30.03.2010 · Finsternis der Herzen: Michael Thalheimer inszeniert Friedrich Hebbels „Nibelungen“- Trilogie am Berliner Deutschen Theater als nachthelles Untergangsballett auf einem Totenschiff.
Von Irene BazingerVier jüngere Männer in Unterhosen stehen eng beisammen, lachen albern, bewegen sich wie besoffen in Zeitlupe. Schuhe und Socken scheinen sie bei ihrem feuchtfröhlichen Treiben nicht zu stören. Wie Jugendliche, die angetrunken nachts in eine Schwimmhalle geschlichen sind, bespritzen sie einander mit einer Flüssigkeit, die in effektvollem Guss auf sie herunterschwappte. Es ist freilich nicht Wasser, sondern frisches Blut, und sie sind auch nicht in einer Badeanstalt, auf König Etzels Burg. Dort wurden sie während eines Festes in mörderischer Absicht angegriffen und schlagen ebenso mörderisch zurück. Doch den Kampf auf Leben und Tod merkt man ihnen nicht an. In Michael Thalheimers Inszenierung von Friedrich Hebbels „Nibelungen“ am Deutschen Theater Berlin sind diese finsteren, Gesellen trotz ihrer ausweglosen Lage zum ersten Mal entspannt. Der finale Blutrausch ist ihnen ein großer Spaß, das Sterben eine unglaublich lustige Ekstase.
„Mein Freund, wir sind auf einem Totenschiff“, sagt Hagen während der Reise in die Katastrophe zu seinen Komplizen. Olaf Altmann hat sich dadurch zu einem Bühnenbild aus hölzernen Spielflächen inspirieren lassen, die sich wie Segel oder Decks bei stürmischer See neigen. Umgeben sind sie meist von undurchdringlicher Schwärze, am Schluss von düster leuchtender Röte. Der weit herabgesenkte eiserne Vorhang verbirgt zu Beginn die geradezu expressionistischen Schrägen. Die Darsteller schlüpfen durch eine schmale Ritze über dem Boden hervor, als wären die Nibelungen vorsintflutliche, kaum zum aufrechten Gang fähige Kreaturen.
Aus den Tiefenschichten der Menschheit
Wie schon in Hebbels 1861 uraufgeführtem „Deutschem Trauerspiel in drei Abteilungen“ sind sie in Thalheimers Regie undomestizierbare, grausame Wiedergänger aus entlegenen Tiefenschichten der unzivilisierten, das heißt noch nicht christianisierten Menschheit. Sie können Blut nicht nur sehen, sie finden es auch lecker. Was tun mit einer solchen gemeingefährlichen Verwandtschaft, die sich unverdrossen meldet, selbst wenn von den Nachgeborenen krampfhaft jede Verbindung zu ihnen - zuletzt vehement nach dem Zweiten Weltkrieg - gekappt wurde? Hier tauchen sie ganz ohne Ironie oder andere distanzierende Regie-Manöver als so zeitlose wie bedrohliche Männerphantasie über Kraft und Stärke, Macht und Stehvermögen auf.
Drei Stunden dauert dieses nachthelle Untergangsballett, denn Michael Thalheimer, der virtuose Verdichter und Pointierer, holt diesmal nahezu episch aus, um die Figuren plastisch und überzeugend zeichnen zu können. Einerseits sind es beklemmende Zombies, andererseits einfach durchschaubare Chauvinisten, die jeden Raum mit brachialer Präsenz in Besitz nehmen, gemeinsam in dreckiges Gelächter ausbrechen, wenn sie jemanden verspotten und nie Tod oder Teufel fürchten.
Stellungskrieg der Geschlechter
Katrin Lea Tag hat ihnen heutige Alltagsgarderobe mit ein paar germanischen Heldenaccessoires verpasst: Ingo Hülsmann als vor despotischer Arroganz nackensteifer König Gunther trägt einen Langfellmantel und ein oft gebrauchtes Panzerhemd darunter. Fehlen ihm in der Wut die Worte, tobt er wie ein Wildschwein und stößt ähnliche Laute aus. Wenn ihm Michael Schweighöfer als Markgraf Rüdeger, Abgesandter des Königs Etzel, einmal in einer Mischung aus Sympathie und Beschwichtigung die Hand auf den Arm legt, tötet der überraschte Gunther ihn fast mit seinen Blicken, ehe er sich beleidigt losreißt. Sven Lehmann als Hagen ist in schwarzem Hemd und schwarzer Hose ein trister Kassenwart der Herrschaft, den Religion und Gesetz nicht kümmern und der dem Hofkaplan rasch die Halsschlagader durchbeißt, weil der ihm Unglück zu bringen scheint. Die Frauen - ob Maren Eggert mit langer Blondhaarperücke als hausbacken-einfältige Kriemhild oder Natali Seelig als frostig-aggressive Brunhild - haben gegen die narzistische Phalanx der Männer keine Chance.
Einzig Siegfried, bei Peter Moltzen ein unbändiger Tolpatsch im schmuddligen Hemd zu nagelneuen Kettenhosen, sprengt den strikten Verhaltenskodex der Geschlechter, küsst Kriemhild zart wie ein Blümchen und erlaubt sich sogar manchmal, gute Laune zu zeigen. Ein paar nackte Zweige, von der Jagdgesellschaft angeschleppt, markieren den Odenwald, in dem er umgebracht wird. Mit wenig Licht und viel Schatten, variablen räumlichen Spielebenen, der gespenstischen Musik von Bert Wrede und dem souverän harmonierenden Ensemble gelingt Michael Thalheimer eine völlig unpathetische, dabei heißkalt berührende Inszenierung: Das Politische ist in dieser ästhetisch brillant formulierten Aufführung privat und das Private eine gnadenlos offene Wunde.