Home
http://www.faz.net/-gs3-6ui2t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Neue Liszt-Einspielungen Ein Klavier, ein Klavier!

22.10.2011 ·  Zum zweihundertsten Geburtstag von Franz Liszt kann man sich kaum retten vor neuen Einspielungen der immergleichen Hits. Doch es lassen sich auch Perlen finden.

Von Eleonore Büning
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Nein, es gibt keine „Liszt-Reife“. Anders als bei Mozart (jenem anderen großmeisterlichen Wunderkind), muss ein Pianist nicht erst ein gewisses Alter erreicht haben, bevor er dieser Musik gewachsen ist. Man kommt nur zur Zeit sehr leicht auf diese Idee, beim Anhören der mittlerweile rund ein Dutzend Debütplatten junger Pianisten, die unbedingt im Liszt-Jahr mit einer Aufnahme der h-Moll-Sonate oder der Dante-Sonate ans Licht wollen. Technisch alles einwandfrei, einiges sogar brillant. Nur was den Vortrag angeht, herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Da klingt eines wie das andere, lärmig oder gefühlig und verloren im Getriebe, zu schnell und zu laut, viel zu wenig Klangentfaltung, viel zu viel Pedalgebrauch. Diese Neuaufnahmen sind, mit einem Wort, sinnlos. Ohne Sinn. Es gibt ältere, bessere.

Das offenbar immer noch von vielen Pianistenerziehern in den Hochschulen weitergereichte Ideal, Liszts Klaviermusik sei so zu spielen wie ein totes Tier, eine Art Virtuosenkraftfutter, nur spieltechnisch von Interesse, weshalb es irgendwie mit Anekdotischem, Rüschig-Sentimentalem aufgehübscht werden müsse, ist nunmehr überfällig. Gewiss, es entspricht durchaus jenem bekannten Klischee vom großen Donnerer und Schönklimperer, dem Liszt-Ferenc, der reihenweise die Damenherzen brach in den Salons des Vormärz und mit seiner superben Aura, seiner pianistischen Artistik Wirkung erzielte um der Wirkung willen. Längst haben die Liszt-Biographen, allen voran Alan Walker, hat auch die Musikwissenschaft damit begonnen, das alte Gerümpel abzutragen. Nur, dass es heutzutage immer mehr junge Interpreten gibt, die vor lauter Klavierüben keine Bücher mehr lesen.

Für den japanischen Markt

Ein trauriges Beispiel dafür ist der hochbegabte Lang Lang, eines der Quotenwunder des klassischen Musikbetriebs (allzu wunderbar können die Verkaufszahlen aber nun auch nicht mehr gewesen sein, so willig, wie die Deutsche Grammophon ihn vor einem Jahr weitergereicht hat an die Sony). Lang Lang, mittlerweile neunundzwanzig, spielt brillant Klavier. Er überschwemmt in seinem neuen Liszt-Album die Musik mit eitlen und unsinnigen Pointen. Die langsamen Stücke (Consolation Nr.3) werden verkitscht mit willkürlichen Zerdehnungen, etwas Schnelles (Grand Galop Chromatique) wird entsprechend vollgestopft mit zickigen Witzigkeiten, das Klavierkonzert Nr.1 (begleitet von Valery Gergiev) prachtvollst heruntergeknattert.

Ein anderer Sony-Vertragspianist, um ein Jahr jünger, Nikolai Tokarev, hat dazu die passende Gegenthese geliefert. Auch er begann, wie Liszt und wie Lang Lang, als Wunderkind. Im März dieses Liszt-Jahres brachte ein kleines Label nun überraschende Dokumente aus Tokarevs Jugend-Zeit heraus, die Mitte der neunziger entstanden sind: „Tokarev plays Liszt. His Early Recordings“ (Solo Musica SM 156/Naxos). Produziert wurden diese Aufnahmen im Kammermusiksaal des Konservatoriums in Moskau, wo Tokarev als ein Zögling der legendären Neuhaus-Schule von Neuhaus-Schülern ausgebildet worden war. Gedacht waren sie für den japanischen Markt, wo Tokarev, vierzehn-, fünfzehnjährig, bereits regelmäßig auf Tournee ging.

