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Neville Marriner zum Neunzigsten : Dem Werke dienen

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Der britische Dirigent Sir Neville Marriner Bild: (c) Imaginechina/Corbis

Als Orchestermusiker hatte er angefangen und bis heute ist Sir Neville Marriner als Dirigent der ideale Dialogpartner, dessen Musizieren geprägt ist von großer innerer Gelassenheit. Nun wird er neunzig Jahre alt.

          Der britische Dirigent Sir Neville Marriner macht es dem Chronisten wirklich nicht leicht, immer wieder das Vokabular des Rühmens bemühen zu müssen, ohne sich dabei zu wiederholen. Es ist ja schon alles mehrfach gesagt worden, zum sechzigsten, siebzigsten, achtzigsten Wiegenfest.

          Jetzt wird Sir Neville neunzig. Und zum Glück hilft er selbst immer wieder mit beim Aufspüren von Neuigkeiten. Vor drei Jahren trat er als Erster Gastdirigent vor ein neues Orchester - das „I, Culture Orchestra“, ein musikalisches Kind der damaligen polnischen EU-Ratspräsidentschaft. Junge Musiker aus den östlichen Partnerländern der Europäischen Union wurden mit professionellen Instrumentalisten aus europäischen Spitzenensembles zusammengeführt.

          Gemeinsam mit Marriner und dem künstlerischen Leiter des Orchesters, Pavel Kotla, trat das Orchester eine erste Europa-Tournee an, unter anderem nach Berlin, London, Brüssel und Madrid. Marriner liebt die Frische und Vitalität, die Begeisterung in den jungen Gesichtern. Und einiges von deren Enthusiasmus scheint, einem Jungbrunnen gleich, immer wieder auf den „großen Alten“ überzuspringen. Er wird, nach eigenen Worten, „beflügelt durch die Arbeit mit Jugendorchestern“.

          Konzentration auf das musikalische Werk

          Die für Sir Neville Marriner vielleicht entscheidende Einstellung zur Musik ist eine große innere Gelassenheit des Musizierens. Fast unmerklich versteht er es, die Aufmerksamkeit des Zuhörers von der eigenen Person weg- und auf das Werk hinzulenken. Keine Interpreten-Eitelkeit setzt eigenwillige Akzente, alles fließt unaufgeregt, gleichwohl mit hoher Gespanntheit dahin: Es spricht allein die Musik. Der Dirigent ist ein aufmerksamer Dialogpartner, ein genauer Hineinhörer in die Musik, die unablässig ihre Sprachmächtigkeit, ihre emotionale Kraft, ihren sinnlichen Glanz entfaltet.

          Nach Jahren als Orchestermusiker, er spielte Violine im Philharmonia Orchestra London und im London Symphonic Orchestra, spürte Neville Marriner wohl, dass er seine „Musikgespräche“ nicht in der großen Formation führen kann. Mit zwölf weiteren und ebenso unzufriedenen Kollegen des London Symphonic gründete er die Academy of St Martin in the Fields. Der Name war von der berühmten Barockkirche aus dem achtzehnten Jahrhundert am Trafalgar Square entlehnt, wo die Academy-Musiker nach dem Abendgottesdienst Konzerte geben durften.

          Barock, Klassik, Romantik und Moderne

          Die ersten Jahre waren mühsam, vor allem was die Finanzen betraf. Dann, im Jahr 1970, erschien Marriners Schallplattenveröffentlichung von Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Das brachte die Wende, der musikalische Jackpot war geknackt: Seither feierten Marriner und seine Mitstreiter einen Welterfolg nach dem anderen. Die Academy präsentierte sich in den verschiedensten Besetzungen, als symphonisches Orchester, als Kammerorchester und als achtköpfiges Ensemble.

          Entsprechend weit gespannt ist das Repertoire dieser Formation, über die Barockmusik, Klassik und Romantik hinaus bis zur moderaten Moderne. Mehr als sechshundert Platteneinspielungen mit Marriner liegen mittlerweile vor. Er selbst sieht das freilich nicht unkritisch, schließlich führten die modernen Aufnahmetechniken dazu, dass sich die Klangcharakteristika der Ensembles immer stärker einander angenähert haben. So tritt Sir Neville Marriner heute mit seinen Musikern bevorzugt „live“ im Konzertsaal auf, wo sich die Individualität der Interpreten noch prägnant entfalten kann.

          Bescheidenheit von Pierre Monteux

          Gelegentlich wendet sich Marriner auch seiner Vergangenheit als Orchestermusiker zu, allerdings nicht als Geiger, sondern als Dirigent großer symphonischer Orchester. Von Pierre Monteux lernte er einst die Bescheidenheit - ein guter Dirigent erhebt sich nicht über das Werk, sondern dient ihm.

          Das Stuttgarter Radio-Sinfonieorchester, dessen Chefdirigent Marriner von 1983 bis 1989 war, verdankte seiner Rossini-Begeisterung eine neue schöne Beweglichkeit, kammermusikalische Leichtigkeit und Durchsichtigkeit. Eines war und ist Sir Neville Marriner freilich in seinem ganzen Leben nie gewesen: das, was man einen Pultlöwen nennt. Am 15. April 2014 feiert er seinen neunzigsten Geburtstag.

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