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Neue Chefdirigenten in Berlin : Jung, aber bedacht

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Jurowski drosselt entsprechend das Tempo, schwer schlägt er ins Orchester, brontosaurushaft schleppt sich das Stück dahin. Man erschrickt und fragt sich nach dem Sinn der ganzen Unternehmung: Zeigen, wie entsetzlich früher alles war, als Gustav Mahler mit grotesk anmutender Aufrüstung auf das größere, im Gegensatz zur Beethoven-Zeit mehr Streicher umfassende Orchester reagieren wollte? Oder vor Augen führen, wie gut es uns heute doch geht, da solche Riesenechsen durch die Streiter der Originalklangbewegung erledigt wurden? Eine recht eigenwillige Methode, um zu Gustav Mahler hinzuleiten, dem das RSB in der kommenden Spielzeit einen Schwerpunkt widmet. Dessen 2. Sinfonie dirigierte Jurowski zwei Tage später in radikal reduzierter Lautstärke, das Stück öffnete sich dem Hörer wie eine Muschel, die Zartheit der Aufführung berührte. Der elefantöse Beethoven war nur Verkleidung.

Glanzpunkt des Antrittsabends war Arnold Schönbergs Violinkonzert, ein Werk, das gewöhnlich im Giftschrank der Geigenliteratur verstaut bleibt und hier gleichsam als Neuentdeckung zu erleben war. Mit Christian Tetzlaff spielte den Solo-Part einer der wenigen Geiger, die das Werk überhaupt im Repertoire haben. Das als undankbar veschrieene Konzert füllen Tetzlaff und Jurowski so prall mit Leben, dass ein Rätsel bleibt, weshalb das Stück so selten zu hören ist. Alles ist hier Gespräch und Plauderei, so, als würden die Klangfarben, die die Komponisten der Spätromantik noch miteinander verschmolzen, wieder selbstständig werden und miteinander zu schwatzen beginnen. Das RSB ist aufgeweckter Gesprächspartner, Vladimir Jurowski profitiert unmittelbar von der Arbeit seines Vorgängers Marek Janowski. In einer Art vierzehnjährigem Dauertrainingslager hat Janowski ein Orchester geformt, das sich mit transparentem Klang und feiner Beweglichkeit deutlich von der übrigen Berliner Konkurrenz abhebt. Dort wird ein satterer, kraftvollerer Ton gepflegt.

Auf eher gesichertem Terrain bewegte sich Robin Ticciati bei seinem ersten Saisonauftritt. Thomas Larchers „Kenotaph“ ist dem Datum der Uraufführung nach zwar zeitgenössische Musik, klingt aber so, als hätten sich Leonard Bernstein, Wolfgang Korngold und Philip Glass auf einer österreichischen Alm getroffen, um gemeinsam eine Sinfonie zu schreiben. Es bleibt in Larchers Stück bei einer Aneinanderreihung und Verschränkung verschiedener Stile bis hin zum Ländler, virtuos ausgestaltet mit einem Instrumentarium, das auch eine zerbeulte Öltonne und jaulende Stempelflöten umfasst, angefüllt mit starken Effekten wie Celesta-Klingeln und Tamtam-Donner.

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Das Werk mag voll sein von Symbolik – dem Ohr erschließt sie sich nicht. Mehr Freude bereitet die stilistische Bandbreite, die Robin Ticciati an diesem Abend vorführt: Einen weiten Bogen spannt er, der von den „Éléments“ des französischen Barockkomponisten Jean-Féry Rebel reicht bis hin zu Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“. Ticciati ist dabei eleganter Moderator (Rebel) ebenso wie gesitteter Animateur (Strauss). Wie tief er in der Musik lebt, ist zu spüren. Dass er bei der Suche nach Ausdruck noch auf den Klang des Orchesters drückt und deshalb beim „Zarathustra“ der Glanz fehlt, ist schade. Die Amtszeit hat ja aber auch gerade erst begonnen.

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