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Musik Alles eine Frage des Charakters

11.04.2006 ·  Eine Fee mit Geige: Die junge Musikerin und Sibelius-Preisträgerin Alina Pogostkina lullt einen ein mit ihrem Spiel, sie verzaubert auf Weltniveau. Obwohl sie, wie sie selbst sagt, zuwenig übt.

Von Jonathan Widder
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Mit einem altmodischen Damenfahrrad kommt sie auf dem Gehweg angefahren. Sie sieht kleiner aus, als man sie von Konzerten kennt, aber vielleicht liegt das auch an den großen Rädern ihres Fahrrads.

Irgendwie sticht sie hervor aus all den anderen Menschen auf der Stargader Straße in Prenzlauer Berg. Fast scheint es, als käme da Amelie angefahren aus ihrer wunderbaren Welt, und der Vergleich ist gar nicht mal so falsch, einmal abgesehen davon, daß Alina Pogostkina, wenn sie nach dem Gemüseeinkauf nach Hause kommt, nicht nur Fotos sortiert und vom Gemüsemann träumt, sondern auch Geige spielt, jeden Tag zwei Stunden, auf Weltniveau.

Vor kurzem hat sie in Helsinki als erste Deutsche den Jean-Sibelius-Wettbewerb gewonnen, einen der wichtigsten Wettbewerbe, die es für Nachwuchsgeiger gibt. Jetzt sitzt sie im Café „Meersalz“ und freut sich über ihren rot-weiß in der Sonne glitzernden Erdbeerjoghurt.

Unromantischer Beginn

Mit acht Jahren ist Alina mit ihren Eltern von Rußland nach Deutschland gekommen, und da die Musikerfamilie - auch die Eltern sind Berufsmusiker - weder irgend jemanden kannte noch ein Wort Deutsch sprach, mußte sie sich ihr Geld zunächst mit Straßenmusik verdienen. Das war in Heidelberg, der Wiege der deutschen Romantik, und auch wenn es für das russische Familientrio zu Beginn ganz unromantisch hart war, war es vielleicht doch ganz gut, daß sie ihr Glück nicht im U-Bahnhof Heidelberger Platz in Berlin-Wilmersdorf versuchten, dessen Talenten, trotz Heerscharen vorbeiziehender Studenten, nicht mehr viel Hoffnung ins Gesicht geschrieben steht.

In Heidelberg faßten die drei nach ein paar Monaten Fuß und lernten Menschen kennen, die ihnen dabei halfen, kleine Konzerte zu organisieren und in Kirchen zu spielen. Wobei es aber nicht bleiben sollte, denn der Vater hatte Großes vor mit der Tochter. Kaum war sie aus dem Grundschulalter heraus, mußte Alina ihr Glück bei Violinwettbewerben versuchen. Wettbewerbe, die sie, wie sie sagt, immer verabscheut hat: „Für mich hat das wenig mit Musik zu tun, das ist eher Sport.“ Bei denen sie aber abräumte, daß der Konkurrenz angst und bange werden mußte. Mit dreizehn gewann sie als jüngste Teilnehmerin den internationalen Louis-Spohr-Wettbewerb in Freiburg, ein Jahr später holte sie den ersten Preis beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Mit fünfzehn folgte, erneut als jüngste Teilnehmerin, der sechste Preis beim renommierten Pariser Long-Thibaud-Wettbewerb. Doch brach in Paris, wegen dieses nur sechsten Platzes, für sie eine Welt zusammen. „Ich dachte, ich kann nicht mehr Geige spielen!“

