24.01.2010 · Die Theater stürzen sich momentan auf den jungen Dramatiker Nis-Momme Stockmann. Erste Ergebnisse sieht man in Heidelberg und Frankfurt. In beiden Uraufführungen geht es um das schrecklich Gewöhnliche. Hält die Theaterhoffnung Stockmann, was sich der Markt von ihr verspricht?
Von Gerhard StadelmaierStockmann heißt der Mann, Vorname: Nis-Momme, Jahrgang 1981, geboren in Wyk auf Föhr, gelernter Koch, studierter Tibetkundler und Medienwissenschaftler, Filmebastler und Installationenaussteller, Teilnehmer des Studiengangs „Szenisches Schreiben“ in Berlin. Erstmals aufgefallen bei den „Stückemärkten“ in Heidelberg und Berlin. Von gestern auf heute auf dem großen Theatermarkt eine neue Lieferantenhoffnung. Von jetzt auf nachher schon Hausautor im Schauspiel Frankfurt. Heidelberg hat seine erste Uraufführung herausgebracht, Frankfurt seine zweite, Stuttgart folgt demnächst mit der dritten; weitere Bühnen wollen folgen. Zurzeit schreibt der Autor schon an seinem sechsten Stück.
Der Markt ist gefräßig. Man muss ihn füttern, solange er Hunger zeigt. Ausgespien oder verdaut ist man da auch wieder schnell. So schnell, dass der junge Theaterautor in seinem nächsten Stück, das den Titel „Kein Schiff wird kommen“ trägt, schon einen jungen Theaterautor auftreten lässt, der am Markt und dessen Intendanten („So was wollen wir nicht spielen“) verzweifelt. Bevor der Markt den Neuling verwurstet, lohnen doch ein paar Fragen: Was kann er? Was will er? Was zeigt er? Stockmann kann etwas Ungewöhnliches. Weil er das Gewöhnliche will. So zeigt er den Schrecken und die Abgründe ganzer Welten (seiner Welt) als Beziehung, Spannung, Anziehung, Abstoßung, Vernichtung, Sehnsucht, Verzweiflung: zwischen Menschen. Sein Verfahren ist tapfer human. Es eignet ihm eine unzeitgemäße Bescheidenheit und Zurückgenommenheit selbst noch im asozialen Horror.
Die Schuldfratze des Kapitalismus
Er ist nicht der Richter einer verkommenen Welt, nicht der Schuldsprecher und Ankläger der Theorien und Diskurse, mehr der beobachtende Verteidiger der Opfer, der Verständnis zu bieten hat. Sein Terrain: die Familie als Schlachtfeld; die Wohnsiedlung als Kriegsschauplatz. Und Stockmann ist der Sanitäter, der schöne, durchaus poetengesalbte, manchmal leicht kitschgetränkte, immer aber menschenfreundliche Wortwundverbände anlegt. Er ist der Mann, der die Welt schmeckt. Auch wenn nirgends Hoffnung ist – wo Stockmann hintritt, wächst Gras. Vielleicht ist es das, was die Theater in hoffnungsarmer Zeit an ihm so entzückt.
Sein erstes Stück heißt „Der Mann der die Welt aß“ (ohne Komma). Uraufführung im Heidelberger Zwinger. Ein namenloser Fünfunddreißigjähriger, der, wenn er die Welt sieht, nur sich selber sieht. Ein Ego-Wichtel, der sich an allem Sozialen und Gebundenen über die Maßen wundgerieben hat, schmeißt seinen Job hin. Verlässt seine Familie. Will seine Kinder nicht mehr sehen. Vernachlässigt seinen asthmakranken Bruder, den er in den Tod joggen lässt. Verletzt seinen besten Freund. Pumpt alle an und erwartet von allen alles, kann ihnen aber nichts geben. Tut sich furchtbar leid, kommt sich aber grandios vor als Aussteiger. Und ist doch nur stolz und dumm in sein Unglück verliebt. Hat aber seinen dementen Vater als Pflegefall am Hals, der plötzlich nackt im Kleiderschrank sitzt und Töpfe voller Linsensuppe über die Anzüge des Sohnes ausschüttet.
Gut möglich, dass hinter all dem Unglück die Schuldfratze des Kapitalismus lauert. Aber Stockmann beharrt ebenso stur wie seine Hauptfigur darauf, dass da einer es aushalten muss und dass da keine alles entschuldigende Fratze ist, sondern Gesichter sind: leidend, hochfahrend, höhnisch, hoffend, verzweifelnd, menschenwund. Fünf Heidelberger Schauspieler, unter der Regie des jungen Dominique Schnizer allein durch Telefonkabel und Mikrofone verbunden, durch die sie komisch kommunikationslos aneinander vorbei stottern, nähern sich rund um ein weißes Podest, auf dem der Aussteiger seine Lebensausreden erfindet, dem Fall des asozialen Ego-Wichtels voller nüchterner Empathie.
