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Neue Gesualdo-Aufnahmen : Fahl und farblos schweben die Tenöre

„Il perdono di Calro Gesualdo“ - das Altarbild, das Giovanni Balducci im Auftrag des Fürsten malte. Links unten im Bild der Büßer und sein Fürsprech: Carlo und Alfonso Gesualdo Bild: Comune di Gesualdo

Vor vierhundert Jahren starb Carlo Gesualdo, der bitterste Dissonanzen in seine Madrigale webte. Nun sind drei famose Alben mit seinen Werken erschienen.

          Nicht als ein Freund kommt der Tod in dieser Musik. Immer umgibt er sich mit bissigen Missklängen, bewaffnet sich mit bitterem Chroma, blanken Querständen, unversöhnlich, gefährlich: Sein Stachel bleibt scharf. Und selbst, wenn sich, wie das übrigens überraschend oft geschieht in der Musik von Carlo Gesualdo, zur Schlussklausel hin alles mit einem Schlage wieder aufklärt und ins hellste Dur wendet, als hätte jemand gerade den Lichtschalter herumgedreht: Wer soll an dieses Heil noch glauben, nach all den Exzessen dieser manierierten, kunstvoll verschraubten musikalischen Schmerz- und Angstrhetorik?

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Sie warfen mich in den tiefsten Abgrund, in Finsternis und in die Schatten des Todes“, heißt es, zum Beispiel, im Text des achten Tenebrae-Responsoriums auf den Karsamstag, welches Gesualdo zwei Jahre vor seinem eignen Tod - er starb im September 1613, vor bald vierhundert Jahren - im Druck veröffentlicht hatte. Da schweigen die Soprane. Nur der Bass hat das Sagen, steigt „in tenebrosis“ hinab, in die schwärzeste Tiefe, und die Tenöre, „et in umbra mortis“ ergänzend, schweben fahl und farblos darüber, wie Schatten. In dieser neuen Lesart der neun Gesualdoschen Karsamstags-Responsorien, die das Ensemble Tenebrae unter Leitung von Nigel Short in der Parish Church of St. Alban the Martyr in London aufnahm, sind die Vokalstimmen weitgehend solistisch besetzt.

          Und sie werden höchst individuell geführt. Zugleich erweisen sie sich als unerhört wandelbar, sind farbenfroh, ja teils geradezu saftig im Ausdruck: So weitet sich der polyphone Verhau aus Licht, Halbschatten und Schatten zu einer Theaterszene, einer zerklüfteten Seelenlandschaft, voll mit Figuren aus dem Pandämonium des Jüngsten Gerichtes. Engelsbilder lächeln. Teufelsfratzen glühen.

          Die Höllenflamme lodert. Ja, es sind gerade die Brüche, diese harmonischen und kontrapunktischen Dramen en miniature, an denen Nigel Short und seine Crew so besonders interessiert sind. Und im Ergebnis fördern sie bei dieser akribischen Exegese des Gesualdoschen Jenseits eine doch recht diesseitige Plastizität und dralle Lebendigkeit zutage. Das hat Seltenheitswert, nicht alle Chöre wagen so etwas. Und doch: Es passt! Mag übrigens sein, dass auch der leichte Raumhall, der diese Aufnahme ziert, zur spezifischen Aura dieses Albums beigetragen hat.

          Musikalische Einfachheit mit Folgen

          Es gibt heute die verschiedensten Lehrmeinungen darüber, wie diese polyphone Madrigalkunst des sechzehnten Jahrhunderts wiederzubeleben sei: Chorisch oder solistisch, mit oder ohne Vibrato, mit oder ohne Farbauftrag. Bei den drei ersten Plattenproduktionen, die jetzt zum Jahrestag des Todes von Gesualdo herauskamen, kann man diese stilistische Bandbreite besonders schön studieren. Sollten Tenebrae und Short zu viel des Guten tun, so tut das Vocalconsort Berlin unter Leitung von James Wood auf jeden Fall zu wenig: Sie singen chorisch und solistisch abwechselnd, dabei strikt vibratolos, ausdrucksneutral. Das Klangbild wirkt nackt und schutzlos. Diese Linearität hat zwar ihre Reize, und sie ist zu verstehen als ein Bekenntnis zu natürlicher Einfachheit.

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