Weit entfernt von allen Liszt-Klischees

Schon als Sechsjähriger trat er auf, mit zehn trug er Liszts Klavierkonzerte vor, daneben Chopins Balladen, Beethovensonaten, ein breites Repertoire. Es bereitet nun großes Vergnügen, zu hören, mit welcher Reife und musikalischen Intelligenz dieses Kind sich damals die Liszt’schen Show-Pieces aneignete: „Mazeppa“, den „Tanz in der Dorfschenke“, die „Don-Juan-Paraphrase“ und „Harmonie du soir“. Gewiss, es ist dies unfassbar virtuose Klaviermusik. Auch Tokarev hat Spaß daran, zu zeigen, dass er es krachen lassen kann. Aber er gestaltet. Er lässt die leitenden Ideen in den Mittelstimmen hervortreten, er lässt die Phrasen aufblühen, die Motive wandern, und er geht dabei, wie es vermutlich auch Liszt selbst getan hat, bis an die Grenze des Improvisatorischen, überschreitet sie sogar. Und, wie sympathisch: Im Liszt-Jahr hat Tokarev sich bislang noch nicht zu Liszt geäussert.

Es gibt ja genug davon. Auch jenseits der Debut-Recitals wurde der Katalog in den letzten Monaten mit einer Flut von Liszt-Klavier-Alben erweitert, oft kombiniert mit Pianisten-Liebeserklärungen an Liszt. Allein von den „Années de Pélerinages“ gibt es fünf Neuaufnahmen. Man muss sie sich nicht alle anhören. Aber unbedingt kennenlernen sollte man die folgenden sechs herausragenden Produktionen. Sie sind bemerkenswert und einzigartig auch und gerade deshalb, weil sie sich abseits von der Hauptstraße bewegen und jene Nischen des Liszt-Repertoires aufsuchen, die am weitesten entfernt sind von den Liszt-Klischees.

Sängerisch nicht unbedingt gelungen

Wann immer die Rede ist vom Zukunftsmusiker Franz Liszt, dann ist er hier zu finden. Dieser Komponist hat im Laufe seines langen, wechselvollen Lebens nämlich auch hinreißend feine Kammermusiken geschrieben, er schrieb Orgelstücke, die wie die Fortsetzung und Erfüllung seines orchestralen Klaviersatzes wirken und Orchestermusiken, die farbig und schichtweise registriert sind, als wären es orchestrierte Orgelstücke. Und Liszt komponierte an die achtzig Lieder. Teils sind dies nur kleine Albumblätter oder Gelegenheitswerke, die er später wieder verwarf oder überarbeitet und veredelt hat. Teils finden sich aber auch gerade in der Nussschale des Liedes die ersten Ideen für etwas Neues, das Liszt (und bekanntlich auch sein Schwiegersohn) später im Großen weiterverwendet hat. Der Tristanakkord, zum Beispiel, taucht in dem Liszt-Lied, „Ich möchte hingehn“ zum ersten Mal auf, auch das Parsifalglocken-Intervall erklangen erstmals 1845 in einem Lied von Liszt, nach Goethe: „Über allen Wipfeln ist Ruh“.

Es ist zur Zeit eine ehrgeizige Gesamtaufnahme aller Liszt-Lieder in Arbeit, in Angriff genommen von dem Label Marsyas; doch sind die ersten beiden Platten dieser Edition sängerisch nicht unbedingt gelungen zu nennen (siehe Schallplattenseite vom 13. März 2010). Welch ein Glück, dass jetzt die Sopranistin Diana Damrau gemeinsam mit dem Liedbegleiter Helmut Deutsch ein Recital vorlegt mit insgesamt neunzehn Liszt-Liedern, deren jedes einzelne ein Kleinod ist.

