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Nabucco-Premiere in Leipzig Gott ist ein gutaussehender Lockenkopf

Dietrich W. Hilsdorf eröffnet das Verdi-Jahr mit einer Inszenierung, die niemandem weh tut.

© Kirsten Nijhof Der König von Babel spielt Salome: Nabucco (Markus Marquardt) tanzt mit dem Haupt seiner Tochter Fenena.

Das Henkersbeil fällt krachend herab, ein Frauenkopf rollt auf die Vorderbühne. Und während hinten eine quietschlebendige Fenena im Taumel des lieto fine von Giuseppe Verdis „Nabucco“ schwelgt, wankt der umnachtete babylonische Tyrann vorn an der Bühnenrampe mit dem abgehackten Schädel seiner Tochter umher, als feierten wir gerade ein Richard-Strauss-Jubiläum, bei dem Nabucco der judäischen Prinzessin Salome Konkurrenz machen soll. Dabei ist man an der Oper Leipzig doch eigentlich stolz darauf, die erste Verdi-Premiere des Doppeljubiläums 2013 zu präsentieren.

Dass die Geburtsstadt Richard Wagners Verdi den Vortritt lässt, tut nichts zur Sache. Auch Wagner steht auf dem Spielplan, sogar eine Kooperation mit den Bayreuther Festspielen, die im Sommer die Leipziger Produktion des Jugendwerks „Die Feen“ (Premiere am 16. Februar) übernehmen wollen. Und was wäre symbolträchtiger, als den Jubiläumsreigen mit diesem frühen, schroffen und ungestümen Verdi zu eröffnen? Jenem 1842 in Mailand uraufgeführten Werk des Durchbruchs, dessen Erzählung von der Befreiung des jüdischen Volkes aus babylonischer Knechtschaft für die italienische Einigungsbewegung des Risorgimento zur Allegorie wurde?

Flucht vor der Realität

Zudem enthält „Nabucco“ das wohl berühmteste Stück der Musik Verdis: den in Italien noch heute als Freiheitshymne verstandenen Gefangenenchor der unterdrückten Juden: „Va pensiero, sull’ali dorate.“ Nichts davon hat jedoch den Regisseur Dietrich W. Hilsdorf interessiert. Im Gegenteil, es scheint fast, als habe sich sein Produktionsteam zum Ziel gesetzt, alle gegenwärtigen Deutungsmöglichkeiten des biblischen Stoffes fein säuberlich auszuklammern und sich in ein historisierendes Eckchen zu verkriechen.

Während im Nahen Osten Religionskämpfe toben, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu über einen befestigten Sicherheitszaun zur syrischen Grenze nachdenkt und das um sein Existenzrecht ringende Land einer immer harscheren internationalen Kritik ausgesetzt ist, tanzt die Leipziger „Nabucco“-Inszenierung um alle nur denkbaren Fettnäpfchen herum. Sie entzieht sich jeder Deutung. Für manche Theaterleute ist die Wirklichkeit ohnehin nichts als Theater - und so flüchtet man vor der Realität, indem man auf der Bühne ein Theater auf dem Theater auf dem Theater baut.

Gott als Götze

Der Hauptraum des von Dieter Richter geschaffenen Bühnenbilds erinnert an das Innere eines Tempels, wenn auch ohne direkten Bezug auf Modelle des Salomonischen Tempels, dessen Zerstörung im Jahr 586 vor Christus durch Nebukadnezar den historischen Hintergrund von Verdis Oper bildet. In diesen Raum hineingestellt sind zwei ineinandergeschachtelte Bühnenportale, die zusammen mit der auf einen Gazevorhang projizierten Kulissenmalerei den Saal eines alten Theaters beschwören. Hier bekriegen sich der babylonische Herrscher Nabucco und der jüdische Hohepriester Zaccaria als zwei charismatische Führer, die einander in ihrem Machtbewusstsein nicht nachstehen.

Wer wen unterdrückt oder gefangen hält, spielt da ebenso wenig eine Rolle, wie es um den Kampf zwischen göttlichem und weltlichem Recht geht oder um die Legitimation des bilderlosen monotheistischen Glaubens gegenüber dem Götzenkult der Babylonier. Der Gott der Juden erscheint in Leipzig letztlich auch bloß als ein Götze: Ein gutaussehender Lockenkopf, der auf den Theatervorhang projiziert wird, so blickt er spöttisch auf Nabucco herab, der den Verstand verlor, als er sich selbst zum Gott erklärte, und verschwindet erst wieder, als Nabucco sich besinnt und zu dem einen Gott bekennt.

Abgetakelte Knallchargen

Und da es sich sowieso bloß um Theater handelt, verwandeln sich die Agierenden immer mehr in abgetakelte Knallchargen: Markus Marquardt als Nabucco in roter Uniform, mit goldenem Lorbeerkranz, haushaltet geschickt mit der Stimmkraft seines etwas zu blassen Bassbaritons. Arutjun Kotchinian als schwarzgewandeter Zaccaria fuchtelt mit seinem Moses-Stab zwar immer wieder zornig gen Himmel, sein melodiös geführter, baritonal gefärbter Bass verfügt aber nicht über die erforderliche Härte.

Einen kraftvoll und leicht metallisch strahlenden Tenor schenkt Gaston Rivero der Partie des Hebräers Ismaele, der, da verliebt in die Feindestochter Fenena, fatal zwischen die Fronten gerät. Fenena wiederum, die anmutigen Wohlklang verströmende Sopranistin Jean Broekhuizen, muss in dieser Inszenierung - wenigstens teilweise, wie gesagt - sterben, weil sie, so steht es im Programmheft, durch ihren Übertritt zur Religion der Hebräer eine Verräterin ist, die für ihr Vergehen bestraft werden muss.

Ein Leichtgewicht

Hintergrund dieses abgewandelten coup de théâtre, der uns Nabucco schließlich als Bruder der Salome präsentiert, ist Hilsdorfs Versuch, die Oper wieder näher an das Melodram von Auguste Anicet-Bourgeois und Francis Cornu sowie das Ballett „Nabucodonosor“ von Antonio Cortesi zurückzubinden - Texte, die Temistocle Solera als Vorlage für sein Libretto zu Verdis Oper dienten. So ist wohl auch die szenische Verortung der Inszenierung motiviert: Sie spielt in einem Theater, wie es auch auf dem Pariser Boulevard du Temple hätte stehen können, wo das Melodram uraufgeführt wurde. Freilich geht das alles nicht recht auf, auch wenn am Ende der Oberpriester des Baal (James Moellenhoff) noch schnell einen Putsch andeutet und gemeinsam mit Nabuccos vermeintlicher Tochter Abigaille die Macht an sich reißt.

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Amarilli Nizza ist in der Rolle der bösen Stiefschwester Fenenas der bejubelte Star des Premierenabends. Mit schön geführtem, farbenreichem, wenn auch für die Partie etwas zu leichtem Sopran und einer furiosen Bühnenpräsenz nimmt sie das Publikum für sich ein. Auch die tragenden Chorpartien gelingen gut. Das von Anthony Bramall geleitete Orchester bemüht sich um einen trockenen, mitunter leicht ruppigen, doch sehr atmosphärischen und mitreißenden Verdi-Klang. Ein Premierenabend, der niemandem weh tut, gewiss. Aber als Auftakt für das Verdi-Jahr doch zu leichtgewichtig.

Quelle: F.A.Z.

 
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