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Staatsoper Stuttgart : Dilettantismus ist keine Antwort

Gute Vorbereitung: Viktor Schoner stellt er seine Pläne für die Stuttgarter Staatsoper vor. Bild: dpa

Viktor Schoner übernimmt zu Beginn der nächsten Spielzeit die Aufgabe des neuen Intendanten der Staatsoper Stuttgart. Nun stellt er seine Pläne dafür vor.

          Oper ist dreierlei: Kunstform, Betriebsform, Gebäude. Viktor Schoner, 1974 in Aschaffenburg geboren, kennt alles davon. Das muss er auch. Mit Beginn der nächsten Spielzeit übernimmt er die Intendanz der Staatsoper Stuttgart, eines der größten und wichtigsten Häuser Deutschlands. Es ist Schoners erste Intendanz. Aber er hat sich gut vorbereitet.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Was Oper als Kunstform ausmacht, erfuhr er spätestens im Studium beim Musikwissenschaftler Gerd Rienäcker an der Berliner Humboldt-Universität. Er lernte, Partituren als Indizien für Vorgänge zu lesen, den Sinn von Form und Orchestration zu deuten, Weltbild und Notenbild in Bezug zu setzen. Die Oper als Betrieb erkundete Schoner an der Seite des Intendanten Gerard Mortier: bei den Salzburger Festspielen, dann bei der Ruhrtriennale und der Oper in Paris. Zuletzt, bis zum vergangenen Sommer, war Schoner Betriebsdirektor an der Bayerischen Staatsoper in München unter der Intendanz von Nikolaus Bachler. „Der Betriebsdirektor“, sagt Schoner, „sitzt zwischen allen Stühlen und rennt allen hinterher. Der Intendant aber rennt voran. Er denkt künstlerisch, und Unvernunft ist eher seine Sache, nicht die des Betriebsdirektors. Ich will nicht leugnen, dass ich ein Betriebsdirektor war, der sich darauf freute, es irgendwann nicht mehr sein zu müssen.“

          Was Bauen heißt – auch darüber musste Schoner sich jetzt kundig machen. Die Staatsoper Stuttgart ist ein Sanierungsfall. Vierhundert Millionen Euro soll es schätzungsweise kosten, die Bühne für die nächsten fünfzig Jahre zu ertüchtigen, den neuesten Brandschutzregeln zu entsprechen und überhaupt wieder Strom auf alle Steckdosen zu bekommen. Glücklicherweise jammert niemand über das viele Geld; Stadt und Land sind sich einig, dass die Sanierung notwendig ist. Zunächst muss aber das Postpaketamt als Ausweichspielstätte hergerichtet werden. „Bis 2023 passiert gar nichts. Und ich will auch lieber über Kunst und die Flüchtigkeit der Musik reden als über Steine“, sagt Schoner, nicht allerdings, ohne vorher klargestellt zu haben, dass er die Sanierung des Stuttgarter Hauses auch als „Bundesthema“ ansieht, da es sich hier, bei einem der wenigen großen Opernhäuser, die nicht im Krieg zerstört worden sind, um einen Bau „als Gedächtnis unserer Kulturgeschichte“ handele. Bis gebaut werden kann, will Schoner im alten Haus Kunst machen.

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          Mit Cornelius Meister steht ihm dazu ein neuer, junger Generalmusikdirektor zur Seite, der über internationale Erfahrung – auch an der Met in New York – verfügt sowie über Rückhalt im Orchester. Denn dieses Mal, anders als in früheren Fällen, wurde es in die Entscheidungsfindung miteinbezogen. Schoner weiß zu schätzen, dass Oper in Stuttgart, seit Klaus Zehelein hier 1991 Intendant wurde, durch die Dramaturgie, die analytische Lesart von Texten, geprägt ist. Noch unter dem scheidenden Intendanten Jossi Wieler sei das nicht wesentlich anders. Aber Schoner, der den Frankfurter Intendanten Bernd Loebe mit seinem guten Gespür für Stimmen bewundert, will die Regie langfristig auch mit der musikalischen Leitung und dem Sängerensemble in eine glückliche Balance bringen.

          In einer Zeit, da für viele nur noch das intensive Erleben des Augenblicks zählt, denkt Schoner geschichtlich. Seine erste Saison, die zu planen er zweieinhalb Jahre Zeit hatte, beginnt mit der ältesten Repertoire-Inszenierung des Hauses: Carl Maria von Webers „Freischütz“ in der Regie von Achim Freyer aus dem Jahr 1980, gefolgt von Georg Friedrich Händels „Ariodante“ in der Regie des jetzigen Intendanten Jossi Wieler, dann Richard Wagners „Lohengrin“, neuinszeniert von Árpád Schilling. „Mit Simone Schneider als Elsa und Okka von der Damerau als Ortrud“, setzt Schoner hinzu, um zu unterstreichen, dass ihm die Singenden nicht weniger wichtig sind als die Regisseure. Peter Tschaikowskys „Pique Dame“ soll wiederaufgenommen werden mit der famosen Sopranistin Louise Davidsen als Lisa und der Dirigentin Oksana Lyniv. Das sieht wirklich nach gezielter Stärkung der Musik am Hause aus.

          Mit Béla Bartóks Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ wird im November erstmals das Postpaketamt als Spielort sondiert werden. Und der Filmregisseur Axel Ranisch, der zuletzt den hübsch verschrobenen Tatort „Waldlust“ für den SWR gedreht hat, wird Sergej Prokofjews Märchen „Die Liebe zu den drei Orangen“ in der Adventszeit herausbringen. Wenn Schoner einen Schwerpunkt auf das zwanzigste Jahrhundert legt, dann weniger ideologisiert als die sklerotischen Avantgarde-Advokaten der Nachkriegsmoderne. Hans Werner Henze und John Adams, von der Speerspitze des Fortschritts einstmals eher bekämpft als verteidigt, sind in Schoners erstem Spielplan prominent zu finden.

          Am Ende, das kann Schoner nicht verhehlen, liegt ihm an der Regie doch ziemlich viel: „Wir müssen aufpassen, dass Oper weiterhin mit der Gesellschaft zu tun hat und wir hier nicht Regisseure pflegen, die ihr Metier zur Perfektion führen, aber den Blick für die Welt außerhalb des Probensaals nicht mehr haben. Oper lebt auch davon, dass sie porös bleibt.“ Aber vom Wissenschaftler und vom Betriebsdirektor hat der künftige Intendant Viktor Schoner auch eines gelernt: „Das Handwerk ist unglaublich wichtig. Sonst scheiterst du. Es reicht zwar nicht, als die Hofnarren, die wir sind, professionell zu sein, aber Dilettantismus ist keine Antwort“.

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