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Neue Liszt-Einspielungen : Ein Klavier, ein Klavier!

Weit entfernt vom Klischee ist großartige Musik zu entdecken: vor zweihundert Jahren kam Franz Liszt auf die Welt Bild: dpa

Zum zweihundertsten Geburtstag von Franz Liszt kann man sich kaum retten vor neuen Einspielungen der immergleichen Hits. Doch es lassen sich auch Perlen finden.

          Nein, es gibt keine „Liszt-Reife“. Anders als bei Mozart (jenem anderen großmeisterlichen Wunderkind), muss ein Pianist nicht erst ein gewisses Alter erreicht haben, bevor er dieser Musik gewachsen ist. Man kommt nur zur Zeit sehr leicht auf diese Idee, beim Anhören der mittlerweile rund ein Dutzend Debütplatten junger Pianisten, die unbedingt im Liszt-Jahr mit einer Aufnahme der h-Moll-Sonate oder der Dante-Sonate ans Licht wollen. Technisch alles einwandfrei, einiges sogar brillant. Nur was den Vortrag angeht, herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Da klingt eines wie das andere, lärmig oder gefühlig und verloren im Getriebe, zu schnell und zu laut, viel zu wenig Klangentfaltung, viel zu viel Pedalgebrauch. Diese Neuaufnahmen sind, mit einem Wort, sinnlos. Ohne Sinn. Es gibt ältere, bessere.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Das offenbar immer noch von vielen Pianistenerziehern in den Hochschulen weitergereichte Ideal, Liszts Klaviermusik sei so zu spielen wie ein totes Tier, eine Art Virtuosenkraftfutter, nur spieltechnisch von Interesse, weshalb es irgendwie mit Anekdotischem, Rüschig-Sentimentalem aufgehübscht werden müsse, ist nunmehr überfällig. Gewiss, es entspricht durchaus jenem bekannten Klischee vom großen Donnerer und Schönklimperer, dem Liszt-Ferenc, der reihenweise die Damenherzen brach in den Salons des Vormärz und mit seiner superben Aura, seiner pianistischen Artistik Wirkung erzielte um der Wirkung willen. Längst haben die Liszt-Biographen, allen voran Alan Walker, hat auch die Musikwissenschaft damit begonnen, das alte Gerümpel abzutragen. Nur, dass es heutzutage immer mehr junge Interpreten gibt, die vor lauter Klavierüben keine Bücher mehr lesen.

          Für den japanischen Markt

          Ein trauriges Beispiel dafür ist der hochbegabte Lang Lang, eines der Quotenwunder des klassischen Musikbetriebs (allzu wunderbar können die Verkaufszahlen aber nun auch nicht mehr gewesen sein, so willig, wie die Deutsche Grammophon ihn vor einem Jahr weitergereicht hat an die Sony). Lang Lang, mittlerweile neunundzwanzig, spielt brillant Klavier. Er überschwemmt in seinem neuen Liszt-Album die Musik mit eitlen und unsinnigen Pointen. Die langsamen Stücke (Consolation Nr.3) werden verkitscht mit willkürlichen Zerdehnungen, etwas Schnelles (Grand Galop Chromatique) wird entsprechend vollgestopft mit zickigen Witzigkeiten, das Klavierkonzert Nr.1 (begleitet von Valery Gergiev) prachtvollst heruntergeknattert.

          Ein anderer Sony-Vertragspianist, um ein Jahr jünger, Nikolai Tokarev, hat dazu die passende Gegenthese geliefert. Auch er begann, wie Liszt und wie Lang Lang, als Wunderkind. Im März dieses Liszt-Jahres brachte ein kleines Label nun überraschende Dokumente aus Tokarevs Jugend-Zeit heraus, die Mitte der neunziger entstanden sind: „Tokarev plays Liszt. His Early Recordings“ (Solo Musica SM 156/Naxos). Produziert wurden diese Aufnahmen im Kammermusiksaal des Konservatoriums in Moskau, wo Tokarev als ein Zögling der legendären Neuhaus-Schule von Neuhaus-Schülern ausgebildet worden war. Gedacht waren sie für den japanischen Markt, wo Tokarev, vierzehn-, fünfzehnjährig, bereits regelmäßig auf Tournee ging.

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