Zwei Alben voller Denkwürdigkeiten

Damrau ist nicht nur eine charismatische Opernsängerin, eine ihrer Leidenschaften war und ist seit je das Liedersingen, und sie beherrscht diese Kunst des mit dem Pathos des Lebens aufgeladenen Filigrans wie wenige sonst. Ihre Diktion ist durch und durch musikalisiert. In jeder Nuance verbindet sich der Sinn dessen, was sie singt, mit dem Klima und der Farbe ihrer Stimme und zugleich dem Kommentar der Klavierbegleitung. Singt sie von der „Tiefe“ des Wassers, klingt ihre Stimme dunkelblau. Singt sie von Sonnenschein, strahlt sie. Geht die Rede von „kühler Luft“, dann fröstelt es uns, und wenn die Damrau von „Märchen“ singt, von „Wunder“ und „Traum“, dann wünscht man sich, nie wieder aufzuwachen. Symbiotisch begleitet Deutsch, allezeit souverän auch in den pianistisch komplizierteren Passagen, in denen sich das Klavier selbständig macht und der alte Tastenlöwe durchblitzt. Herzstück dieses Albums sind die drei lyrisch-glühenden Sonette nach Petrarca, später neu wiedergeboren als Soloklavier-Stücke in den „Années de Pèlerinage“.

Die erste Aufnahme sämtlicher Orchesterwerke Franz Liszts, gespielt auf „Originalinstrumenten des neunzehnten Jahrhunderts“, hat Martin Haselböck mit seiner Wiener Akademie in Angriff genommen. Zwei Alben sind schon auf dem Markt, und voller Denkwürdigkeiten. In Vol.1. die „Dante-Symphonie“, in der sich berliozmässig bunt, breit und grobianisch das Theatertor zum Inferno öffnet, dazu die „Evocation à la Chapelle Sixtine“, die Liszt im Jahr 1862, nach seiner Übersiedelung nach Rom, zunächst als Klavierstück entwarf und erst später umschrieb für Orgel und Orchester (NCA 60234/Membran). Vol. 2 enthält drei in der Weimarer Zeit komponierte, große symphonische Dichtungen Liszts. Neben der bekanntesten und wohl auch (wegen der Wehrmachtsberichtsfanfare) berüchtigsten, „Les Préludes“ (die übrigens auch heute abend in Weimar beim offiziellen Festkonzert zu Feier von Liszts zweihundersten Geburtstag erklingen wird, dirigiert von Christian Thielemann), hat Haselböck den von Gluck inspirierten „Orpheus“ aufs Programm des Albums gesetzt sowie die „Berg-Symphonie“ nach Victor Hugo (“Ce qu’on entend sur la montagne“).

Lebendigkeit und Wucht

Das „historische“ an dem Originalklang-Sound, den Haselböck, von Hause aus Organist und Pianist, mit seinem Akademie-Orchester anpeilt, macht sich vor allem in der plastisch-körperlich, geradezu haptisch gefächerten Farbpalette der Holz- und Blechblasinstrumente bemerkbar. Aber auch das ätherisch-härene Klangbild der Darmsaiten im Streicherchor (und in den Streichersoli) sorgt für überraschende Effekte und birgt ungeahnte Reize an Differenzierungen. Haselböck gelingt der Coup, diese lange vernachlässigten, ja, verlachten romantischen Orchesterwerke wieder live als Hörkino vor unsere Ohren zu zaubern und ihnen eine Präsenz zu geben, die man ihnen schon nicht mehr zugetraut hatte.

„The Sound of Weimar“ heißt dieses schöne Projekt, weil exakt die Besetzung und Größe von Liszts Weimarer Orchester nachstellt wird und teils tatsächlich die Originalinstrumente gespielt werden, die Liszts Musiker damals spielten - sofern sie noch auffindbar waren in privaten und öffentlichen Sammlungen. Da es sich bei den Aufnahmen um Live-Mitschnitte aus dem Konzertsaal des Liszt-Festivals im burgenländischen Raiding, Liszts Geburtsort, handelt, müssen einige Abstriche im Klangbild gemacht werden. Was freilich vielfach aufgewogen wird durch Lebendigkeit und Wucht.

