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Oper Brust, Bauch, Helm, Speer

21.03.2005 ·  Wo Opernmacher nicht mehr an die Oper glauben, müssen Filmemacher ran: Bei Bernd Eichingers „Parsifal“ in Berlin wackelt die Kulisse. Ein neuer Gegenentwurf zur schrillen Bayreuther „Parsifal“-Premiere des vorigen Sommers.

Von Eleonore Bünning
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Als "Winterbayreuth" hat sich die Lindenoper in Berlin schon oft verkleidet, nicht erst seit den großen Kupfer-Barenboim-Wagnerfestivals der neunziger Jahre. An diesem Abend trägt sie den Titel zu Recht. Die neue "Parsifal"-Produktion, die fortan im Spielplan die zwar langweilige, aber regiehandwerklich superkorrekte Inszenierung von Harry Kupfer aus dem Jahr 1992 ersetzen soll, tritt auf wie ein Gegenentwurf zur schrillen Bayreuther "Parsifal"Premiere des vorigen Sommers.

Auch das Mediengetöse vorab war beinahe so aufdringlich. Man zählte die Haare auf dem Kopf, die Schnürsenkel und konsumierten Filetspitzen des Regie-Neulings Bernd Eichinger ebenso scharfsinnig, wie man weiland die Zwischenmahlzeiten des Bayreuther Regie-Neulings Christof Schlingensief rapportiert hatte, der nun beim Premierenabendauftrieb in Berlin quasi opfermäßig kollegial in die Kamera grüßte.

Pressehype und Quote

Halb München ist vorhanden, das versammelte Starpersonal der Bavaria Film Studios posiert für die Fotografen. In der Mittelloge sitzt Flierl statt Stoiber, flankiert von Wolfgang, Katharina, Gudrun, mithin vom Triptychon der amtierenden Heiligen Familie, die durch nichts Geringeres als Blutsbande berufen ist, den einzig wahren Wagnergral zu hüten.

Sie haben es mit ihrem "Hasifal" vorgemacht: Glanz des Diesseits, Pressehype und Quote sind das A und O beim Polieren des Kelchs geworden, jeder schlagzeilensichere Debütant darf mal nippen. Als dann das erste transzendierende Abendmahlsmotiv scharf, satt und ausdrucksgeladen - nicht langsamer, aber doch entschieden lauter, als es Pierre Boulez nahm, nämlich mindestens mezzoforte - aus dem Graben aufkeimt, ist klar: musikalisch wird es diesem Winter-"Parsifal" wärmer werden als dem im Sommer.

Unerhört farbenintensiv

Die tiefen, langen "Parsifal"-Pausen und die unzähligen, willkürlichen Fermaten, mit denen Richard Wagner in diesem spätesten Werk einen Zustand der Zeit- und Bewegungslosigkeit überhaupt erst bewerkstelligte, werden von Daniel Barenboim fließend im Spannungsbogen überbrückt, ausgefüllt mit einem durchlaufenden Puls: Erst so erweist sich die Länge einer Generalpause als wahre Zerreißprobe.

Für Boulez waren just dies die Stellen gewesen, an denen er sein analytisches Skalpell ansetzte. Man hört außerdem in Barenboims souverän ausgesungenem, durchgeatmeten "Parsifal"-Dirigat überdeutlich, wie unerhört farbenintensiv und vor allem holzbläserlastig diese Partitur ist.

Es bleibt kein Wunsch offen

Die Staatskapelle Berlin zieht alle Register. Sie erweist sich, nach zwei Unschärfen und Nervositäts-Hörnerwacklern zu Beginn, wiederum als jenes kompakt-bewegliche und bestens ausbalancierte, ideale Sängerbegleitorchester, als welches sie bereits zum zweiten Mal zum "Opernorchester des Jahres" gewählt worden ist. Aber auch, was die sogenannte "kammermusikalische" Transparenz anbelangt, bleibt kein Wunsch offen.

Barenboim und Boulez liegen offenbar stilistisch nicht so weit auseinander, wie oft behauptet. Wer die beiden vergleichen will, hat dazu nun bei den Lindenoper-Festtagen - die sowohl Boulez als auch Barenboim am Pult sowohl der Staatskapelle wie des Chicago-Symphony-Orchesters präsentieren - Gelegenheit.

