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Musik : Ist Ihre Geige erkältet?

  • Aktualisiert am

Sie reist in einem Klimakoffer mit Hydrometer, Mutters Geige Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Anne-Sophie Mutter, die ihre Laufbahn vor dreißig Jahren unter der Obhut Herbert von Karajans in Salzburg mit einem Konzert von Mozart begann, hat ein globales „Mozart Project“ angekündigt. Im Interview spricht sie über Mozarts Dynamik, Paganinis Magie und über falsche Noten.

          Was wäre der Musikbetrieb ohne den Kalender, der an Geburts- und Todestage erinnert. 250 Jahre liegt der Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart zurück, die Feiern beginnen früh. Anne-Sophie Mutter, die ihre Laufbahn vor dreißig Jahren unter der Obhut Herbert von Karajans in Salzburg mit einem Konzert von Mozart begann, hat ein globales "Mozart Project" angekündigt. Weltweit wird sie die Violinkonzerte, die Sonaten für Violine und Klavier mit Lambert Orkis und die Klaviertrios mit ihrem Mann Andre Previn und dem jungen Cellisten Daniel Müller-Schott spielen. Mozarts Konzerte, so hat sie selbstbewußt erklärt, habe sie nach den frühen Aufnahmen von Isaac Stern und Arthur Grumiaux nicht mehr so gehört, wie sie es sich vorstelle. Ihre neue Einspielung mit dem London Philharmonic Orchestra - ohne Dirigent - erscheint Anfang Oktober; die Aufnahme der Sonaten wird folgen; die Aufführungen der Trios werden mitgeschnitten und später veröffentlicht.

          Als Ihre Karriere begann, war in einer Schlagzeile zu lesen: "Das ganze Wunder ist erst dreizehn".

          Also "Wunder", dagegen wehre ich mich. Das sind gefährliche Schlagzeilen, die gegen einen Musiker zurückschlagen können.

          Albert Einstein oder Fritz Busch oder Ernest Ansermet haben dem Wunderkind, mit Blick auf Yehudi Menuhin, zum einen eine "angeborene Technik" - eigentlich ein Paradox - bescheinigt, zum anderen, daß es ein Mensch in früher Vollendung sei.

          Es gab ja auch bei Mozart schon in frühen Kompositionen eine Reife, die nichts mit dem gelebten Leben zu tun hat. Als Kind mag es einem gelingen, instinktiv etwas richtig zu machen. Wenn man Glück hat, besitzt man diesen Instinkt. Aber dann muß der Intellekt hinzukommen, das Studium, das Bewußtsein.

          Was ändert sich bei der Beschäftigung mit Mozart?

          Mozarts Konzerte spiele ich seit meinem neunten Lebensjahr. Die Sonaten und die Klavier-Trios kamen allerdings erst später hinzu. Die Details werden wichtiger, die Nuancen subtiler; die Darstellung verfügt über mehr erlebte, mehr gelebte Emotionalität. Bei einem ganz jungen Musiker ist vieles ahnungsvoll oder instinkthaft. Man lernt nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit anderen Musikern. Was die Mozart-Konzerte angeht, gerade die frühen KV 207 und 211, habe ich viel durch die Arbeit mit den Wiener Philharmonikern gelernt . . .

          . . . mit denen Sie die Konzerte in Salzburg gespielt haben . . .

          . . . ja, 2001 in Wien und Salzburg. Wenn man mit einem solchen Orchester arbeitet, entdeckt man doch Details, die einem entgangen sind.

          Ihre neuen Aufnahmen dirigieren Sie selber?

          Ach, dirigieren . . . Ich bin eher die Prima inter pares. Es gibt ja zu viele Passagen, bei denen der geigende Solist nicht helfen, bei denen er keine Einsätze geben kann. Die diffizilen Holzbläserstellen. Das Orchester hat, auch dank Masur, eine große Spieldisziplin, da muß man nicht jeden Einsatz geben.

          Die historische Aufführungspraxis ist weit vorangekommen, die kleinen Ensembles haben ein hervorragendes spieltechnisches Niveau erreicht. Wären Sie bereit, mit einem solchen Ensemble zu spielen?

