Home
http://www.faz.net/-gs3-73z6d
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Sachbücher des Jahres

Oper „Babylon“ in München Fette Zeiten in alten Städten

New York? Babel? In München wird bei der neuen Oper von Jörg Widmann und Peter Sloterdijk an nichts gespart und tief empfundene Affekte mit frechem Witz gesprenkelt.

© Ursula Kaufmann Vergrößern Babylonischer Budenzauber von La Fura dels Baus in München

Schon wieder geht die zivilisierte Welt unter. Pardauz, fallen die Styropormauern um. Feuerchen lichtorgeln auf Videowänden, Tierhörner tuten, ein schwarzer Skorpion stolpert durch apokalyptisch qualmende Trümmer, er liest uns was vor aus den Büchern der Propheten. Seine Stimme tönt hohl, sie trägt erstaunlich weit für einen Countertenor.

Eleonore Büning Folgen:  

Der Sänger, Kai Wessel, ist mikrophoniert, auch werden ihm Rumpf und Schwanz recht zierlich hinterhergetragen von drei Tänzern in schwarzen Strumpfhosen. Kabel, Strumpfhosen, Lichteffekte, Styropor: Sollte das etwa ein Musical sein? Doch schon baut sich ein hundertköpfiger Profichor an der Rampe auf, und wir finden uns wieder in einem Orff-Oratorium: „O Fortuna!“, schallt es achtstimmig in verrutschtem, metrisch aber wohlgeordnetem Choral-Moll. Ach nein, wir haben uns verhört, die Übertitelung zeigt es in Keilschrift korrekt an, sie singen: „Babylon!“

Jugendfreie Bildungsbürger-Revue

So heißt diese neue Superoper, die als Auftragswerk des Nationaltheaters am Samstag in München zur Uraufführung kam. Kein kommerzielles Klon-Musical aus den Neunzigern, vielmehr abendfüllend, Katharsis einfordernd, aufgeladen mit Botschaft und Bedeutung. Peter Sloterdijk schrieb das Libretto, befragte die Bibel ebenso wie nahöstliche Mären und Mythen, Archäologen und Wissenschaftler, und stopfte alles hinein, was das Image eines urbanen Sündenpfuhls ein bisschen aufbessern kann. Die Oper erzählt exemplarisch vom Aufstieg und Fall der alten mesopotamischen Stadt Babylon.

Sie könnte auch „New York“ oder „Gotham City“ heißen. Oder „Mahagonny“. Und das hohe Paar, um dessen Rettung es geht und das seinerseits am Ende zur Rettung der Welt in einer Raumkapsel in die Umlaufbahn geschossen wird, in eine bessere Zukunft, das könnte, statt (babylonisch) Innana und (israelisch) Tammu, auch ganz anders heißen: Pamina und Tamino, zum Beispiel, oder Orpheus und Eurydike. Andere haben aus solchen Stoffen Opern gebaut, Sloterdijk macht eine pointenverliebte Bildungsbürger-Revue daraus, mit Naturkatastrophe und Menschenopfer, mit einer Affenbande, die über geklaute Kokosnüsse klagt, und mit einem Genitalien-Ballett, bei dem Regisseur und Bühnenbildner Carlus Padrissa sowie seine Truppe La Fura dels Baus streng darauf achten, dass immer alles hübsch jugendfrei in luxuriöse, transparente Plastik verpackt ist.

Von babylonischer Sprachverirrung

Am Ende wird nicht nur Babel, Gott und die Welt in letzter Sekunde vor dem Untergang gerettet, nein, der gesamte Sonnenkreis, das Universum, verdankt sein Überleben der lauteren Liebe des hohen Paars. Nicht ganz neu, die Idee. Aber sie funktioniert. Schon Schikaneder hatte damit Erfolg. Er hatte allerdings Mozart.

Sloterdijk kann froh sein: Er hat Jörg Widmann. Der ist gerade erst neununddreißig und schon ein alter Meister. Dieser fröhliche Beherrscher aller polystilistischen Wundertüten könnte noch das großmäuligste Monsterlibretti vergolden. Alsbald spreizen sich die „Babylon“-Chorstimmen auf ins Vierzehnstimmige, dann ins Zwanzigstimmige, die Sache wuchert weiter zu einem kontrapunktisch verkeilten Turba-Chor, einer wahrhaft babylonischen Ton- und Sprachverwirrung, von der Orff nicht mal zu träumen gewagt hätte.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Borussia Dortmund Mit Herz und Härte

Dortmund lässt in der Krise den hohen fußballerischen Anspruch fallen und erkämpft einen 1:0-Sieg über Hoffenheim. Dazu trägt auch eine nicht unbedingt jugendfreie Rede vom einstigen Kapitän Kehl bei. Mehr Von Richard Leipold, Dortmund

06.12.2014, 10:50 Uhr | Sport
Das Marschland an Euphrat und Tigris Das Paradies ist hier nicht mehr

Das Feuchtgebiet im Südirak galt in der Urzeit als der Garten von Eden. Doch Saddam Hussein verwandelte ihn in eine Wüste. Langsam kehrt das Wasser zurück. Mehr

26.11.2014, 13:01 Uhr | Gesellschaft
Prozessauftakt in Lüneburg Richter Bodenlos

Ein hoher Justizprüfer von Niedersachsen soll Studenten geholfen haben, das Juristische Staatsexamen zu bestehen – für Geld und Intimitäten. Nun steht er in Lüneburg vor Gericht. Mehr Von Reinhard Bingener, Lüneburg

17.12.2014, 18:51 Uhr | Politik
Xabi Alonso freut sich auf München

Beim traditionellen Werbetermin mit einem Weißbier-Sponsor des FC Bayern München durfte Xabi Alonsos natürlich nicht fehlen. Ein bisschen war ihm der Stress der letzten Tage anzusehen. Innerhalb von nur zwei Wochen war der Alonso-Wechsel von Real Madrid zu den Bayern perfekt gemacht worden. Mehr

01.09.2014, 09:34 Uhr | Sport
Feldküche in Afghanistan Deutsche Liebesszenen für Mongolen

Die deutsche Feldküche im afghanischen Mazar-i-Sharif ist ein babylonischer Ort. Küchenchef Dietmar Noch muss sich daher mächtig ins Zeug legen, um der Nationenvielfalt kulinarisch gerecht zu werden. Ein Besuch vor Ort. Mehr Von Johannes Leithäuser, Mazar-i-Sharif

18.12.2014, 06:51 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.10.2012, 17:00 Uhr

German, please

Von Michael Hanfeld

Wird die Deutsche Welle bald ausschließlich auf Englisch senden? Alle schütteln den Kopf. Peter Limbourg gibt genügend Grund für viele Fragen - aber auch für eine Antwort: Die Deutsche Welle spricht die Sprache des Geldes. Mehr 2

Umfrage

Wie hat Ihnen die letzte „Wetten, dass..?“-Sendung gefallen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.