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Nobelpreisträgerin Jelinek Beschimpft und gefeiert

02.12.2004 ·  Elfriede Jelinek hat den Literaturnobelpreis 2004 erhalten: eine höchst überraschende, doch gute Wahl. Eine radikalere, unbequemere Autorin hätte man kaum finden können. Interviews, Porträts und Reaktionen.

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Könnte die Überraschung größer sein? Nur fünf Jahre nachdem Günter Grass den Literaturnobelpreis erhalten hat, wird jetzt mit Elfriede Jelinek wieder eine literarische Stimme aus dem deutschsprachigen Raum ausgezeichnet.

Wie Grass zählt die Österreicherin zu den politisch engagierten, sich oft und entschieden einmischenden Autoren, und wie der über zwanzig Jahre ältere Grass ist auch Elfriede Jelinek an der Musikalität ihrer Sprache und dem ganz eigenen Rhythmus ihrer Prosa stets auf Anhieb zu erkennen.

Aber anders als der Nobelpreisträger des Jahres 1999, der die Sprache liebt und ihr vertraut, zählt Elfriede Jelinek auch die Sprache zu jenen Instrumenten der Unterdrückung, gegen die sie unermüdlich kämpft. Die Welt, die sie beschreibt, ist geprägt von Lust und Gier, von Gewalt, Unterwerfung und Machtmißbrauch. Es ist ein Raubtierkäfig der Konventionen, in dem Rituale des Schreckens und der Banalität gefeiert werden.

Höchst umstrittene Bücher

Um dies darzustellen, ist Elfriede Jelinek jedes Mittel recht. So sind ihre Bücher all dies zugleich: poetisch und obszön, rasend komisch und sterbenslangweilig, hochintelligent und schrecklich platt. Ebenso radikal und kompromißlos wie in ihrer Zivilisationskritik zeigt sich Elfriede Jelinek in ihrem bei jeder Gelegenheit ausgestellten Haß auf ihr Heimatland Österreich. Wie Thomas Bernhard, mit dem sie den Hang zur Übertreibung, zur kompromißlosen, zuweilen blindwütigen Zuspitzung teilt, glaubt sie in Österreich überall das Fortwirken des Faschismus zu erkennen. Und so ist es kein Wunder, daß Elfriede Jelineks Bücher höchst umstritten sind und die Autorin vor allem in ihrer Heimat weniger gefeiert als beschimpft wird.

Die Stockholmer Entscheidung ist nur in einer Hinsicht nicht überraschend: Man hatte erwartet, daß eine Frau in diesem Jahr den Nobelpreis erhalten würde. Bereits in ihrer ersten Stellungnahme hat Elfriede Jelinek erklärt, daß dieser Umstand ihre Freude erheblich schmälert. Aber ihre Sorge, sie könnte fortan als lorbeerbekränzte Quotenfrau der Weltliteratur gelten, ist unbegründet: Eine radikalere, unbequemere Autorin hätte das Stockholmer Komitee kaum finden können. Die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2004 muß nicht kleinmütiger sein, als jene es waren, die diese gute Wahl getroffen haben.

Quelle: igl / Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08. Oktober 2004 / S. 1
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