Und was ist mit Frauen? – fragt die Mama ihren Sohn, und: Was liest du so? Was besorgte Mütter ihre in die Jahre gekommenen Jungs halt so fragen. Mit Frauen sei alles bestens. Und er sagt es so, als seien Frauen führ ihn kaum mehr als bedrucktes Papier. Was aber die Bücher angehe, da interessiere er sich jetzt ausschließlich für Geschichtsbücher. Und er schwärmt von diesen Büchern, als seien sie die rätselhaftesten Frauenwesen.
Die Mutterfrau, die vor ihm steht, lebt ja auch schon lange nicht mehr. Ihre Brüder und ihre Schwester, die auch auftreten und den nachfahrenden Neffen begucken und mit ihm plaudern, sind längst tot, im letzten Weltkrieg gefallen, als Partisanen erschossen oder einfach in der großen, weiten Geschichte verschwunden. Auch die ebenfalls auftauchenden Großeltern kommen nur noch als Geistererscheinungen in Betracht. Alle aber sind sie Figuren des rätselhaftesten Geschichtsbuchs, das der alt gewordene Junge je zu lesen unternimmt – dadurch, dass er es selber schreibt.
Es ist das Buch seiner Vorfahren. Er träumt, phantasiert, fühlt sich zu ihnen hin. Sitzt, stellt er sich vor, auf einer Bank unter einem Apfelbaum im Jaunfeld, einer schönen Gegend in dem südlichen Teil Kärntens, der slowenisch ist. Die Familie heißt slowenisch Svinec. Der Name wurde zwangseingedeutscht zu Bleier. Ihre Sprache, ihre Lieder, ihre Bräuche wurden ihnen entweder ausgebleut, oder sie mussten sie gegen „die Deitschen“ (die sie auch „die Schwaben“ nennen), gegen die Nazis, später gegen die Deutschösterreicher widerständig durchsetzen. Verlorene bäuerliche Unterschicht, Humusvolk im gelobten Land, das sie nicht loben dürfen, ohne aufzufallen. Verwehte, Vergessene.
Die Einzigen, die innerhalb der Reichsgrenzen offenen, bewaffneten Widerstand gegen Hitler leisteten, aber im Land Österreich, das auch auf Grund dieses Widerstands von den siegreichen Alliierten die Selbstständigkeit zugestanden bekam, gleich nach dem Krieg schon wieder zu den Verlierern zählten, von den slawischen Brüdern jenseits der Grenzen verraten wurden, rechtlos, chancenlos waren. Das Schicksal der Familie Svinec ist ein Beispiel, das über die Familie hinausreicht. Als Exempel einer vergessenen Zeit. Deshalb gehört es in ein Geschichtsbuch.
Ehrlich, bescheiden, glaubhaft
Dieses Geschichtsbuch, das auch ein Geschichtenbuch ist, denn Geschichten gehen mit Geschichte auch immer ein bisschen frei um (in Wahrheit war niemand aus der Familie des Autors bei den Partisanen), hat Peter Handke geschrieben. Es heißt „Immer noch Sturm“, ist in fünf Teile geteilt, die als fünf Akte zu begreifen ein Irrtum wäre. Es sind fünf Verdichtungen. Es ist Handkes bisher größtes, persönlichstes und ehrlichstes Buch. Weil er auf einmal wirklich zu wissen scheint, wovon er redet. Die anderen Handke-Bücher taten immer so stimmig. Dieses stimmt.
Ein schöner, berührender, in jeder Zeile glaubhafter, weil herzblutbeglaubigter Text. Eben weil hier kein präpotentes Ich redet. Sondern ein bescheidenes Ich, das andere zu Wort und Würde kommen lässt. Es lässt sie in ihrer alten slawischen Sprache sprechen, in Lieder und Tänze ausbrechen, in Streitgespräche geraten, schickt die Leidensbitter- und Pessimismusvirtuosenschwester der Mutter zu den Partisanen in den Wald, treibt den kleineren Bruder der Mutter in rhetorische Ekeleruptionen vor Gott und der Welt, geht den Spuren des größeren Bruders der Mutter als „Weiberer“, Witwenverführer und westlich infiziertem Heimatverächter nach.
Es hört dem Großvater zu, der die Wörter „Liebe“ und „Gott“ und „Tragödie“ bei sich zu Hause nicht duldet, bewundert die selbst noch den Kriegstod der Söhne gottergeben und weltversöhnend hinnehmende Großmutter. Es träumt sich in den Bauch seiner Mutter zurück, die es mit einem Reichsdeutschen trieb, der sie verließ, dessen Liebe sie aber ein Leben lang nachschmeckt. Es lässt sie alle vor und zurück taumeln, tanzen, drehen, stolpern, fallen, aufstehen, Obstbäume schneiden, Schweine schlachten, Kuchen backen.
Die heilende Hand auf eine nicht mehr zu heilende Welt
Handke hat in seinen Büchern und Theaterstücken der Welt bisher immer seine heilende Weihe-Hand aufgelegt, wobei dann aus dem völkermörderischen Jugoslawien schon mal die allerheiligste Nation werden konnte. Zwischen Hand und Welt tat sich da meist eine peinliche Kluft auf. Handke brachte für den größten Unfug noch so viel an unnachahmlicher poetischer, manchmal auch nur stammtischsturer Zärtlichkeit auf, dass ihm dabei oft der Geist flöten ging.
