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„Nordischer Faust“ in Düsseldorf : Ist Ibsen reif fürs Museum?

Peer (Olaf Johannessen) krallt sich an die ewige Geliebte Solvejg (Anna Kubin) – doch diesmal wird sie gehen Bild: Sebastian Hoppe

Peer Gynt als Geisterfahrer im Museum: Staffan Valdemar Holms macht aus der Fabel des jungen Bauernsohns ein modernes Stück, dessen Schauplatz sich als Verlegenheitslösung entpuppt.

          Der berühmte Satz, der Henrik Ibsens „dramatisches Gedicht“ eröffnet, hat Theatergeschichte gemacht, und so steht er in Düsseldorf schon im Museum: „Peer, du lügst!“ Aase, die ihn ihrem Sohn an den Kopf wirft, hat rechts auf der Bank vor einer fast die ganze Wand füllenden Fotografie Platz genommen, die drei ausgelassen herumspringende Kinder zeigt, und Peer steht, die Hände in den Hosentaschen, auf der linken Seite und betrachtet die Ausstellung, deren zwei Dutzend Schwarzweißaufnahmen, im Programmheft werden alle aufgelistet, zwischen 1855 und 2013 entstanden sind.

          Andreas Rossmann

          Feuilletonkorrespondent in Köln.

          Ihr zeitlicher Bogen nimmt den der Fabel auf und führt ihn in die Gegenwart fort: „Das Stück beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts und endet in unserer Zeit“, notiert der Autor zu dem 1867 verfassten und 1876 in Oslo uraufgeführten Stationendrama. In diesem Bühnenbild von Bente Lykke Møller, dessen Stellwände mehrfach bewegt werden, ließe sich gut „Trilogie des Wiedersehens“, das Ehekrisenkunststück von Botho Strauß aus dem Jahr 1976, spielen: hohe, graue Ausstellungsräume, in die von oben kaltes Licht fällt. Doch wie passt der „nordische Faust“ an diesen Ort, womöglich auch eine Reverenz an die Fotokunst, die in Düsseldorf zu Hause ist, und wie soll er sich hier zurechtfinden?

          Staffan Valdemar Holm, der im November 2012 wegen einer Erschöpfungsdepression nach knapp anderthalb Jahren als Generalintendant des Schauspielhauses hingeworfen und sich zur Rekonvaleszenz nach Lappland zurückgezogen hatte, ist als Regisseur an den Rhein zurückgekehrt und hat einen „Peer Gynt“ mitgebracht, den er ins Museum stellt und neu erzählt: Wie auf alten Fotografien kommen dem Protagonisten, einem Mann von heute im - letztes Muster seiner Herkunft - folkloristisch bestickten Hemd, die dramatis personae entgegen.

          Die „Reise um die Welt“ findet im Saale statt

          Aase trägt eine dörfliche Tracht mit Schürze und Kopftuch, und auch die anderen Figuren kommen aus einem Hinterwald, in dem noch Volkstänze lebendig sind und dazu Purzelbaum und Rad geschlagen werden. Der Vorwurf der Mutter reißt Peer Gynt aus seiner Versunkenheit und ruft die Auseinandersetzungen mit ihr wieder auf, den Hass und die Entwertungen, die Schläge und Raufereien. Die „Reise um die Welt“ findet im Saale statt.

          Die Fotografien - Porträts, Torsi, Akte und Landschaften, auch Gewandstudien und abstrakte Kompositionen - spielen assoziativ auf die Handlung und ihre Schauplätze an: Vulkanausbrüche, ein Skifahrer, der von einem Pferd gezogen wird, Männer und ein Kamel vor den Dünen der Sahara. Als Peer Gynt aufgebrochen ist in die Welt, rückt ein Foto in den Vordergrund, auf dem ein Schild mit der Aufschrift „Go back you are going wrong way“ steht.

          Als Geisterfahrer mag er sich auch sonst fühlen: Wie ihn auf Ingrids Hochzeit der Schmied und seine beiden Kumpanen angreifen, wegdrängen und auszugrenzen versuchen, wie eine Frau nach der anderen ihm ausweicht und nur die scheue Solvejg mit ihm tanzen möchte, wie er die Braut ins Gebirge verschleppt, verführt und gleich wieder verstößt, wie die drei Sennerinnen es mit ihm treiben wollen, und er - „na klar, und ob ich kann“ - jede von ihnen in den höchsten Tönen jauchzen lässt. Dieser Peer lässt nichts anbrennen: Der Express-Orgasmus als fröhliche Telefonsexparodie.

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