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Gogols „Revisor“ in Frankfurt : Wer die Hose runterlässt, ist noch lange nicht nackt

Verwandlungskünstler in Damenhand: Holger Stockhaus als Bürgermeister mit Linda Pöppel, Franziska Junge und Katharina Bach Bild: Birgit Hupfeld

Nikolai Gogols Komödie „Der Revisor“ ist eine Satire über menschliche Schwächen und Sehnsüchte. Sebastian Hartmann macht daraus in Frankfurt ein virtuoses und konzeptloses Zirkusspiel.

          Nikolai Gogols Komödie „Der Revisor“, darin die Honoratioren eines russischen Provinzkaffs in einem durchreisenden Zechpreller einen Revisor aus der Hauptstadt zu erkennen glauben, der ihren korrupten Machenschaften auf die Schliche kommen soll, ist eine Humoreske über die menschlichen Beziehungen. Der Richter, der sich mit einem Pelzmantel bestechen lässt, der Stadthauptmann, der das Geld für den Kirchenbau veruntreut, seine Tochter, die sich einem Hochstapler an den Hals wirft, zur Freude der Familie, die Aufstiegschancen wittert, vergegenwärtigen die Fährnisse des Kapitalismus – minus Rechtsbewusstsein, minus Produktivität – und das diese abfedernde Networking. Die Figur des Revisors erscheint wie ein modernes Gottesgericht. Es kann zerschmettern, aber auch erhöhen, weshalb man versuchen muss, es günstig zu stimmen. Sebastian Hartmann, der den „Revisor“ jetzt am Frankfurter Schauspiel inszeniert hat, macht daraus ein Zirkusspiel von schicksallosen Solipsisten ohne Identität. Der Leipziger Regisseur und Stückezerleger kredenzt hochkomische, virtuose Etüden zu Szenen von Gogol, die er leider in plattem Konzeptualismus auslaufen lässt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hartmann gestaltete auch die zirkusgemäß leere Bühne, die per Drehteller dem Publikum alternierende Zimmerzauberkästen präsentiert. Die unsichtbare Wand zum Zuschauerraum bleibt immer offen. Zum Vorführen magischer Tricks und kreativer Missverständnisse muss eine Dame im Parkett herhalten. Während sich der Saal füllt, spazieren die in Frack und Zylinder gekleideten Darsteller über die Rampe, wobei sie höchst symbolische Stürze vollführen. Nach einer Viertelstunde zitiert eine vielfigurige, barockmusikalisch untermalte Sturzszene des gesamten Ensembles in Zeitlupe die Schreckstarre von Gogols Schlussbild. Das ist das Startsignal. Wie zum Probenbeginn setzen sich alle in eine Reihe. Der großartige Komiker Sascha Nathan, stellt, milde grimassierend, mit undefinierbar slawischem Akzent die Figuren mit ihren sprechend-unaussprechlichen russischen Namen vor: Richter Ljapkin-Tjapkin, die Gutsherren Dobtschinski und Bobtschinski, die Nathan freilich sogleich durcheinander wirft, passend zum ständigen Rollentausch der Schauspieler.

          Falscher Glitzer: Franziska Junge, Katharina Bach und Linda Pöppel

          Hartmanns Inszenierung bezaubert durch effektvolle Improvisation und Sprachkomik. Nathan spricht „Gogol“ aus wie „Google“, und tatsächlich wird der Autortext zum Universum der Texte geöffnet. Ein Befrackter zitiert aus der Begegnung mit dem Geist von Hamlets Vater, einem anderen Rachegespenst schlimmer Taten. Die Ankündigung des nächsten „Aufzugs“ lässt das Ensemble in die Bühnentiefe zu den Liften rennen. Und als Nathan den von Hunger geplagten falschen Revisor Chlestakow mimt, wälzt er sich vor Liebe zu(m) Rumkugeln buchstäblich auf dem Boden herum.

          Das Bild des alarmierten Bürgermeisters in der Runde seiner Amtsträger, womit Gogol das Stück eröffnet, wird nach knapp einer Stunde zum Höhepunkt. Holger Stockhaus gibt sie als solistische Glanznummer. Wie Stockhaus, als sein eigener Conferencier, sich mit leichten Drehungen bald in den hessisch krächzenden, miesepetrigen Richter, bald in den bayrisch polternden Hospitalleiter, bald in den beflissen näselnden Schuldirektor verwandelt, das bringt die Idee des Abends hinreißend auf den Punkt und erntet begeisterten Szenenapplaus.

          Die Illusionsblase ist zerplatzt: Max Mayer als nacktes Häuflein Elend mit Katharina Bach, Jan Breustedt und Franziska Junge

          Nur schade, dass Hartmann dann doch das diskursive Sicherheitsnetz der Eigentlichkeit einzieht. Nachdem die Fantasieblase ihre Maximalausdehnung erreicht hat – Max Mayer als Chlestakow prahlt vor der mesmerisierten Stadtvorsteherfamilie, er sei auch noch ein großer Schriftsteller, wobei er sich, zum Zeichen seiner Aufrichtigkeit, mehrere Schichten Unterwäsche vom danach freilich immer noch verhüllten Unterleib zieht – verkündet die Stimme des Sozialpsychologen Erich Fromm vom Tonband: Die Kranken seien in Wahrheit die Gesündesten, weil sie Schmerz empfinden statt wie menschliche Roboter zu funktionieren. Das ist der Richterspruch von Hartmanns Revisor!

          Als Fromms Zeuge und zum Zeichen, dass die Komödie nun zu Ende ist, rennt Jan Breustedt splitternackt durch den Bühnenraum und bricht in Tränen aus. Die große Bestechungsszene, mit der Gogols Drama kulminiert, wird zum reinen Kopfkino. Akrobatisch drängen die Schauspieler sich um ein imaginäres Schlüsselloch, wobei sie durch den Hintereingang ihres Vordermannes schauen. Der Rest ist deutsches Plakat: Bellende Deklamation aus Heiner Müllers Hamletmaschine, Bluesgeklimper und das symbolische Begräbnis einer Textrolle. Jubel und Buhrufe in beinahe ausbalancierter Lautstärke.

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