In „Immer noch Sturm“ ist Handkes nur mehr aufschreibende Hand nahe und kluftlos bei einer versunkenen, nicht mehr zu heilenden Welt. So lässt er den Vorfahren die Vorfahrt im großen, weiten Geschichtsverkehr. Dass sie wieder- und weiterkommen – auch im Geist, über den Handke hier souverän verfügt. Ohne die Zärtlichkeit aufzugeben. Ein Kunststück. In fünf Verdichtungen. Und er ist als „Ich“, das sich zurücknimmt und vor allem zuhört, nicht die Hauptperson, sondern das hauptsächliche Verdichtungsmittel. Keines Dramas.
Zäh gedehnte Unendlichkeit
In Salzburg nun, auf der Perner-Insel in Hallein, bei den Festspielen, um endlich zum Missverständnis zu kommen, dass „Immer noch Sturm“ auch auf die Bühne und nicht ausschließlich in einen lesenden Kopf gehöre, betritt der Schauspieler Jens Harzer als Handke-Double die total leere, schwarze Bühne. Harzer-Handke ist auch ganz in Schwarz: schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Brille, schwarzer Stock. Langsam taumelt er im schwachen Licht nach vorne, setzt sich auf einen Stuhl und fängt an – nicht mit der Geschichte einer Familie. Sondern mit den privaten Launen, gaumigen Schnöseligkeiten und Angefressenheiten des Schauspielers Harzer, der, seit er Dieter Dorns Münchner Ensemble verlassen hat, zu kaum noch einer Abstufung im Ton mehr fähig scheint. Er pflegt nur noch eine hochfahrend arrogante schlechte Rühr-mich-nicht-an!-Laune. Auf dem Niveau eines wohlstandsverzogenen Fieslings. Und das unendlich weilende fünf Stunden lang.
In dieser zäh gedehnten Unendlichkeit treten sieben Schauspieler unter ein großes, an der Bühnendecke befestigtes Sieb, aus dem es fünf Stunden lang unaufhörlich grünliche Schnipsel regnet, die alles unter sich in einem süßlich farbigen Konfetti-Regen behübschend zumüllen. Und dort, im Schnipselallerheiligsten, haken sie mit feierlichen, ekstatischen, wie von irgendwelchem Weihrauch grundlos pathetisch umnebelten Mienen, mal hoch erhobenen Händen, mal stampfenden Beinen Episode um Episode, Anekdote um Anekdote ab. Von denen sie mehr erzählen statt sie szenisch umzusetzen. Aber dazu brauchte man keine Bühne. Dazu genügte das Buch. Das Theater kapituliert völlig vor seinen Möglichkeiten. Und Handkes Verdichtungen, seine Bewusstseins- und Erinnerungsabenteuer werden so zu Bindfäden, die langweilig aufgedröselt nebeneinander herumliegen. Der Regisseur Dimiter Gotscheff, sonst eher ein Adept der gehobenen Apokalypsenfolterschule mit Heiner-Müller-Abitur (Eins plus in Geschichtsuntergängen), versucht sich hier an einer Art Erhabenheitsgottesdienst. Absolut textfromm, aber nicht textgescheit. Immer wenn Folterer fromm werden, wird es Kitsch.
Ins Leere gesprochener Zorn
Oda Thormeyer als die Mutter des Schnösel-Ichs kommt über die etwas dümmlich lächelnden Tanzstundenekstasen eines süßlichen Pettycoat-Hascherls nicht hinaus. Onkel Gregor, Obstbaum-Freak und späterer Partisanenchef, ist in Tilo Werners Gestalt der kleine glatzköpfige, bebrillte Ghandi des Jaunfelds: Friede auf den Lippen, Kampf im Kopf. Hans Löw gibt als weibstoller Onkel Valentin den grinsenden Stenz im weißen Anzug, Heiko Raulin als kleiner Bruder Benjamin den Apachen in kurzen Hosen. Bibiana Beglau als Düster- und Außenseiterschwester Ursula starrt finster und böse, und nur das Partisanen-Käppi lässt sie strahlen. Gabriela Maria Schmeide und Matthias Leja als Großeltern kommen wie aus einem Balkanbilderbuch. Jeder nicht mehr als ein Klischee, ein Abziehbildchen aus dem privaten Familienalbum, Ekstasensprechblasen über sich, begleitet von einer nervig schrummenden Balkanmusik. Keine Verweise ins große Ganze. Man bleibt unter sich.
Am Ende ergeht sich Jens Harzer gute vierzig, aber gefühlte vierhundert Minuten lang in einem Riesenmonolog, der aus diversen Textteilen zusammengeschustert wurde. Das wahre Ende von Handkes Werk, ein wunderbar balancierter Sprach- und Sprechzweikampf zwischen dem Erzähler, der die Welt bejahen, und dem Onkel Gregor, der sie untergehen sehen möchte, wird so skandalös verfälscht. Denn Harzer-Handke jault sauerkitschig und hochnäselnd nur einen ungenauen Hass auf „die Geschichtäää“ und was diese aus seinen armen Vorfahren gemacht habe, mit entschiedener Hilfe der Souffleuse ins große Leere. Aber wenn er nur noch auf die Nachtigall hofft, „die am Tage singt“ – dann wäre man doch schon um ein paar Spatzen froh gewesen, die den ganzen Abend mit ein paar vernünftigen Zwitscherzwischentönen verkürzt hätten.
Es freut mich Herrn Stadelmaiers verstaendnissvolle Rezension
michael roloff (mikerol)
- 16.08.2011, 22:12 Uhr