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Musik : Ist Ihre Geige erkältet?

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Nein. Nein! Ich wage es nicht, mich einzumischen. Der Komponist hat grundsätzlich carte blanche. Ich muß die Probleme lösen, die sein Werk aufgibt.

Wie lange dauert das?

Manchmal arbeitet man Monate, bis man das Stück in seinem System hat.

"Was kümmert mich seine elende Fidel", hat Beethoven zu dem Geiger Schuppanzigh gesagt, "wenn der Geist zu mir spricht?" Wie ist das heute? Arbeiten Boulez, Ligeti, Lutoslawski im Laboratorium ihres Intellekts?

Die Annahme, daß Komponisten gegen den Solisten schreiben, ist irrig. Sie wollen doch gespielt werden. Im Gegenteil: Oft entdecken Komponisten eine spezifische Seite eines Interpreten - und Rihm mag entdeckt haben, daß ich ganz besonders gern in höchster Lage auf der E-Saite herumkraxele. Ein neues Werk kommt, und dann muß ich als Interpret die neue Sprache lernen. Und ich bin sehr gespannt auf das neue Werk, das Pierre Boulez für mich schreibt, und ob ich genug Grips habe, es zu lernen.

Spielen Sie immer noch Ihre Stradivari?

Ja, immer noch die Dunn Raven, eine endlose Love-Story.

Gibt es denn schon mal Liebeskummer mit dem Instrument?

Nein. Ich weiß, daß Musiker gern mal aufs Instrument schauen und bei Fehlern böse blickend fragen: "Was machst du denn da?" Nein, nicht mit ihr!

Kann sich die Geige erkälten, im Flugzeug zum Beispiel?

Sie reist in einem Klimakoffer mit Hydrometer. Die Temperaturen sind weniger problematisch als Feuchtigkeit, und die muß der Spieler im Konzert selber ausgleichen. Die Geige wird zwei Mal im Jahr gewartet.

Von wem? Und was passiert dabei?

Von einem Franzosen, Etienne Vatelot, ein Geigengenie. Der Lack wird erneuert, vor allem an der Stelle, wo der Corpus auf der Haut aufgesetzt wird. Das Griffbrett aus dem recht weichen Ebenholz, auf dem wir ja wahre Trampelpfade hinterlassen, muß geschliffen werden. Der Steg, auf dem durch den Zug der Saiten Tonnengewichte lagern, wird nach oben gezogen. Und der Stimmstock - daß er im Französischen "l'ame" heißt, die "Seele", sagt alles - wird justiert, es geht da um Millimeter.

Sie stehen am Ausgangspunkt einer Generation junger Geigerinnen, gerade auch deutscher. Wie steht es um den Nachwuchs?

In Deutschland . . . na ja. Immer öfter sind es Osteuropäer und Asiaten, die in den Vordergrund treten: Russen, Japaner, Chinesen, Koreaner.

Welche Erklärung haben Sie dafür?

Die haben eine größere Leidensfähigkeit.

Das klingt nach Einzelhaft am Instrument. Haben Sie nicht ein freundlicheres Wort?

Nein, das gehört dazu und ist nicht negativ gemeint. Passion gehört dazu. Es gehört dazu, daß man sich fordert.

Ist der Vormarsch der Asiaten, mentalitäts- oder sozialgeschichtlich besehen, nicht auch ein Hinweis auf die wachsende Dominanz der Asiaten auf anderen Gebieten? Die Kinder gehen da ja auch, worüber hier gestaunt wird, gern in die Schule.

Hinter allen Entwicklungen - den wirtschaftlichen und künstlerischen - steckt ja dieselbe Energie, Phantasie, Kreativität. Aus dem Grunde bemühe ich mich auch seit Jahren, auf die Bedeutung des Musikunterrichts schon im Kindergarten und in der Grundschule hinzuweisen und Projekte zu fördern. Politiker müssen erkennen, daß die Musik - die ästhetische Bildung - keine Nebensache, keine Freizeitbeschäftigung ist, sondern Grundlage für alles andere.

Interview Jürgen Kesting

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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