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Netrebko als „Manon“ in Berlin Hörst du den Postmann klingeln?

02.05.2007 ·  Anna Netrebko muss sich in Massenets „Manon“ an der Staatsoper in Pinup-Posen räkeln. Und vor lauter Anbiederung ans Publikum liegt auch der mexikanische Tenor Rolando Villazón stilistisch völlig falsch. Welch blöder Missbrauch zweier Sänger, meint Jürgen Kesting.

Von Jürgen Kesting
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Traue niemandem, riet Jean Renoir, den der Anblick einer schönen weiblichen Brust nicht aus der Fassung bringt. Keineswegs unerwartet geriet das Berliner Opernpublikum denn auch in selige Verzückung, als Jules Massenets „Manon“ an der Staatsoper Unter den Linden eine neue Titelheldin bekam: Anna Netrebko.

Vincent Paterson aus der Zunft jener regieführenden Smarties, die ihren erlesenen Geschmack mit Videoclips bewiesen haben, verwandelt Manon in eine öffentliche Frau, die beim Lieben und Sterben auf der Bühne von Scheinwerfern umstellt wird wie Anna N. im Leben. Im Verlauf der Aufführung - einer Koproduktion mit der Los Angeles Opera - hat die kunstseidene Diva die bewährten Lifestyle- oder Pin-up-Posen, die seit der Salzburger „Traviata“ und der Fernsehbadewanne bekannt sind, zu repetieren.

Als würde gleich der Postmann zweimal klingeln

Während einer neckischen Kissenschlacht legt Des Grieux (Rolando Villazón) das Briefchen, in dem er seinem Vater von seiner neuen Liebe schreibt, zwischen ihre gespreizten Beine. Sie führt hauchzarte Satinwäsche vor, die nicht verbergen kann, wenn es ihr kühl wird; und wenn sie dem „petite table“, an dem sie mit Des Grieux von der Liebe geträumt hat, „adieu“ sagt, legt sie sich zurück, lässt den Morgenrock auseinanderklaffen und reckt ihre Beine, als würde jeden Moment der Postmann zweimal klingeln. Im Spielsalon des Hotels Transsilvanien reibt sie sich an einer phallischen Peepshow-Stange und wackelt dabei mit dem Po.

Welch öde Anbiederung. Und welch blöder Missbrauch zweier Sänger, deren außerordentliche Talente vergeudet werden. Beide sind, um es paradox zu sagen, stimmlich großartig, stilistisch und idiomatisch aber völlig falsch. Der kühl-gleißende Sopran Anna Netrebkos hat inzwischen Spinto-Qualitäten, die den Soloszenen Manons mit all ihren zarten Facetten - Zerbrechlichkeit, Sensibilität, Lebenslust, Sinnlichkeit - nicht mehr entsprechen.

Brüllender Jubel - Adieu Manon

Dem Entree „Je suis encore tout étourdié“ fehlt der Ton kindlicher Koketterie, einer schon vor der ersten Ahnung zerbrochenen Unschuld; im „Adieu“ vermisst man den Beiklang des Schmerzes, den sie ob des Liebesverrats verspürt; der Gavotte, scheinbar eine Hymne auf die Lebenslust, bleibt sie die Anklänge von Hoffnungslosigkeit schuldig; und in der Verführungsszene im Kloster St. Sulpice, in welcher „die Harmonien wie menschliche Arme sind und die Melodien wie Nacken, die von diesen Armen umschlungen werden“(Claude Debussy), geht es zu wie im Finalduett von Bizets Carmen. Netrebko ist in jeder Hinsicht - auch der stimmlichen - glamourös, kaum je aber das Rätselwesen, von dem Des Grieux - „Manon! Sphinx étonnant, véritable sirène“ - zwar spricht, das aber von Rolando Villazón nicht besungen wird.

Die warme, weiche, voluminöse Stimme des mexikanischen Tenors ist eher als die seiner Partnerin geschaffen, im Klang Empfindsamkeit und Verletzlichkeit zu spiegeln. Sanfte Einsätze wie zu Beginn von „Ah! Fuyez, douce image“ oder zärtlich ausklingende Phrasen wie „Lá sera notre vie, si tu veux! O Manon!“ werden von Villazón mit Wehlaut durchtränkt. Leider aber neigt er dazu, die Partie zu italianisieren. Dabei greift er das Kapital der Stimme in einer Weise an, die Angst macht. Seine offene Tongebung führt dazu, dass „liberté“ wie „libertää“ gelautet wird - wie das Werk überhaupt aus der Welt der Opéra Comique in die Sphäre eines quietschbunten, lauten Musicals mit einem bemüht sprechenden Personarium verrückt wird. Für eine positive Enttäuschung sorgt die exzellent disponierte Berliner Staatskapelle unter Daniel Barenboim, der die Produktion an Stelle des zunächst vorgesehenen Bertrand de Billy übernahm und wenigstens orchestral viel Gespür für die spezifische ars gallica bewies. Brüllender Jubel. Adieu Manon.

Quelle: F.A.Z., 02.05.2007, Nr. 101 / Seite 37
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