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Musikalischer Jugendaustausch : Russland, erbarme dich

Behzod Abduraimov (links) mit Valery Gergiev Bild: MUTESOUVENIR _ KAI BIENERT

Mit seiner deutsch-russischen Orchester-Akademie will Valery Gergiev einen Kontrapunkt setzen zur Misere im politischen Verhältnis beider Länder. Das Abschlusskonzert im Berliner Konzerthaus wurde zu einer Schule der Kunstfrömmigkeit.

          Zu Beginn des Jahres des deutsch-russischen Jugendaustauschs hat Valery Gergiev, der Zar des russischen Musiklebens, zum dritten Mal eine Sommerakademie für deutsche und russische Nachwuchsinstrumentalisten abgehalten, gekrönt von einem Abschlusskonzert, das zunächst in Moskau und jetzt auch im Berliner Konzerthaus präsentiert wurde. Mit diesem Akt des Optimismus will Gergiev einen Kontrapunkt setzen zur Misere im politischen Verhältnis beider Länder und gemeinsame Traditionen kräftigen. Fünfundfünfzig junge Musiker aus Deutschland, die teils noch studieren, teils schon in Orchestern aktiv sind, kamen, unterstützt von Gasprom und dem deutschen Fensterbauer Schüco, im Petersburger Mariinsky-Theater mit etwa ebenso vielen russischen Kollegen zusammen, um fünf Tage lang mit Gergiev zu arbeiten. Auch die ausgewählten Stücke sind jugendlich brillant und von olympischem Schwierigkeitsgrad: Die grandiose symphonische Dichtung „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss und das halsbrecherische 3. Klavierkonzert von Sergej Prokofjew, dessen 125. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird. Abgerundet wird das Programm durch ein hochkomplexes Stück Gegenwartsmusik, das gerade ein Jahr alte programmatische Werk „Tabula Russia“ des Moskauer Komponisten Vladimir Tarnopolski.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die für Jugend und Kultur zuständigen Politiker für dieses Leuchtturmprojekt zu gewinnen gestaltete sich tatsächlich schwierig, erfährt man von den Beteiligten. Insbesondere die russischen Kulturbürokraten zogen sich am Abend des Moskauer Konzerts lieber zu einem Empfang aus Anlass des Austauschjahres zurück - als seien ihnen die Kronjuwelen der eigenen Kultur weniger wichtig als die leisesten Lüftchen der antieuropäischen politischen Konjunktur. Umso größer der Enthusiasmus der beteiligten Musiker. Die Petersburger Bratschistin Dinara Muratowa, die in Berlin studiert hat, findet einerseits, die deutsche Ausbildung sei der russischen, die vor allem auf Theorie und Gehörbildung setze, überlegen, weil hierzulande künstlerische Individualität und frühe Auftrittspraxis stärker gefördert würden. Doch Gergievs Intensität begeistert Muratowa, sein Vermögen, einen Klangkörper unter Hochdruck zu setzen und ihm so einen Entwicklungssprung abzunötigen - das sei wohl etwas „Russisches“, vermutet sie.

          Auf der Suche nach der eigenen Identität

          Auch Florian Schmidt-Bartha, der hoffnungsvolle Nachwuchscellist, der derzeit noch in Rostock bei Julian Steckel studiert, bezeichnet die Petersburger Erfahrung als großen Gewinn, nicht zuletzt wegen der beeindruckenden Kunstfrömmigkeit der vergleichsweise ärmlichen Bewohner der Stadt. Konzert- und Opernveranstaltungen seien jeden Abend ausverkauft gewesen und würden vor allem von Familien besucht. Als Dirigent spiele Gergiev sein Orchester wie ein Instrument, hat Schmidt-Bartha beobachtet; er plane nicht alles, überlasse viel dem Konzertereignis. Außerdem mache einen die Arbeit mit Mariinsky-Musikern, die heute in Baden-Baden auftreten, morgen in Wladiwostok, übermorgen in Amerika und dabei gelassen und herzlich bleiben, stressfest, ist er überzeugt. Danach würde man sich in jedem deutschen Orchester vorkommen wie im Urlaub.

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