          Ich habe gerade für die Arbeit an den Sonaten und auch den Trios, die ich mit meinem Mann Andre Previn und dem wunderbaren jungen Cellisten Daniel Müller-Schott spiele, Leopold Mozarts Violin-Schule studiert. Da finden sich schon Hinweise auf das "italienische Tremolo", auf das moderne Vibrato. Hinweise auf Bögen, die ein dynamischeres Spiel ermöglichen. Man wollte mehr Dynamik, mehr Farbe, mehr Fülle. Klein waren die Orchester aus Not. Mozart war begeistert, wenn ihm ein großes Orchester zur Verfügung stand. Es gibt tausend Gründe für eine größere Besetzung, die ja nicht unbedingt lauter klingt, aber leuchtender, gerade im Piano und Pianissimo.

          Was versprechen Sie sich von Ihrem "Mozart Project", von einem Jahr nur mit Mozart?

          Es wird kein Jahr nur mit Mozart. Das will ich Mozart nicht antun und mir auch nicht. Die Musik ist so rein, so engelhaft. Ich muß auch andere Musik spielen, um frisch zu bleiben, um die Spannung zu halten.

          Gibt es Momente bei langen Tourneen, in denen die Musik durch die Begleitumstände nicht mehr Lust, sondern nur noch Last ist? In denen die Konzentration aussetzt und man den "Autopiloten" einschaltet?

          Das sind Sekunden, die kein Musiker ausschließen kann. Das hängt nicht unbedingt von langen Flügen oder Müdigkeit ab, obwohl man darauf achten muß, genug zu schlafen und gesund zu leben. Es ist schwierig, um Punkt acht immer aufs höchste konzentriert zu sein. Der "automatic pilot" wird selten gebraucht, aber es ist beruhigend zu wissen, daß es ihn gibt.

          Was machen Sie, wenn Sie mal aussteigen?

          Ist mir zum Glück noch nie passiert.

          Und wenn ein Fehler passiert?

          Liszt hat einmal über Anton Rubinstein gesagt: "Er hat nichts gegen ungebetene Gäste." Nichts also gegen falsche Noten. Man darf sich nicht beirren lassen.

          Wer so lange im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht oder idolisiert wird, muß der nicht zwangsläufig zum Schauspieler werden?

          Ich fürchte, daß man sich selbst nicht so genau analysieren kann. Bin ich oder spiele ich, Gott, wer sieht da immer den Unterschied. Ich halte meine Lebensweise für authentisch. Ich lebe zurückgezogen. Daß ich ungern über das Private spreche, ist eine Tatsache, von der ich möchte, daß sie respektiert wird. Für die Öffentlichkeit möchte ich nur durch meine künstlerische Arbeit interessant sein oder durch meine karitative Arbeit Anstoß geben.

          Darf ich Sie mit einem Kommentar konfrontieren? "Die junge Dame, die da sicher und souverän auf der Überholspur des Erfolges vorankam, braucht ein wenig Sand in der Feinmechanik ihrer Psyche, um in der Musik alle menschlichen Spuren aufzudecken und im Menschen die musikalischen Seiten wachzurufen." Was empfinden Sie, wenn Sie so etwas lesen?

          Das soll ich sein? Ich finde mich darin nicht wieder. Mich interessiert nur, so gut zu sein, wie ich sein kann. Nicht so gut wie Oistrach oder Heifetz. So gut, wie es mir möglich ist. Und ich weiß, wie ich gespielt oder ob ich gut gespielt habe.

          Sie spielen sehr viele neue Werke, aber nicht immer das, was als "modern" bezeichnet wird. Stört es Sie, wenn etwa das Konzert, das Ihr Mann Andre Previn für Sie komponiert hat, als "konventionell" bezeichnet wird oder das von Korngold als old-fashioned?

          Das ist eine Kritikerfrage, kein Musikerproblem. Komponisten schreiben zunächst für das Publikum, jedenfalls die meisten. Korngold, zu Beginn von der Zwölftontechnik fasziniert, hat immer seine Musik geschrieben, und selbst in Hollywood war, wie Previn über ihn gesagt hat, "immer Wien um die Ecke". Sein Konzert mag aus vielen schönen Stellen aneinandergeklebt sein: Es ist phantastisch, klangschön und irrsinnig virtuos.

          Was sich kein Geiger entgehen läßt. Sie haben gesagt, daß Sie gern Paganini wären. Warum? Fasziniert Sie der "Galvanismus" des Verführers, von dem Heinrich Heine gesprochen hat?

          Die Wirkung auf die Hörer. Die Magie, daß man für den Teufel gehalten wird. Er hat das Geigenspiel vorangebracht, auf einzigartige Weise. Natürlich möchte jeder Geiger als Virtuose gefordert werden.

