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Nachruf auf Patrice Chéreau Erschütterer der Opernwelt

 ·  Mit seiner unbefangenen „Ring“-Inszenierung aus dem Jahr 1976 revolutionierte er das Wagner-Verständnis der Deutschen. Er wurde oft kopiert, aber nie erreicht. Zum Tod des Bühnen- und Filmregisseurs Patrice Chéreau.

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© dpa Vergrößern Patrice Chéreau, 1944 bis 2013

Er sprach fast perfekt deutsch. Noch besser konnte er zuhören. Dies war jedenfalls immer der erste Eindruck, den Patrice Chéreau auf diejenigen machte, die das Glück hatten, ihn kennenzulernen. Ein leiser Mensch, freundlich, bescheiden, unerbittlich, ungeduldig. Genau diese Summe von Eigenschaften war vermutlich nötig, damit er, ein junger Franzose aus Lézigné/Maine-et-Loire, der deutschen Kulturnation ganz unbefangen, aber nachhaltig beibringen konnte, wie sie Wagner zu verstehen habe – und das dreißig Jahre nach der „Stunde Null“.

Die politisch vergiftete Wagnerrezeption in Deutschland wurde nämlich nicht, wie Bayreuther Legenden es bis heute nacherzählen, wieder heile gemacht von den entrümpelten, geschichtsbereinigten Bühnenvisionen Wieland Wagners. Die kehrten einerseits einiges unter den Tisch, sie schrieben andererseits die neue Sachlichkeit der Pretoriusbühnenästhetik fort. Der eigentliche Genesungsprozess begann erst 1976, mit der Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ durch Patrice Chéreau. Und dass bis heute keiner, der sich mit Wagner befasst, dahinter zurückgehen kann und sich die Exegeten der „Ring“-Tetralogie immer noch am Chéreau-„Ring“ abarbeiten, ihn zitieren oder konterkarieren, hat damit zu tun, dass dieser Prozess bis heute nicht abgeschlossen ist.

Bei ihm nahm das Regietheater seinen Anfang

Diese detailversessene Musik. Diese verschraubten Worterfindungen. Dieses ganze helltönend prächtige, rauschhaft aufgeplusterte, pseudomittelaltertümelnde Ego. Chéreau hörte genau zu, damals, Mitte der Siebziger. Er nahm alles auseinander, bis auf die letzte Schraube und Note, und entdeckte so hinter dem Mythos die Tristesse einer sich selbst auflösenden Bourgeoisie – wie man diese Schicht oder Klasse damals unter jungen Leuten nannte. Alle Uhren auf Untergang. Die Utopie der Dekadenz. Eine Parabel auf die Gründerjahre des Industriezeitalters und ihren geistigen Horizont, zwischen Kapitalismuskritik und Psychoanalyse, die uns direkt angreift. Seither kommt niemand mehr, der sich mit Wagners Werk befasst, an dieser Lesart vorbei. Ein Vater tötet den Sohn, um des lieben Friedens willen. Wie da Wotan (Donald McIntyre) plötzlich zusammenbricht über Siegmunds Leiche, das wurde später oft kopiert und nie wieder so erreicht. Auch nicht, wie die Liebenden am Walkürenfelsen buchstäblich ineinanderstürzen und sich auffressen wollen in ihrer jubelnden C-Dur-Jugend. Und auch das bestürzende Schlussbild mit der gaffenden, zaudernden Menschenmenge ist ein Unikat.

Chéreau selbst war ein Wundersohn gewesen, bereits mit fünfzehn hatte er angefangen, Theater zu inszenieren und zu schauspielern. Zwischendurch studierte er Germanistik. Als er dann 1975 quasi aus dem Nichts in Bayreuth auftauchte, zufällig, wenn man genau ist, denn Pierre Boulez hatte ihn, nur auf eine Empfehlung eines französischen Freundes hin, an die Festspielleitung weiterempfohlen, war er gerade einunddreißig Jahre alt. Und er erzählte die Geschichte des „Ringes“ mit der Akribie eines kammerspielerfahrenen alten Schauspielhasen und der Direktheit eines mit Nahaufnahmen vertrauten Filmregisseurs. Den Sängern, gewohnt, sich zu panzern mit schöner Musik, verlangte Chéreau eine Offenlegung der Gefühle im Gestischen und Mimischen ab und eine körperhafte Identifikation mit den Rollen, die bis heute, auch in Konservenform auf DVD, schockierend wirkt. Das, was man alsbald „Regietheater“ nannte, hatte hier seinen Anfang.

Unbestechliche Porträts, böse Tragikomödien

Chéreau selbst hat sich später von diesem Bayreuther Wurf gern distanziert. Er sprach immer wieder von einem „historischen Dokument“, das zeitgebunden sei in seiner politischen Achtundsechziger-Haltung, und ästhetisch sowieso schon lange nicht mehr interessant. Und er wunderte sich über die exorbitante Rezeption. Er habe überhaupt nur wenig Opern in seinem Leben inszeniert, sagte er, meist als Freundschaftsdienst, und bestand darauf, er gehe, aus Mangel an Interesse, „nie in die Oper!“ (was so absolut gesetzt übrigens auch nicht zutraf). Auf jeden Fall war er allemal anschließend unzufrieden mit sich selbst. Zwei mal inszenierte er vor Bayreuth eine Oper (Rossini, Offenbach) acht mal danach (zweimal Berg, dreimal Mozart, Janacek, Wagner, Strauss), also elf mal insgesamt, mit großen Pausen dazwischen. Und jedes Mal war es ein Ereignis, das die Opernwelt erschütterte.

Der Filmemacher Chéreau gewann zuverlässig Preise, „La Reine Margot“ gewann gleich fünffach den „César“. Die Kritiker warfen ihm vor, er sei zu theaterhaft und zu stark gebunden ans Wort, als einem Spiegel der Seele. Zu dem Theaterregisseur Chéreau dagegen meinten sie, er sei zu pathetisch plakativ und stilistisch verdorben vom Kino. Trotzdem war dies sein eigentliches Zuhause und auf diesem Gebiet gelangen ihm immer wieder faszinierende Psychothriller, unbestechliche Porträts, böse Tragikomödien.

Aber auch, wenn sein Oeuvre als Theater- und Filmregisseur, in seinem ureigensten Medium, dem er auch die eigne Homosexualität als Thema anvertraute, ungleich größer und vielfältiger, auch bedeutender sein mag, worüber andere befinden müssen: Für die Musik und das Musiktheater hat der Regisseur Patrice Chéreau Türen geöffnet und neues Land erschlossen. Diese Tat ist unumkehrbar, und unvergesslich. Chéreau ist einer der ganz Großen in diesem Fach, das er so widerwillig und auch zufällig nebenbei besuchte. Das hat zuletzt seine Lesart der „Elektra“ für die Festspiele in Aix-en-Provence gezeigt, vor wenigen Wochen. Ein Nachtstück. Eine atemraubende Studie der nervösen Selbstzerstörung, konzise aus der Musik heraus entwickelt, und umdüstert von Vorahnungen des Todes. In der Nacht zum Dienstag ist Patrice Chéreau gestorben, im Alter von achtundsechzig Jahren. Er fehlt.

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