik, Musikalität, Stilsicherheit, Erscheinung und Bühnentemperament zusammenspielen. Gern wird dabei von Sternstunden geschwärmt: von auratischen Momenten, in denen das Hier und Jetzt aufgehoben scheinen. Doch geht es nicht nur ums individuelle Ingenium und dessen höchsten Augenblick, sondern auch um glückliche Konstellationen, besonders produktive Phasen der Kulturgeschichte. Ganz gewiß war Maria Callas ein Phänomen, in dem solche Glückslinien zusammentrafen. Die individuelle Tragödie der Diva hat dies freilich nicht verhindern können.

Mehr zum Thema

Begabung, Fleiß, Ehrgeiz und Attraktivität

Die dunkle Pasionaria hatte indes eine helle Schwester, deren Laufbahn die ihre in vieler Hinsicht berührte und die dennoch gänzlich verschieden war: Elisabeth Schwarzkopf. Auch sie war Bestandteil einer Kunstwelt, die nicht wenigen heute utopisch dünkt. Dabei stand ihr vokaler Ausnahmerang ebenfalls von Anfang an außer Frage: ein heller, hoher, lyrischer Sopran (in Wilhelm Furtwänglers grandioser „Tristan“-Aufnahme half sie sogar Kirsten Flagstads Isolde mit ihrem perfekten hohen C aus), silbrig, enorm flexibel, anfänglich sogar koloraturenvirtuos, charakteristisch in der Farbe wie in der Fähigkeit, mit Farben tönende Dramaturgien vokal zu „inszenieren“.

OBIT SCHWARZKOPF © AP Vergrößern Im Jahr 1983 mit Herbert von Karajan

Begabung, Fleiß, Ehrgeiz und Attraktivität der 1915 in Jarotschin bei Posen geborenen Elisabeth Schwarzkopf waren fast von Anfang an offenbar. In Berlin studierte sie bei Maria Ivogün, ein Stipendium brachte sie schon bald nach England. Die Opernsängerin debütierte 1938 an der Berliner Staatsoper als Blumenmädchen im „Parsifal“, sang schon 1941 die Koloratur-Bravourpartie der Straussschen Zerbinetta. Bis in die späten vierziger Jahre hat sie Abstecher in die Stratosphäre des Ziergesangs gemacht, sich dann immer mehr aufs lyrische Fach konzentriert.

Lerneifer und Drang zum Perfektionismus

Zur Sternstunde für Elisabeth Schwarzkopf wurde 1946 die Begegnung mit dem Plattenproduzenten Walter Legge, der sie - wie Pygmalion Galathea - zu seinem „Geschöpf“ machte, indem er ihren immensen Lerneifer und Drang zum Perfektionismus mit kongenialem Ehrgeiz in seine Strategien integrierte: Ästhetik und Medienästhetik durchdrangen einander. Der scherzhafte Ehrentitel für Elisabeth Schwarzkopf - „Her Master's Voice“ - hatte denn auch vielfache Bedeutung. An Hugo Wolfs Lied „Wer rief dich denn?“ hat Legge mit Elisabeth Schwarzkopf so lange und so drakonisch gefeilt, bis selbst der Perfektionist Karajan Einspruch erhob, die Grenze zur Quälerei überschritten fand. Aber: Hohe Bewußtheit steigerte sich zum höchsten Verlangen nach Präzision (nicht nur im rein technischen Sinn), Differenzierung, Raffinement, künstlerischem Kalkül - das in seinen geglücktesten Momenten wieder in eine Art Unmittelbarkeit zweiten Grades umschlug.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 04.08.2006, 10:56 Uhr

Himmlische Ruhe

Von Gina Thomas

Das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg hundert Jahre zurück liegt, neigt sich nun dem Ende zu. Das sollte man nochmals auskosten. Wie die Supermarktkette Sainsbury Werbung mit dem Mythos der Kriegsweihnacht von 1914 macht. Mehr