          Und wenn die Herausforderungen durch ein modernes Stück unannehmbar sind? Haben Sie bei Auftragswerken von Penderecki, Lutoslawski oder Rihm mitgearbeitet - an der Artikulation, an der Phrasierung? Oder haben Sie sich beispielsweise von Rihm in "Gesungene Zeiten" die ganz exponierten hohen Lagen gewünscht?

          Nein. Nein! Ich wage es nicht, mich einzumischen. Der Komponist hat grundsätzlich carte blanche. Ich muß die Probleme lösen, die sein Werk aufgibt.

          Wie lange dauert das?

          Manchmal arbeitet man Monate, bis man das Stück in seinem System hat.

          "Was kümmert mich seine elende Fidel", hat Beethoven zu dem Geiger Schuppanzigh gesagt, "wenn der Geist zu mir spricht?" Wie ist das heute? Arbeiten Boulez, Ligeti, Lutoslawski im Laboratorium ihres Intellekts?

          Die Annahme, daß Komponisten gegen den Solisten schreiben, ist irrig. Sie wollen doch gespielt werden. Im Gegenteil: Oft entdecken Komponisten eine spezifische Seite eines Interpreten - und Rihm mag entdeckt haben, daß ich ganz besonders gern in höchster Lage auf der E-Saite herumkraxele. Ein neues Werk kommt, und dann muß ich als Interpret die neue Sprache lernen. Und ich bin sehr gespannt auf das neue Werk, das Pierre Boulez für mich schreibt, und ob ich genug Grips habe, es zu lernen.

          Spielen Sie immer noch Ihre Stradivari?

          Ja, immer noch die Dunn Raven, eine endlose Love-Story.

          Gibt es denn schon mal Liebeskummer mit dem Instrument?

          Nein. Ich weiß, daß Musiker gern mal aufs Instrument schauen und bei Fehlern böse blickend fragen: "Was machst du denn da?" Nein, nicht mit ihr!

          Kann sich die Geige erkälten, im Flugzeug zum Beispiel?

          Sie reist in einem Klimakoffer mit Hydrometer. Die Temperaturen sind weniger problematisch als Feuchtigkeit, und die muß der Spieler im Konzert selber ausgleichen. Die Geige wird zwei Mal im Jahr gewartet.

          Von wem? Und was passiert dabei?

          Von einem Franzosen, Etienne Vatelot, ein Geigengenie. Der Lack wird erneuert, vor allem an der Stelle, wo der Corpus auf der Haut aufgesetzt wird. Das Griffbrett aus dem recht weichen Ebenholz, auf dem wir ja wahre Trampelpfade hinterlassen, muß geschliffen werden. Der Steg, auf dem durch den Zug der Saiten Tonnengewichte lagern, wird nach oben gezogen. Und der Stimmstock - daß er im Französischen "l'ame" heißt, die "Seele", sagt alles - wird justiert, es geht da um Millimeter.

          Sie stehen am Ausgangspunkt einer Generation junger Geigerinnen, gerade auch deutscher. Wie steht es um den Nachwuchs?

          In Deutschland . . . na ja. Immer öfter sind es Osteuropäer und Asiaten, die in den Vordergrund treten: Russen, Japaner, Chinesen, Koreaner.

          Welche Erklärung haben Sie dafür?

          Die haben eine größere Leidensfähigkeit.

          Das klingt nach Einzelhaft am Instrument. Haben Sie nicht ein freundlicheres Wort?

          Nein, das gehört dazu und ist nicht negativ gemeint. Passion gehört dazu. Es gehört dazu, daß man sich fordert.

          Ist der Vormarsch der Asiaten, mentalitäts- oder sozialgeschichtlich besehen, nicht auch ein Hinweis auf die wachsende Dominanz der Asiaten auf anderen Gebieten? Die Kinder gehen da ja auch, worüber hier gestaunt wird, gern in die Schule.

          Hinter allen Entwicklungen - den wirtschaftlichen und künstlerischen - steckt ja dieselbe Energie, Phantasie, Kreativität. Aus dem Grunde bemühe ich mich auch seit Jahren, auf die Bedeutung des Musikunterrichts schon im Kindergarten und in der Grundschule hinzuweisen und Projekte zu fördern. Politiker müssen erkennen, daß die Musik - die ästhetische Bildung - keine Nebensache, keine Freizeitbeschäftigung ist, sondern Grundlage für alles andere.

          Interview Jürgen Kesting

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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