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Neue Chefdirigenten in Berlin : Jung, aber bedacht

  • -Aktualisiert am

Gibt den Ton an: Vladimir Jurowski ist neuer Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters. Bild: Alex Damian

Die neuen Chefdirigenten Jurowski und Ticciati treten in den beiden Berliner Rundfunkorchestern an. Damit nimmt der personelle Umbruch diesen Herbst seinen Auftakt in den Musikhäusern der Hauptstadt.

          Gleich drei neue Chefdirigenten treten in diesem Herbst in Berlin ihre Ämter an. Vor knapp zwei Wochen stellte sich Justin Doyle als neuer Leiter des Rias-Kammerchores vor (F.A.Z. vom 19. September), zwei Tage später folgte Vladimir Jurowski mit seinem Antrittskonzert als Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters (RSB), nun gab auch Robin Ticciati beim anderen Rundfunk-Klangkörper, beim Deutschen Symphonie-Orchester (DSO) seinen Einstand. Wo in Berlin derzeit nicht der Dirigent gewechselt wird, steht doch wenigstens eine herbstliche Saison bevor: Iván Fischer beim Konzerthausorchester und Sir Simon Rattle bei den Philharmonikern stehen beide in ihrer letzten Spielzeit.

          Nimmt man noch Gijs Leenaars hinzu, der vor zwei Jahren den Rundfunkchor übernahm und Ainars Rubikis, der sich im Juni mit einer Produktion als neuer Generalmusikdirektor an der Komischen Oper vorstellen wird, dann ergibt das einen personellen Umbruch, wie es ihn so geballt lange nicht gegeben hat in Berlin. Unbewegt inmitten der Wechsel: Daniel Barenboim, ein Denkmal an Konstanz, der nun in seine sechsundzwanzigste Spielzeit an der Staatsoper geht.

          Neue Generation der Bedachtheit

          Die Neuen sind deutlich jünger, Vladimir Jurowski ist mit fünfundvierzig Jahren schon der Älteste unter ihnen. Von ihrer Jugend – die bei Dirigenten schon mal bis in die Vierziger reichen kann – auf die sprichwörtliche Wildheit zu schließen, wäre jedoch verkehrt. Die neue Generation zeichnet sich eher durch Bedachtheit aus. Der zeitgenössischen Musik fühlt man sich mindestens verpflichtet, eingebettet werden die neuen Werke in beziehungsreiche, streng durchdachte Programme; dass klassische Musik auch einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen habe, diese Überzeugung drückt sich ebenfalls in der Auswahl der Stücke aus. So setzte Robin Ticciati bei seinem Antrittsabend Thomas Larchers 2. Sinfonie „Kenotaph“ aufs Programm. Vor einem Jahr wurde das Stück in Wien uraufgeführt.

          Der österreichische Komponist schuf es als Mahnmal für alle Menschen, die während der vergangenen Jahre bei der Flucht übers Mittelmeer ums Leben kamen. Vladimir Jurowski wiederum wählte für die zweite Hälfte seines Konzertes Luigi Nonos unvollendet gebliebenes Melodram „Julius Fucík“ und ließ als Ergänzung und triumphale Auflösung Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie folgen. Den Aufzeichnungen des tschechischen Widerstandskämpfers und ihrer Vertonung folgt unmittelbar die Sinfonie als Hymnus an die Freiheit: Eine programmatische Aufladung, unter der Beethovens Fünfte bald zu ächzen beginnt. Auch, weil Jurowski das Werk in der von Gustav Mahler retuschierten Fassung aufführen lässt. Eine Hundertschaft Musiker sitzt auf dem Podium der Berliner Philharmonie, sechzehn erste Geigen, vierzehn zweite, vierfache Bläser mit Es-Klarinette, die immer wieder ihre Schalltrichter in die Höhe recken. Ein orchestraler Riesentanker.

