18.11.2009 · Skandal, Fanal und Signal in der Finanzkrise und für die geplante Steuerreform, von der die Kommunen besonders betroffen sind: Die Stadt Wuppertal will ihr 1966 eröffnetes Schauspiel aufgeben. Zadek, Bondy, Peymann und Neuenfels inszenierten hier und Pina Bausch choreographierte.
Von Andreas RossmannAls sie am 24. September 1966, mit einer Rede von Heinrich Böll, ihr Schauspielhaus eröffnete, hatte die Stadt Wuppertal 422.000 Einwohner. Wie ein großer weißer Kiesel strahlte der Neubau in der Schleife der Wupper und trotzte dem tristen Grau im engen, von der Industrie besetzten Tal, wo er sich gegen den schmutzigen Fluss und die kreischende Schwebebahn abschottet. Auch von innen begann er zu strahlen. Zadek, Bondy, Neuenfels inszenierten hier unter dem weltläufigen Intendanten Arno Wüstenhöfer, Peymann krönte Minetti im „König Lear“ – und 1973 ging hier der Stern von Pina Bausch auf, deren Tanztheater-Premieren abwechselnd im neuen Schauspielhaus in Elberfeld und im alten Opernhaus in Barmen herauskamen.
Abwechselnd, Barmen und Elberfeld – das kennzeichnet die Geschichte, aber auch die Kommunalpolitik der erst 1929 zu Wuppertal fusionierten Doppelgroßstadt. Denn lange hat sie, der Parität und Rivalität der beiden wichtigsten Stadtteile folgend, vieles doppelt gebaut: Ausstellungshäuser, Stadtbibliotheken, Schwimmbäder. Was Barmen hatte, musste Elberfeld auch haben. Und umgekehrt. Auch das Schauspielhaus, ein markanter Bau des Hannoveraner Architekten Gerhard Graubner, war ein Zugeständnis dieser Art, wäre andernfalls doch Barmen im Vorteil und alleiniger Standort des Theaters gewesen.
2012 soll das Licht ausgehen
Der Stadt Wuppertal aber ging es schon, als das Haus fertig war, nicht mehr so gut wie zu der Zeit, als sein Bau beschlossen wurde. Seit Beginn der sechziger Jahre hat das einst prosperierende Zentrum der Textil- und metallverarbeitenden Industrie Arbeitsplätze und Einwohner verloren, genau 350.849 waren es am 30. Juni. Tendenz fallend. Der Prognose zufolge werden es 2015 nur noch 339.000, zehn Jahre später 322.000 sein. Doch das Schauspielhaus bietet mit seinen 740 Plätzen immer noch fast so vielen Zuschauern Platz wie das im dreimal so großen Köln. Strahlen tut es schon lange nicht mehr: In den neunziger Jahren wurde ihm ein Multiplex-Kino zur Seite gestellt, das es verdeckt und in die zweite Reihe schiebt.
Doch selbst ein Schattendasein soll es künftig nicht mehr führen dürfen. 2012 soll das Licht ganz ausgehen. Die Stadt, die ein Schuldenberg in Höhe von 1,8 Milliarden Euro drückt, muss sparen; wenn sie so weiterwirtschaftet wie bisher, ist sie 2011 überschuldet. Dagegen haben Oberbürgermeister Peter Jung, ein bekennender Opernfan, und Kämmerer Johannes Slawig (beide CDU) ein Haushaltssicherungskonzept erarbeitet, das bis 2014 Einsparungen in Höhe von jährlich achtzig Millionen Euro vorsieht und vom Rat noch beschlossen werden muss. Die Einschnitte sind beträchtlich und haben zur Folge, dass die Bürger nicht mehr die gleichen Lebensbedingungen wie Einwohner anderer Städte in Nordrhein-Westfalen haben werden: Die Gebühren für den Kindergarten und die Musikschule, die Eintrittspreise für den Zoo und die Konzerte des Sinfonieorchesters sollen erhöht, drei Frei- und zwei Hallenbäder geschlossen, Immobilien der stadteigenen Wohnungsbaugesellschaft verkauft, Stellen in der Verwaltung durch Altersteilzeitregelungen abgebaut und nicht neu besetzt werden.
Eine Abwärtsspirale
Besonders hart trifft es die Kultur. Für das Theater, das gegenwärtig 10,9 Millionen Euro erhält, ist eine stufenweise Kürzung um zwei Millionen Euro und damit die Aufgabe der eigenen Spielstätte vorgesehen. Der Plan, das Schauspielhaus wie das Opernhaus, das Anfang des Jahres, vorbildlich restauriert, wiedereröffnet wurde, zu sanieren, ist damit hinfällig. Was die Stadt zu Pina Bauschs Lebzeiten nicht gewagt hätte, beginnt sie, kein halbes Jahr nach dem Tod der Choreographin, vorzubereiten: den Abriss ihres Theaters.
Die Notbremse, welche die Stadtspitze („Wir haben keine andere Wahl“) zieht, droht Wuppertal in eine Abwärtsspirale zu treiben, die sich mit dem Verlust an kultureller Ausstrahlung beschleunigen könnte. Ihr Kreischen dürften andere Kommunen als Signal verstehen: Gerade die mittleren Großstädte in und am Rande der Ballungszentren plagt die größte Not; Hagen, Mönchengladbach und Oberhausen gelten in Nordrhein-Westfalen als die nächsten Kandidaten.
Sollte die schwarz-gelbe Bundesregierung ihre „große“ Steuerreform auch nur teilweise zu Lasten der Kommunen realisieren, kann sie ein Theatersterben auslösen. Wuppertal aber muss nun endlich die Pläne eines „Bergischen Theaterverbunds“ mit Remscheid und Solingen vorantreiben, die fertig in der Schublade liegen.