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Veröffentlicht: 16.08.2011, 10:30 Uhr

Neues Handke-Stück in Salzburg Vorfahrtsregelung für Vorfahren

„Immer noch Sturm“ von Peter Handke ist voller Wunder und ein großes dramatisches Gedicht über seine slowenischen Ahnen. Dimiter Gotscheff macht daraus bei den Salzburger Festspielen nur einen Familienschnipselgottesdienst.

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© dapd Aus vielen Schnipseln wird keine Geschichte: Jens Harzer und Oda Thormeyer in Handkes „Immer noch Sturm”

Und was ist mit Frauen? – fragt die Mama ihren Sohn, und: Was liest du so? Was besorgte Mütter ihre in die Jahre gekommenen Jungs halt so fragen. Mit Frauen sei alles bestens. Und er sagt es so, als seien Frauen führ ihn kaum mehr als bedrucktes Papier. Was aber die Bücher angehe, da interessiere er sich jetzt ausschließlich für Geschichtsbücher. Und er schwärmt von diesen Büchern, als seien sie die rätselhaftesten Frauenwesen.

Die Mutterfrau, die vor ihm steht, lebt ja auch schon lange nicht mehr. Ihre Brüder und ihre Schwester, die auch auftreten und den nachfahrenden Neffen begucken und mit ihm plaudern, sind längst tot, im letzten Weltkrieg gefallen, als Partisanen erschossen oder einfach in der großen, weiten Geschichte verschwunden. Auch die ebenfalls auftauchenden Großeltern kommen nur noch als Geistererscheinungen in Betracht. Alle aber sind sie Figuren des rätselhaftesten Geschichtsbuchs, das der alt gewordene Junge je zu lesen unternimmt – dadurch, dass er es selber schreibt.

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Es ist das Buch seiner Vorfahren. Er träumt, phantasiert, fühlt sich zu ihnen hin. Sitzt, stellt er sich vor, auf einer Bank unter einem Apfelbaum im Jaunfeld, einer schönen Gegend in dem südlichen Teil Kärntens, der slowenisch ist. Die Familie heißt slowenisch Svinec. Der Name wurde zwangseingedeutscht zu Bleier. Ihre Sprache, ihre Lieder, ihre Bräuche wurden ihnen entweder ausgebleut, oder sie mussten sie gegen „die Deitschen“ (die sie auch „die Schwaben“ nennen), gegen die Nazis, später gegen die Deutschösterreicher widerständig durchsetzen. Verlorene bäuerliche Unterschicht, Humusvolk im gelobten Land, das sie nicht loben dürfen, ohne aufzufallen. Verwehte, Vergessene.

Vorschau: Premiere "Immer noch Sturm" © dapd Vergrößern Rühr mich nicht an: Jens Harzer gibt den schnöselig Distanzierten im Zusammenspiel mit Bibiana Beglau und Heiko Raulin

Die Einzigen, die innerhalb der Reichsgrenzen offenen, bewaffneten Widerstand gegen Hitler leisteten, aber im Land Österreich, das auch auf Grund dieses Widerstands von den siegreichen Alliierten die Selbstständigkeit zugestanden bekam, gleich nach dem Krieg schon wieder zu den Verlierern zählten, von den slawischen Brüdern jenseits der Grenzen verraten wurden, rechtlos, chancenlos waren. Das Schicksal der Familie Svinec ist ein Beispiel, das über die Familie hinausreicht. Als Exempel einer vergessenen Zeit. Deshalb gehört es in ein Geschichtsbuch.

Ehrlich, bescheiden, glaubhaft

Dieses Geschichtsbuch, das auch ein Geschichtenbuch ist, denn Geschichten gehen mit Geschichte auch immer ein bisschen frei um (in Wahrheit war niemand aus der Familie des Autors bei den Partisanen), hat Peter Handke geschrieben. Es heißt „Immer noch Sturm“, ist in fünf Teile geteilt, die als fünf Akte zu begreifen ein Irrtum wäre. Es sind fünf Verdichtungen. Es ist Handkes bisher größtes, persönlichstes und ehrlichstes Buch. Weil er auf einmal wirklich zu wissen scheint, wovon er redet. Die anderen Handke-Bücher taten immer so stimmig. Dieses stimmt.

Ein schöner, berührender, in jeder Zeile glaubhafter, weil herzblutbeglaubigter Text. Eben weil hier kein präpotentes Ich redet. Sondern ein bescheidenes Ich, das andere zu Wort und Würde kommen lässt. Es lässt sie in ihrer alten slawischen Sprache sprechen, in Lieder und Tänze ausbrechen, in Streitgespräche geraten, schickt die Leidensbitter- und Pessimismusvirtuosenschwester der Mutter zu den Partisanen in den Wald, treibt den kleineren Bruder der Mutter in rhetorische Ekeleruptionen vor Gott und der Welt, geht den Spuren des größeren Bruders der Mutter als „Weiberer“, Witwenverführer und westlich infiziertem Heimatverächter nach.

Es hört dem Großvater zu, der die Wörter „Liebe“ und „Gott“ und „Tragödie“ bei sich zu Hause nicht duldet, bewundert die selbst noch den Kriegstod der Söhne gottergeben und weltversöhnend hinnehmende Großmutter. Es träumt sich in den Bauch seiner Mutter zurück, die es mit einem Reichsdeutschen trieb, der sie verließ, dessen Liebe sie aber ein Leben lang nachschmeckt. Es lässt sie alle vor und zurück taumeln, tanzen, drehen, stolpern, fallen, aufstehen, Obstbäume schneiden, Schweine schlachten, Kuchen backen.

Die heilende Hand auf eine nicht mehr zu heilende Welt

Handke hat in seinen Büchern und Theaterstücken der Welt bisher immer seine heilende Weihe-Hand aufgelegt, wobei dann aus dem völkermörderischen Jugoslawien schon mal die allerheiligste Nation werden konnte. Zwischen Hand und Welt tat sich da meist eine peinliche Kluft auf. Handke brachte für den größten Unfug noch so viel an unnachahmlicher poetischer, manchmal auch nur stammtischsturer Zärtlichkeit auf, dass ihm dabei oft der Geist flöten ging.

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