          Jurowski drosselt entsprechend das Tempo, schwer schlägt er ins Orchester, brontosaurushaft schleppt sich das Stück dahin. Man erschrickt und fragt sich nach dem Sinn der ganzen Unternehmung: Zeigen, wie entsetzlich früher alles war, als Gustav Mahler mit grotesk anmutender Aufrüstung auf das größere, im Gegensatz zur Beethoven-Zeit mehr Streicher umfassende Orchester reagieren wollte? Oder vor Augen führen, wie gut es uns heute doch geht, da solche Riesenechsen durch die Streiter der Originalklangbewegung erledigt wurden? Eine recht eigenwillige Methode, um zu Gustav Mahler hinzuleiten, dem das RSB in der kommenden Spielzeit einen Schwerpunkt widmet. Dessen 2. Sinfonie dirigierte Jurowski zwei Tage später in radikal reduzierter Lautstärke, das Stück öffnete sich dem Hörer wie eine Muschel, die Zartheit der Aufführung berührte. Der elefantöse Beethoven war nur Verkleidung.

          Glanzpunkt des Antrittsabends war Arnold Schönbergs Violinkonzert, ein Werk, das gewöhnlich im Giftschrank der Geigenliteratur verstaut bleibt und hier gleichsam als Neuentdeckung zu erleben war. Mit Christian Tetzlaff spielte den Solo-Part einer der wenigen Geiger, die das Werk überhaupt im Repertoire haben. Das als undankbar veschrieene Konzert füllen Tetzlaff und Jurowski so prall mit Leben, dass ein Rätsel bleibt, weshalb das Stück so selten zu hören ist. Alles ist hier Gespräch und Plauderei, so, als würden die Klangfarben, die die Komponisten der Spätromantik noch miteinander verschmolzen, wieder selbstständig werden und miteinander zu schwatzen beginnen. Das RSB ist aufgeweckter Gesprächspartner, Vladimir Jurowski profitiert unmittelbar von der Arbeit seines Vorgängers Marek Janowski. In einer Art vierzehnjährigem Dauertrainingslager hat Janowski ein Orchester geformt, das sich mit transparentem Klang und feiner Beweglichkeit deutlich von der übrigen Berliner Konkurrenz abhebt. Dort wird ein satterer, kraftvollerer Ton gepflegt.

          Auf eher gesichertem Terrain bewegte sich Robin Ticciati bei seinem ersten Saisonauftritt. Thomas Larchers „Kenotaph“ ist dem Datum der Uraufführung nach zwar zeitgenössische Musik, klingt aber so, als hätten sich Leonard Bernstein, Wolfgang Korngold und Philip Glass auf einer österreichischen Alm getroffen, um gemeinsam eine Sinfonie zu schreiben. Es bleibt in Larchers Stück bei einer Aneinanderreihung und Verschränkung verschiedener Stile bis hin zum Ländler, virtuos ausgestaltet mit einem Instrumentarium, das auch eine zerbeulte Öltonne und jaulende Stempelflöten umfasst, angefüllt mit starken Effekten wie Celesta-Klingeln und Tamtam-Donner.

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          Das Werk mag voll sein von Symbolik – dem Ohr erschließt sie sich nicht. Mehr Freude bereitet die stilistische Bandbreite, die Robin Ticciati an diesem Abend vorführt: Einen weiten Bogen spannt er, der von den „Éléments“ des französischen Barockkomponisten Jean-Féry Rebel reicht bis hin zu Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“. Ticciati ist dabei eleganter Moderator (Rebel) ebenso wie gesitteter Animateur (Strauss). Wie tief er in der Musik lebt, ist zu spüren. Dass er bei der Suche nach Ausdruck noch auf den Klang des Orchesters drückt und deshalb beim „Zarathustra“ der Glanz fehlt, ist schade. Die Amtszeit hat ja aber auch gerade erst begonnen.

          Quelle: F.A.Z.

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