Metallische Durchschlagskraft

Im Gegensatz allerdings zu Sommerbayreuth arbeitet das Besetzungsbüro in Winterbayreuth auf höchstem professionellen Niveau. Fast alle Partien sind aus dem Hausensemble besetzt. Es wird, bis in die Nebenrollen hinein, hinreißend klangschön und sauber gesungen, dazu genau artikuliert. Man begreift jedes Wort. So ist das bei Wagner wohl auch gemeint. Jede Falte des Zweifels im Herzen des jungen Knappen, auch der Schatten von Aufrichtigkeit in den süßen Lügen der Blumenmädchen wird einsichtig und klar verständlich.

Einen Triumph feiert Rene Pape als tatkräftiger Gurnemanz, begabt mit überwältigender Bühnenpräsenz und einer nie ermüdenden Modulationsfähigkeit seiner ausdrucksstarken Stimme. Selbst die Gralserzählung wird bei ihm nicht Schlaftrunk, sie bleibt Krimi. Burkhard Fritz bringt für die Partie des Parsifal reife, metallische Durchschlagskraft mit und weiß seine Stimme auch in der Mittellage und in den Dialogen bestens zu formen und zu führen.

Klischee des Jammerlappens

Michaela Schuster singt die Kundry mit kehlig-höllenrosenreifer Tiefe und ausuferndem Espressivo, Jochen Schmeckenberger stattet den Klingsor mit der nötigen dämonischen Farbe aus, und Hanno Müller-Brachmann, eingesprungen für Roman Trekel, trägt mit heldisch aufgehelltem Bariton bei, den Leidensmann Amfortas endlich vom Klischee des Jammerlappens zu erlösen.

Unbedingt einzuschließen in das Sängerlob ist der Staatsopernchor, einstudiert von Eberhard Friedrich. Nur mußte just dies so dynamisch agierende Ensemble bei der Enthüllung des Grals antreten in so lächerlich statuarischer Pappkameradenweise, wie sie im Opernmuseum, Abteilung Karikatur, schon vor Jahren ausgemustert worden ist.

Winterliche Manhattan-Kulisse

Regisseur Eichinger kann das unmöglich ernst gemeint haben. Nehmen wir zu seinen Gunsten an, er wollte nur ironisch demonstrieren, was Oper nicht ist, nämlich opernhaft, also: Auftritt aus der ersten Gasse links, präsentiert wahlweise Fell, Brust, Bauch, Helm, Speer, geordnetes Abdröhnen, Abgang erste Gasse rechts.

Dergestalt flach-eindimensional, jedoch stoff- und klischeereich kostümiert, geriet die Personenführung im ersten und zweiten Teil. Amfortas bot sein Herz zum Verzehr an, Kundry ließ sich von Klingsor am Hundehalsband führen. Auch der dritte Aufzug, vor eine winterliche Manhattan-Kulisse transponiert, spielte sich vorn an der Rampe ab.

Schlimmster Sündenfall

Dahinter gab es, so informativ wie die eingespielte MAZ im Fernsehen, Videos folgenden Inhalts zu sehen: a) Weltraum, darin rotierend der blaue Planet, b) vulkanisches Magma, darin auftauchend eine gemeine Teufelsfratze, c) heidnische Tempelbauten von Maya bis Buddha, d) einstürzende Neubauten und e) Tiefsee. Der Karfreitagszauber wurde dann f) dargestellt durch ein farbenfrohes Wurmloch a la Stargate.

Mit der Verräumlichung von Zeit - etwa dem Umstand, daß Musik weiterläuft, auch wenn Bild und Gedanke längst verflogen oder vernutzt sind - hatten all diese geschwätzigen Hilflosigkeiten nichts zu tun. Weder die historische noch die politische Dimension des "Parsifal"-Werks wurden ansatzweise gestreift. Und, schlimmster Sündenfall: Es wurde so schnell langweilig! Daß eine Theaterbühne, rein handwerklich betrachtet, auch über eine Raumdimension und mehr als eine Gasse verfügt, hätten die Dramaturgen Unter den Linden ihrem Opern-Neuling ruhig verraten dürfen.

Quelle: F.A.Z., 21.03.2005, Nr. 67 / Seite 35
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