Horrorszenen aus dem asozialen Leben
Daniel Stock gibt den Sohn als nacktschneckigen Kotzbrocken mit Sehnsuchts- und Verzweiflungszuckerguss, Ronald Funke den dementen Vater als Gemütsnarr mit sanft klingelnden Abgrundschellen. In Stockmanns Welt sind die Kinder verlassen, die Väter fallen aus, die Mütter sind gestorben. Es ist die Welt der Alleinlebenden. Nichts Ungewöhnliches. In Heidelberg zeigt sich das fabelhaft einfach, berührend. Das Theater dient dem Autor, indem es über seine Geschöpfe staunt, ihnen nahe kommt, ihnen aber Luft lässt für noch ganz andere Möglichkeiten. Der Sohn, zeigt der Schauspieler, könnte noch viel arroganter, aber auch noch viel armseliger sein. In dieser Heidelberger Luft gedeiht Stockmanns Stück.
Sein zweites Drama sehnt sich. Es trägt den Titel „Das blaue blaue Meer“ (wieder ohne Komma), uraufgeführt in Frankfurt. Das Meer sehen Motte, die Wohnsiedlungsprostituierte, und Darko, der Kampfsäufer und Beinprothesenträger, naturgemäß nie im Wohnblock H der Vorortwüste. Und „Sterne gibt es nur im Märchen“, wie Darko seufzt. Aber „Hoffnung ist doch nicht verboten“ – dort, wo Männer ihre Frauen anzünden; Autos brennen; Mädchen, die vom Vater missbraucht werden und verzweifelt in Darko verliebt sind, der aber nur Motte liebt, vom Dach springen; schwule Pärchen kleine Jungens schänden und deren Leichen im Kofferraum spazieren fahren; Rentner sich mit Kettensägen am Gehirn verletzen oder in ihren Badezimmern verdursten; tote Babys hinterm Zaun verbuddelt werden. Und wo der Selbstmord eine privilegierte Kunst ist. Alle „Eltern sind tot, nur ihre Körper leben noch“. Dazwischen die beiden Elendskönigskinder Darko und Motte, die zueinander nicht kommen können, verlassen und allein in der gefrorenen Welt, die eine Schuld auf sich nehmen, für die sie nichts können. Horrorszenen aus dem asozialen Leben, deren Ungewöhnlichkeit gewöhnlicher, alltäglicher ist, als es sich der gewöhnliche Theatergänger träumen lässt.
Schulden beim Hausautor
Auch Darko, der diese elf Katastrophenszenen in einem fortgesetzten monologischen Bericht Revue passieren lässt, sieht, wenn er die Welt sieht, nur sich. Auch er ein Ego-Elendswichtel, auch er kein Schuldsprecher, nur ein Berichterstatter. Ein Höllenbewohner, der Funksprüche an ferne gutbürgerliche Theater-planeten absetzt. Dort müsste man auf die Heidelberger Art über sie staunen, sie leise, genau und demütig zu entziffern versuchen. Aber in den Frankfurter Kammerspielen haben die Gutbürgerlichen eine Art schicken Partykeller eingerichtet, links mit Cello, rechts mit Keyboard, Geige und Gitarre, hinten mit einer Schlagzeugbatterie. Die Wände sind mit dämmenden Eierkartons tapeziert, die Welt kommt allenfalls per Diaprojektion in den Hobbykeller.
Und Henrike Johanna Jörissen als Motte und Nils Kahnwald als Darko, beide in schickem Outfit, sie in rosa Hotpants, er in Designerjeans, fallen, unterstützt von so manchem wutwitzigem Tocotronic-Song, Schlagzeuggewittern und den Schrummschrumm-Bemühungen zweier Musiker, von denen der eine schon auch mal einen Bären im Zoo oder einen Gehirnverletzten mimt, über die Elendsfiguren her, als würden sich wohllebige und ziemlich indolente Oberschichtenkids in Unterschichtenkrüppel einfühlstrampeln wollen. Laut, lärmig, gut gelaunt, auch wenn sie mit Massen von Apfelmus, das als Erbrochenes herhalten muss, beschmiert werden. Und immer gut gemacht. Aber doch halt: zynisch.
Denn unter der Regie von Marc Lunghuß halten sie sich die Schreckens- und Sehnsuchtsfiguren flott mikrophonig vom Leib. Kahnwald, der unlängst in Frankfurt ein wunderbar wuscheliger roter Ritter Parzival war, der aus dem Staunen nicht herauskam, bis er das Mitleiden lernte, macht aus dem Darko einen reizenden Conférencier, der das unglücklich verliebte Mädchen, das wegen ihm vom Dach springt, als bemalten Luftballon in Händen hält und platzen lässt. Und Henrike Johanna Jörissen, die in der phänomenalen Frankfurter „Phädra“ die Liebesleiden der Arikia in pure Freude verwandelte, indem sie jede Schüchternheit in alle Winde schlug, zeigt hier nur, dass sie großartig auf ein Schlagzeug eindreschen kann. So bleiben die Figuren auf dem Papier eines Stückes, dem hier zwar eine Szene gemacht, aber keine Wirklichkeit geschaffen wird. Wo die Heidelberger mit fast gar keinen Mitteln (außer den menschlichen) ein Stockmann-Stück ins Herz treffen, lärmen die Frankfurter mit allen Mitteln (außer den menschlichen) an ihm vorbei. Das Haus bleibt seinem Hausautor noch viel schuldig. Den Rest regelt sowieso der Markt.