Ein Räuberstück

An einem anderen Originalschauplatz, nämlich im Festsaal des Fürstenhofes zu Weimar entsteht zur Zeit eine Kammermusikserie, von Weimarer Musikhochschulprofessoren ins Werk gesetzt. Sie spielen selbst, und das ganz ausgezeichnet: Rolf-Dieter Arens (Klavier) und Friedemann Eichhorn (Violine). So sauber und süß, so altmodisch schmachtend, wie die beiden die 12. Ungarische Rhapsodie angehen, scheint eine versunkene Violinenwelt wieder lebendig geworden zu sein: Diesen Geigenpart, mit den zuckrigen Glissandi, dem schonungslosen Portamentospiel und in höchster Lage glockenrein klingelnden Kadenzen hat Joseph Joachim für Liszt selbst überarbeitet: ein Räuberstück!

Dieses zweite Album dieser Edition „Werke für Violine und Klavier“ (Hänssler CD 98634/Naxos) enthält, mit zwei Ausnahmen, Duo-Bearbeitungen von Werken, die ursprünglich für Klavier oder für Orchester oder Lied komponiert worden waren: „Die Zelle in Nonnenwerth“, „Zwei Walzer“, „La Notte“ sowie ein „Duo sur des thèmes polonais“. Und als Zugabe singt der Tenor Uwe Sticker eines der Wartburglieder Liszts, „Walther von der Vogelweide“, bei dem neben der Klavierbegleitung eine obligate Violine mit von der Partie ist.

Das beherrscht nur die letzte Rubinstein-Schülerin

Fast die Hälfte von Liszts Kompositionen sind Bearbeitungen, und zwar eigner Werke: ein gewaltiges work in progress. So findet sich auch auf dem Kammermusikalbum „Visions“, bei dem der Münchner Violinprofessor Ingolf Turban federführend ist, vorwiegend Bearbeitungen: Raritäten wie die Duo-Sonate für Klavier und Violine, den Pester Karneval (Ungarische Rhapsodie Nr.9) oder die Streichquartett-Bearbeitung des späten, düsteren, von Parsifalklängen erfüllten Gedenkblatts „Am Grabe Richard Wagners“. Und daneben taucht eine der Lieblingszugaben des Lisztjahres auf, in verwandelter Gestalt, und schüttelt ihre frisierten Locken: die Valse Caprice Nr. 6, in einer Bearbeitung für Violine und Klavier von David Oistrach.

Mit dem nämlichen Schubert-Walzer aus Liszts „Soirees de Vienne“ eröffnet Janina Fialkowska ihr Liszt-Album. Sie verwandelt die Zugabe in ein ernsthaftes Konzertstück. Ja, sie nimmt selbst dem Drehwurm in höchster Lage etwas von seiner Possierlichkeit und gibt ihm Tiefe, andererseits klingen unter Fialkowskas Händen selbst vollgriffige Oktavpassagen lyrisch und federleicht. Diese Kunst, Liszt differenziert mit poetischem Sinn aufzuladen, ohne die Virtuosität zu verraten, findet man heute nicht mehr alle Tage. Wer beherrscht sie noch, außer Fialkowska, der letzten Rubinsteinschülerin? Ihr Album, mit so scheinbar unwichtigen Bearbeitungen wie den „Six Chants Polonais“ nach Chopin oder der Gretchen-Transkription aus der Faust-Symphonie, ist die schönste Liszt-Platte dieses Sommers, dieses Jahrzehnts.

Franz Liszt: Les Préludes; Orpheus; Berg-Symphonie. Orchester Wiener Akademie, Martin Haselböck. New Classical Adventure NCA 60246 (Membran)

Franz Liszt: Lieder. Diana Damrau, Helmut Deutsch. Virgin 5099 907092824 (EMI)

Franz Liszt: Valse caprice Nr.6; Bénédiction de Dieu dans la Solitude; Gretchen; Sechs polnische Gesänge; Valse de Faust. Janina Fialkowska. Atma ACD 22641 (Musikwelt)

Franz Liszt: Kammermusik.Ingolf Turban, Wen-Sinn Yang, Barbara Turban, Martin-Albrecht Rohde, Lukas Maria Kuen. Oehms Classic OC 415 (harmonia mundi)

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3