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Passionsmusiken aus der Bach-Familie : Heute noch im Paradiese

Mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists hat John Eliot Gardiner das Oster-Oratorium und den „Actus Tragicus“ von Johann Sebastian Bach eingespielt Bild: Soli Dei Gloria

Die Ostermesse und der „Actus Tragicus“ von Johann Sebastian, die Kantate „Die letzten Leiden des Erlösers“ von Carl Philipp Emanuel: John Eliot Gardiner und Hartmut Haenchen haben Passionsmusiken aus der Bach-Familie neu vertont.

          Kürzlich verwandelte sich der britische Dirigent John Eliot Gardiner in den amtlichen Sonderbotschafter Johann Sebastian Bachs. Das Bach-Archiv in Leipzig trug ihm die Präsidentschaft an. Insofern, als Bach der wahre fünfte Evangelist ist (wie Albert Schweitzer einst schrieb), kommen auf Gardiner nun neue repräsentative wie auch musikalisch-metaphysische Aufgaben zu. Zunächst einmal hat er, gemeinsam mit seinem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists, bei seinem Label Soli Dei Gloria (SFG 719, im Vertrieb von harmonia mundi) ein neues Album mit Bachs Oster-Oratorium BWV 249 herausgebracht.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Von außen sieht es, dank eines spektakulären Ethno-Cover-Fotos von Steve McCurry, ganz so aus, als sei dies ein vergessener Nachtrag zu der längst abgeschlossenen, 56 CDs umfassenden „Bach Cantata Pilgrimage“-Edition Gardiners, die ebenfalls von McCurry illustriert wurde. Freilich, ein Oratorium ist keine Kantate. Außerdem erzählt dieses spezielle Oratorium, komponiert für den Ostersonntag des Jahres 1725, nichts von Kreuzigung. Keinerlei Querstände also in der Musik, keine Reibungsdissonanzen, keine Spur von Schmerzlust und Klage, Schuld, Scham oder Metaphysik. Vielmehr geht mit der französischen Ouvertüre sofort die helle Frühlingsfreudensonne auf. Zum Salut für den soeben auferstandenen Himmelskönig schnattern fröhlich die Trompeten, Oboen, Fagotte, es wirbelt die Pauke, denn das Grab ist leer, als die beiden Jünger Petrus und Johannes ihren Herrn Jesu suchen. Jetzt darf gefeiert werden.

          Hier passt das verschleppte Tempo

          Johannes, gesungen von Tenor Nicholas Mulroy, frohlockt: „Hier seh’ ich, mit Vergnügen / das Schweißtuch abgewickelt liegen.“ Unschwer ist an solchen Rezitativen abzulesen, dass Bach das kurze, hübsche Werk ursprünglich in aller Eile im Parodieverfahren aus einem weltlichen Schäferspiel transkribiert hatte. Später wurde es auf gut vierzig Minuten erweitert und um Chöre verlängert. Die blockflötenbegleitete Sopran-Arie „Seele, deine Spezereien“ ist ein ganz zauberhaftes Kleinod - nur, dass die Flötistin der English Baroque Soloists unter akuter Schnappatmung leidet, was zu Verzögerungen führt, auch zu Betonungen oder Zäsuren an den falschen Stelle. Das ist nicht schön. Auch nicht, dass die Sängerin Hannah Morrison, die so schlank und hellgrün, ja, so kunstvoll-kunstlos singt, als sei sie in Wahrheit ein Knabensopran, dadurch zum Schleppen verführt wird.

          Hat die neu geschaffene Position des Stiftungspräsidenten im Bacharchiv übernommen: John Eliot Gardiner im Februar in Leipzig
          Hat die neu geschaffene Position des Stiftungspräsidenten im Bacharchiv übernommen: John Eliot Gardiner im Februar in Leipzig : Bild: ZB

          Im „Actus tragicus“ BWV 106, dem zweiten Werk dieses Albums, ist das verschleppte Tempo der eröffnenden Blockflöten-Sonatina thematisch begründet. Diesmal passt sich auch das diffuse Flauto-dolce-Klangbild bestens ein in die traditionelle Rhetorik aus Schmerz und Trauer, die in diesem frühen Werk von 1707 bei einfachsten Mitteln aufs Subtilste ausgestaltet worden ist. Tatsächlich spricht diese private Trauermusik vom Sterben eines lieben Menschen und von der menschlichen Vergänglichkeit, doch werden dabei auch wörtlich Sätze aus dem Passionsgeschehen zitiert, etwa: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Und es handelt sich tatsächlich um eine Kantate, die Gardiner in seiner Gesamtedition wohl vergessen hatte.

          Mit dem RIAS-Kammerchor und dem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach hat Harmut Haenchen die Kantate „Die letzten Leiden des Erlösers“ eingespielt
          Mit dem RIAS-Kammerchor und dem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach hat Harmut Haenchen die Kantate „Die letzten Leiden des Erlösers“ eingespielt : Bild: Berlin Classics

          Dagegen schließt das neue Doppelalbum des Dirigenten Hartmut Haenchen eine Repertoirelücke. Als Livemitschnitt eines Konzertes entstand für das Label Berlin Classics diese Einspielung der Kantate „Die letzten Leiden des Erlösers“ des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel Bach: (BC 0300575, im Vertrieb von edel). CPE Bach hatte sie als Musikdirektor in Hamburg 1769 komponiert und dort fortan jedes Jahr, nach dem Leipziger Vorbild des Vaters, zur Passionszeit aufgeführt. Freilich, eine neue Zeit war angebrochen. Auch ist die Dramaturgie der Kantate opernhaft ausufernd. Die Arien sind lieblich ausgeziert. Es liegen keine Bibeltexte, sondern ein poetisches Libretto von Anna Louis Karsch zugrunde, der Gestus der Empfindsamkeit überformt Rezitative und Soli, wenn auch weniger die wenigen mächtigen Chorsätze, die sich am Vorbild Vater Bachs orientieren.

          Es gibt von CPE Bachs Kantate nur eine einzige ältere, recht brave Vergleichsaufnahme, mit Sigiswald Kujiken. Das macht Haenchens Vorstoß umso wertvoller. Ein Glück, dass sich der phantastische RIAS-Kammerchor bereitfand, das weithin unbekannte Stück einzustudieren. Die Wucht des Chores „Lasset uns aufsehen“ und der folgenden Chorfuge „Auf dass wir der Sünde abgestorben“ ist atemraubend, man spürt, wie viel Potential in diesem Bach-Sohn steckte, und man wünschte sich, Haenchen hätte mit der Auswahl der Solisten eine ebenso gute Hand bewiesen. Herausragend singt nur der junge Tenor Maximilian Schmitt. Für das „Kammerorchester CPE Bach“ aber, das seit 1982 unter Leitung von Hartmut Haenchen phantastische Pionierarbeit geleistet hat, ist dieses Album die Abschiedsmusik. Es löst sich Ende der Spielzeit auf.

          Quelle: F.A.Z.

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