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Netrebko und Domingo in Berlin : Ein Strom, in dem man mitschwimmen will

Zur Selbstironie fähig: Anna Netrebko als Leonora in Verdis „Il trovatore“ an der Berliner Staatsoper. Bild: Barbara Braun/drama-berlin.de

In der Berliner Staatsoper singen Anna Netrebko und Placido Domingo zusammen in „Il Trovatore“ von Giuseppe Verdi. Größte Überraschung eines Abends in der Puppenkiste ist aber Marina Prudenskaja.

          Anna Netrebko, weltweit bekannt als Model für teuren Schmuck und Haute Couture, hat für den Verkauf von Klassik-Tonträgern schon viel Haut zu Markte getragen. Hinter dieser öffentlichen Erscheinung als Plakat verschwindet leider nur allzu schnell, was sie wirklich kann. Denn sie ist eine äußerst feine, intelligente, vorbildlich ensemblefähige Bühnendarstellerin. An der Berliner Staatsoper im Schillertheater gab sie jetzt ihr Rollendebüt als Leonora in Giuseppe Verdis „Il trovatore“, den Philipp Stölzl virtuos und liebevoll als Nachtstück aus dem Innenleben einer Puppenkiste inszeniert hat. Wie ein Aufziehfrauchen wackelt Netrebko, zu viel Selbstironie fähig, über die Bühne, plinkert mit Glasäuglein in die Welt, kreiselt singend über den Boden, dass ihr spanisches Reifröckchen periodisch aufploppt und macht ein kullerrundes Staunemündchen, aus dem die Töne herausklingeln, als drehe sich im Innern eine Walze.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Stimmlich ist sie noch nicht ganz Freund mit der neuen Partie. Obwohl ihre Höhe immer warm grundiert war, merkt man jetzt, dass ihr eine selbstverständliche Tiefe eigentlich fehlt. Sie drückt auf den Kehlkopf, um im Kellergeschoss ihres Soprans große Räume vorzutäuschen. Auch die Triller in der Höhe wollen nicht so leicht ansprechen, wenn sie leise singt. Aber bei voller Stimme flutet ihr Ton, dass es die reine Freude ist. Was sie besonders gut kann: Spitzen ansteuern - und dann leise werden. Welch ein Kitzel! Daniel Barenboim und die Staatskapelle begleiten so feinfühlig, so aufmerksam, mit so spannungsreich gesetzten Pausen, so weichen Wiedereinsätzen, dass man in diesem Strom manchmal nur besinnungslos mitschwimmen möchte.

          Sängergipfeltreffen: Anna Netrebko und Placido Domingo als Graf Luna.
          Sängergipfeltreffen: Anna Netrebko und Placido Domingo als Graf Luna. : Bild: dpa

          Premiere hatte diese Inszenierung schon im Mai bei den Wiener Festwochen. Internationaler Aufmerksamkeit erfreut sie sich jetzt allerdings erneut, weil neben Anna Netrebko auch Plácido Domingo, vormals Tenor, sein Rollendebüt gibt: als Graf Luna, in einer Bariton-Partie. Eine flotte und geschmeidige Erscheinung ist er auf der Bühne auch mit Anfang siebzig noch immer. Selbst wenn die Töne in Extremlagen manchmal mürbe wirken und wegkrümeln, so hat doch seine Stimme im raschen Parlando Kraft und Eleganz. Der Tenor Gaston Rivero als Manrico versucht sich am Ende seiner Stretta im dritten Akt am hohen C und macht dabei keine gute Figur. Dieser Ton, den Verdi gar nicht verlangt, den die Riten des Betriebs aber wie eine Mutprobe diktieren, ist eine kunstferne Obszönität. Rivero kassiert danach Buhrufe. Geschenkt! Denn im vierten Akt beweist er im Duett mit Azucena, wie leise, süß und streng gebunden er singen kann.

          Das Publikum zeigt mit verschwenderischem Applaus, wer die größte Leistung des Abends erbracht hat: Marina Prudenskaja als Azucena. Überragend, diese Sängerin! Kraterheiß die Tiefen ihres Mezzosoprans, dolchblank ihre Höhen - und dazwischen ist alles möglich an Zärtlichem und Grausigem. Wirr und irr, gleichsam frisch aus tiefem Schutt gezogen, stiert sie in den Raum, wischt sich zwanghaft die linke Hand am Hüftbund ihres Kleides ab und ist - wie Verdi es wollte - die wirkliche Zentralgestalt des Stücks. An Stölzls Inszenierung beeindruckt dabei, wie souverän sie die Frage nach der Aktualität als irrelevant vom Tisch fegt und aus der Überspitzung von Figurenkonventionen szenische Funken schlägt.

          Quelle: F.A.Z.

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