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Zum Tod George Taboris : O Haupt voll Witz und Wunden

  • -Aktualisiert am

Der große Theatermann George Tabori ist tot Bild: ddp

Dort nur war er heimisch, wo er nicht dazugehörte. Was immer er spielte, kam aus dieser Distanz. Und ganz zu Hause war er nur in seiner Phantasie, einem Königreich aus eigenem Recht. Gerhard Stadelmaier zum Tod des Dramatikers, Regisseurs und Theaterversuchers George Tabori.

          Auf der Bühne des Wiener Burgtheaters, man schrieb das Jahr 1991, war soeben Kafka im Bett von Milena gestorben; hatte der jüdische Vampir Finkelstein, frisch seinem KZ-Grab entstiegen, die Jungfrau von Orleans in den Hals gebissen; waren tote Juden aus ihren Holocaust-Öfen heraus über einen antisemitischen Sprayer hergefallen; kam Godot wirklich; hatte Ödipus weiter mit seiner brotbackenden Mami Iokaste schlafen dürfen; hatten Hera und Leda den alten Zeus in Gestalt eines Schwans im Dampfbad in den letalen Wahnsinn getrieben: „Gott ist tot!“ – „Ich wußte gar nicht, daß der krank war!“ – „Heute sterben eben Leute, die früher nicht gestorben wären!“ Das alles geschah im Hintergrund. Und war ein Witz.

          Im Vordergrund aber saß George Tabori, Dramatiker und Regisseur, ein älterer, mit schnauzbärtig melancholischem Charme und einer Pudelmütze versehener Herr. Und war auch ein Witz. Sanft schaukelte er auf einer herabgelassenen Zugstange, während er in aller Ruhe eine Banane aß und mampfend jüdische Anekdoten auf ungarisch erzählte. Taboris Lieblingsgeschichte könnte darunter gewesen sein: Sitzt das deutsche Ehepaar Müller vor dem Fernseher, sieht eine Holocaust-Serie, schwimmt in Tränen des Mitleids. Sagt Herr Müller: „Das hätte es unterm Hitler nicht gegeben!“ – Das Ganze nannte sich „Babylon Blues“ und ließ zwischen Kalau und KZ alle Leute – von Gott bis zu Godot – einfach nur glücklich sein. Weshalb sie alle Katastrophen überleben.

          „Es ist nie zu spät, den Beruf zu wechseln, Sir

          Tabori war in allen seinen Stücken und Inszenierungen der Mann Hiob, der lachte. Er hielt sein elegantes Altherrenbuben-Haupt voll Witz und Wunden den Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts entgegen und zog etlichen Tabus die Feigenblätter herunter. Und schaute nach, was darunter sich barg. Als Tabori in seiner Komödie „Mein Kampf“ von 1987 der Geschmacklosigkeit Hitler das Feigenblatt wegnahm, kam unterm weltgeschichtlichen Schwein im Wiener Männerheim der frühen Adolf-Jahre eine arme Sau zum Vorschein, der Tabori einen jüdischen Freund namens Schlomo Herzl („Ecce Schlomo!“) spendiert, der ihn aufs Leben, Sterben und die Politik vorbereitet.

          Mit Ehefrau Ursula Hoepfner im August 2006

          Und als Tabori der Ungeheuerlichkeit Gott 1993 in den „Goldberg-Variationen“ unters Feigenblatt schaute, kam ein pfuschender Großregisseur im Stadttheater von Jerusalem heraus, der Ärger mit „den Nazi-Böcken in der Technik“ hat, mit seinem Regieassistenten Goldberg, den er am Ende ans Kreuz nageln läßt, die Erschaffung der Welt probt, wobei Goldberg „die Nächstenliebe“ erfindet und als Star des Neuen zum Verlierer des Alten Testaments sagt: „Es ist nie zu spät, den Beruf zu wechseln, Sir.“ So erlebt man die Geburt der Religion aus dem Geist des Theaters. Gott führt Regie. Aber Jesus rettet die Premiere. Als müsse man aus wüstestem Leben und erlösender Geschichte einfach nur schönstes Theater machen.

          Weil ihm deutsche Schuld und deutsche Moral egal waren

          Und umgekehrt. Aus wüstester Geschichte und erlösendem Theater ergab sich für George Tabori am Ende schönstes Leben. Freilich als gelebtes Paradoxon: unter Deutschen. Als Nazis hätten diese ihn gerne umgebracht – als Bundesrepublikaner liebten sie ihn dann innig. Keiner, der „Tschoortsch“ nicht mochte, obwohl oder gerade weil er nicht auf deutsch schrieb, lächelnd fremd blieb und ohne die Übersetzertätigkeit von Ursula Tabori-Grützmacher, seiner zweiten Frau, als Dramatiker gar nicht präsent gewesen wäre.

          Als er an seinem neunzigsten Geburtstag auf der Bühne des Berliner Ensembles saß in einem prächtigen Thronsessel, da legten ihm nicht nur Regisseurskollegen, Schauspielerinnen und Literaturnobelpreisträger, sondern auch Bundespräsidenten und Regierende Bürgermeister ihre vorbehaltlose Zuneigung zu den elegant nebem den Stock mit dem Silberknauf gekreuzten Füßen. Diese wunderbare Figur da droben war für sie alle eine große Erleichterung. Weil ihm deutsche Schuld und deutsche Moral egal waren. Weil er von ihnen nicht Mahnmale, sondern das direkte, tieflebendige Gefühl dafür forderte, dass Erinnerung nur Erinnerung ist, wenn sie „mit dem Darm, dem Bauch, dem Hintern“ erinnert werde.

          Die Absurdität des Schreckens nicht von seiner Größe trennen

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