10.03.2010 · Die Fortsetzung des „Phantoms der Oper“ wurde lange erwartet. Andrew Lloyd Webber verlegt sie in eine spukhaft-surreale Welt an der amerikanischen Ostküste. Und mit dem unverfroren schnulzigen „Love Never Dies“ ist ihm ein neuer Musical-Hit geglückt.
Von Gina Thomas, LondonSigmund Freund soll Amerika für einen gigantischen Irrtum gehalten und Coney Island, das Vergnügungsviertel am südlichen Rand von Brooklyn, als einzigen Grund für eine Reise in die Vereinigten Staaten bezeichnet haben. Auch Andrew Lloyd Webber fühlt sich von diesem halbseidenen Rummelplatz angezogen, der die New Yorker mit seinen Stränden, Fahrgeschäften, Pferderennbahnen und Monstrositätenschauen an die Atlantikküste lockte. Dorthin hat der Musical-König die lang erwartete Fortsetzung seines „Phantom der Oper“ mit dem unverfroren schnulzigen Titel „Love Never Dies“ („Liebe ist unsterblich“) verlegt.
Das Phantom, die rätselhafte Schauerfigur mit der weißen Porzellanmaske, ist aus den Tiefen der Pariser Oper in die Neue Welt geflüchtet und hat sich vom grausigen Exponat in einer Freak-Show zum einsiedlerischen Impresario gemausert, der als „Mr Y“ mit eiserner Hand über dem Unterhaltungsreich „Phantasma“ waltet, wo ihm drei makabre Handlanger zu Diensten stehen. Extravagante Zirkusartisten, eine gläserne Kutsche, bemannt mit gruseligen Knochenmännern, und eine Montgolfiere mit dämonischer Besatzung beschwören eine spukhaft-surreale Welt.
Schönheit strahlt von innen
Wir begegnen dem Phantom rund zehn Jahre nach seinem Verschwinden aus Paris, zu etwa der Zeit, als auch Freud Coney Island besuchte. Diesmal hält sich das Phantom in einem Dachversteck mit überkandidelter Art-Nouveau-Einrichtung und einer Staffage wie aus der Geisterbahn auf. Ein Leuchter mit zehn singenden Medusenköpfen und sich windenden Schlangen hängt von der Decke; eine Gestalt, halb Gerippe, halb Frau in Seidenstrümpfen, schreitet durch den Raum, einen Schreibtisch vor sich hinschiebend; und ein motorisierter Gorilla schlägt dumpf die rockige Melodie „The Beauty Underneath“, welche die Kernbotschaft des Melodrams enthält: dass die wahre Schönheit im Inneren liegt.
In seinem Horst frönt das Phantom der Sehnsucht nach der Sängerin Christine Daaé, deren Karriere er einst formte. Wie Pygmalion seine Galatea hält er sich die verlorene Muse, die unterdessen ihren Vicomte geheiratet und einen Sohn zur Welt gebracht hat, in der Form einer menschengroßen Puppe präsent. Mittels eines anonymen Briefes lockt er sie mit einer Riesengage für einen einzigen Auftritt im „Phantasma“ über den Atlantik. Um die Schulden ihres zum verbitterten Trinker und Spieler gewordenen Mannes zu tilgen, folgt Christine dem Ruf und reist in Begleitung von Mann und Kind an. Wie dieses edle Geschöpf, so damenhaft und schön wie die geheimnisumwitterten Frauen in den Filmen von Max Ophüls, in den Zwiespalt gerät zwischen ihrer Ehe und der hemmungslosen Hingabe zur Musik, die erotische Funken zwischen ihr und dem Phantom überspringen lässt – das ist das eigentliche Thema von „Love Never Dies“.
Kampf mit dem Stoff
Andrew Lloyd Webber widmet sich diesem Stück mit einem Engagement, das eine besondere Affinität zur Figur des verunstalteten Phantoms suggeriert. Seit zwanzig Jahren laboriert er an der Fortsetzung des erfolgreichsten Musicals aller Zeiten, das seit 1986 Abermillionen von Zuschauern in hundertvierzig Städten und fünfundzwanzig Ländern angezogen hat. Obwohl ihm die Titelmelodie schon vor Jahren einfiel, bekam er den Stoff nicht in den Griff. Der Bestsellerautor Frederick Forsyth wurde hinzugezogen. Für ihn sprang die Novelle „Das Phantom von Manhattan“ dabei heraus; Lloyd Webber aber kam nicht weiter. Dem Komiker Ben Elton gelang es schließlich, die Sperre aufzuheben, und Glenn Slater trug die nicht gerade subtilen Texte bei, die Lloyd Webber mit jenem charakteristischem Schwall von Musicalschmalz vertont hat, der das große Crescendo der feinfühligen Modulation vorzieht.
Anders als manche naserümpfenden Vorberichte glauben machen wollten, sind dem Komponisten jedoch nicht nur einige griffige Melodien gelungen. Effektvoll zeichnet er die grelle Jahrmarktstimmung, den possenhaften Tingeltangel und die Badegesellschaft von Coney Island. Möwengekreische, schlagende Wellen und der pfeifende Wind zaubern anfangs das heruntergekommene Seebad außerhalb der Saison hervor, dessen Atmosphäre Lloyd Webber in den gespenstischen „Coney Island Walzer“ einfängt. Die Handlung wird als Rückblick dargeboten, erzählt von der strengen Balletmeisterin Madame Giry, die Liz Robertson wie die finstere Haushälterin Mrs. Danvers in Daphne du Mauriers „Rebecca“ darstellt, und von dem koboldhaften Fleck, einem der ehemaligen Handlanger des Phantoms.
Ein neuer Hit
Geschickte Projektionen verwandeln den verlassenen Kai in den heiteren Rummelplatz, wo aufgeregte New Yorker die jüngste Darbietung des Phantoms erwarten. Glänzend auch das Bühnenbild von Bob Crowley, vor allem in der Szene, wo der verdrossene Vicomte Jospeh Millson sich in einer jener amerikanischen Kneipen betrinkt, deren vorstädtische Misere Edward Hopper so eindringlich auf die Leinwand gebracht hat. Der märchenhafte Charakter wird durch die Figur von Christines zehnjährigem Sohn Gustave hevorgehoben, dessen Vater, wie sich herausstellt, nicht der Vicomte ist, sondern das Phantom. Aus der kindlichen Perspektive des im Matrosenanzug durch „Phantasma“ irrenden Knaben wird der Märchencharakter plausibler gemacht.
Gewiss, die operettenhafte Titelmelodie hat man schon anderswo gehört, aber Rossini hat schließlich auch bei sich selbst geplündert. Man muss freilich auch den Widerstand gegen die Wucht der Sentimentalität überwinden und sich nicht von der Lloyd-Webberschen Romantik erdrücken lassen, um die schiere Professionalität der Inszenierung von Jack OBrien, die Leistung der Darsteller und Lloyd Webbers zu honorieren. In Sierra Boggess als Christine und dem Phantom-Darsteller Ramin Karimloo hat Lloyd Webber zwei Stars gefunden, die ihre Figuren sowohl sängerisch als auch schauspielerisch hervorragend ausfüllen. Dasselbe gilt für Summer Strallens neidische Meg Giry, die vergeblich um die Anerkennung des Phantoms buhlt und statt opernhafter Arien bloß billige Varieténummern zu singen bekommt. Andrew Lloyd Webber brauchte sich nicht zu sorgen, dass das Internet-Geraune sein Stück im Vorfeld totreden würde. Er hat einen neuen Hit geschrieben.