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Oper Der dicke Stoff der Schlafbrillen

09.01.2006 ·  Mit diesem Familiennamen steigt man gleich ganz oben ein, aber was kann sie dafür? Katharina Wagner inszeniert Giacomo Puccinis „Il Trittico“ an der Deutschen Oper Berlin.

Von Eleonore Büning
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Die besten deutschen Royals sind diese verrückten Wagners aus Bayreuth. Man kann verstehen, daß ein von Ideenarmut und Finanznot angenagtes Haus wie die Deutsche Oper Berlin sich auch gern mal ein paar Strahlen abzweigen möchte von dem Glanz der Aufmerksamkeiten, die den jüngsten Sproß der Familie umzüngeln. Es ist dies ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.

Hieße die siebenundzwanzigjährige Theaterwissenschaftlerin, die in ihrer neuesten öffentlich ausgestellten Seminararbeit zur Eröffnung der „Puccini-Tage“ der Deutschen Oper wieder allerhand große Vorbilder von Hans Neuenfels über Achim Freyer bis Harry Kupfer ordnungsgemäß zitierte, schlicht Frau Neumann oder Frau Schmitz: sie müßte von Glück sagen, böte man ihr an einem der kleineren deutschen Stadttheater einen Job an zum Hocharbeiten.

Der Karren läuft

Aber Katharina Wagner steigt gleich ganz oben ein, was kann sie dafür? Das Klappern kommt automatisch wie von selbst zum Handwerk hinzu (oder umgekehrt). Ihre erste Opernregie, der „Holländer“ in Würzburg, wurde noch vom örtlichen Richard-Wagner-Verband finanziert. Seither läuft der Karren von allein. Die Ziellinie fest im Visier, hat der Papa die Tochter fest gebucht für Bayreuths neue „Meistersinger“ 2007. In Giacomo Puccinis spätem Grand-Guignol-Dreier „Il Trittico“, ihrem vierten Versuch, drehte Katharina Wagner nun die traditionelle Reihenfolge der Stücke um - dergestalt, daß man nicht mit Schicchis irrem Gelächter in die Nacht entlassen wird, sondern effektvoll mit einem Aufschrei der Verzweiflung.

Wie in einem Musterbuch hat Puccini im „Trittico“ knapp konzentriert die drei für die Oper wesentlichen Felder ausgeschritten: das Dramatische, das Lyrische, das Burleske. Das Orchester der Deutschen Oper bleibt unter der Leitung von Stefano Ranzani in der Komödie erdenschwer unflexibel, es bringt auch die Farben nicht zum Blühen in der lyrischen Ekstase. Allenfalls im impressionistisch aufrauschenden Drama wird annähernd puccinesk und glutvoll musiziert.

Betongraues Bühnenbild

Auch sind nicht alle Sängerpartien so typengenau besetzt, wie es sein sollte, was vor allem beim „Gianni Schicchi“ schmerzt. Ausstatter Alexander Dodge hat die drei Einakter in ein betongraues Einheitsbühnenbild gestellt, das sich mit wenigen Requisiten verwandelt vom Schlafsaal des Klosters in „Suor Angelica“ über das Sterbezimmer des reichen Buoso Donati in „Gianni Schicchi“ bis zum Ehekriegsschauplatz in „Il Tabarro“. Letzteres ist nicht nur das formal geschlossenste Stück, sondern auch das einzige, wozu dem Regieteam etwas original Selbstausgedachtes einfiel.

Statt der heiß aufwallenden Eifersuchtstragödie wird die abgekühlte Normalität einer gewöhnlichen Ehehölle vorgeführt, in der die Leidenschaften erstickt sind. Das funktioniert, weil sowohl die lüsterne Giorgetta (überzeugend: Chiara Taigi) als auch ihr braver Marcel (leicht angerauht: Paolo Gavanelli) vom richtigen Leben nur träumen. Erst wenn sie ihre Schlafbrillen aufgesetzt haben, tauchen sie ein in die veristische Realität der Puccini-Partitur. Dann nimmt das Licht eine surreale Bläue an, rabenvogelköpfige Kindermädchen und rosentragende Jünglinge schweben vorbei, Second-hand-Pointen von Freyer oder Neuenfels.

Die Bettdecke wird drohend gelüpft

Dem flotten Verführer Luigi, dem Vincenzo La Scola auch stimmlich Heldenkontur verleiht, wächst der Teufelsschwanz aus dem Jackett, während das verstorbene Kind heimlich zur Tür hereinschlüpft in einem aus dem Fundus zum Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ entliehenen knallroten Lackmäntelchen. Als Marcel seine Frau in feurig aufgipfelnder Verzweiflung, vom Orchestersturm getragen, „unter seinen Mantel“ bittet, liegt nicht etwa der schöne Luigi da in seinem Blut: Die Bettdecke wird drohend gelüpft nur zum Vollzug der Ehe, und das „Ah“, mit dem Giorgetta diese Brutalität quittiert, gewinnt fast kleistsche Qualität.

Mit der Komödie kommt Frau Wagner weniger gut klar und offenbar gar nicht mit dem lyrischen Mystizismus der jungen Nonne, die sich ins Nirwana hinüberhalluziniert wie einst Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern. Cristina Gallardo-Domas macht das mit ihrem schlagkräftigen, etwas scharfen Sopran, assistiert von glockenhaften Fernchören, sehr schön glaubhaft. Doch ihre „Suor Angelica“ wird von der Regie als reiner Kitsch denunziert und „Gianni Schicchi“ schenkelklopfend abgeflacht zur Klamotte. Die Pointe, daß Schicchi (Alberto Rinaldi) seine raffinierte Testamentsfälschung nur mit Hilfe eines Juristenkollegen bewerkstelligt, verpufft wie ein feuchter Knallfrosch. Dafür kann sich, wer will, daran freuen, daß den Maskenbildnern der Deutschen Oper mit dem Schicchi ein recht nach der Natur gelungenes Porträt des in Berlin stadt- und gewiß auch republikbekannten Prominentenanwalts Peter Raue geglückt ist.“

Quelle: F.A.Z., 10.01.2006, Nr. 8 / Seite 33
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Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin

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