Der Traum fast geplatzt

Sie mußte eine Verschnaufpause einlegen. Denn obwohl ihr Talent offensichtlich war und Weltklassegeiger wie Yehudi Menuhin, Itzhak Perlman und Anne-Sophie Mutter ihr eine große Zukunft voraussagten, fand Alina: „Ohne einen ersten Platz bei einem der großen Wettbewerbe bringt das alles nichts.“ Und so kam es, daß trotz allen Talents und familiärer Anstrengungen der Sibelius-Wettbewerb ihr Schicksal fast in eine ganz andere Richtung gelenkt hätte, daß der Traum von der Solokarriere fast noch geplatzt wäre: „Für mich war das meine letzte Chance. Ich habe gesagt, wenn es diesmal nicht klappt, dann reicht es!“

Nun hat sie gewonnen und den Preis für die beste Interpretation des Sibelius-Violinkonzerts gleich noch dazu. Es ist das Konzert, das schon als Kind ihr Lieblingsstück war. „Wenn jemand dieses Konzert so sehr liebt wie ich, dann muß er es einfach am besten spielen!“ beschloß sie früh. „Eines Tages spiele ich das Konzert am allerallerschönsten und werde berühmt dafür.“

Es gibt wahrscheinlich kein musizierendes Kind, das, wenn es sein Instrument auch nur ein bißchen liebt, nicht ähnliches träumt. Bei Alina Pogostkina ist dieser Kindheitstraum wahr geworden. Und es scheint, als sei sie noch gar nicht ganz aus ihm erwacht, so kindlich und glückstrunken ist ihre Freude darüber.

Perfektion ist keine Kunst

Wer hätte das gedacht, wo sie doch auf der Bühne stets so souverän und so erhaben wirkt, wo sie nicht nur spieltechnisch brilliert, sondern darüber hinaus ihre kompromißlose Leidenschaft und unbedingte Liebe zur Musik mit soviel Würde und Anmut vorzutragen weiß, daß man winzigen Trägheiten in den Tempi, dem teils vielleicht etwas beharrlichen Vibrato schon dankbar ist für die Distanz, die man dadurch wieder gewinnt. Alina Pogostkina lullt einen ein mit ihrem Spiel, sie verzaubert. Im blauen Abendkleid, mit viel Spannung in der Haltung ihres Körpers, wirkt diese Frau mit etwas Phantasie wie eine Fee mit Geige.

Und jetzt sitzt diese Fee vor dem Café in Prenzlberg und deutet auf einen Pudel, oder was auch immer das sein soll, ein kleines, schwarzes, wuscheliges Tier, und freut sich über „dieses süße Hündchen“ und sagt, wie traurig sie sei, daß sie in ihrem Beruf nicht „ganz viele Tiere“ haben könne. Während um sie herum eine nie dagewesene Vielzahl an geigerischen Talenten nach oben strebt, Asiaten zur Perfektion ihrer Technik bis zu zwölf Stunden am Tag üben, übt Alina Pogostkina meistens nur zwei. „Eigentlich sollten es vier sein“, sagt sie verschämt, „ich bin froh, daß es trotzdem so gut klappt.“

Der Charakter zählt

Ihres Talents ist sich Alina Pogostkina durchaus bewußt. Doch weiß sie auch, daß es allein durch Üben sowieso nicht geht, daß es Charakter ist, was einen großen Geiger ausmacht. Während es in den sechziger Jahren noch die Angst gab, große Violinisten könnten aufgrund mangelnden Nachwuchses aussterben und zwischen den Starinterpreten anderer Instrumente untergehen, so ist die Talentflut heute so gewaltig, daß jemand wie Joachim Kaiser von einem „Geigermirakel“ spricht. Das technische Niveau ist historisch einmalig, die Techniken eines Paganini, einst wegen seiner Virtuosität ebenso bewundert wie gefürchtet, sind zum Standard eines jeden Profigeigers geworden.

Da ist Persönlichkeit gefragt, denn nur durch einen ausgeprägten, unverwechselbaren Stil kann sich ein junger Geiger von der Masse der Talente um ihn herum abheben. Nur wer Charakter hat, kann sich als Nachwuchskünstler profilieren.

Windhauch vorm Gewitter

Alina Pogostkina hat Charakter. Die Vielfalt an Stimmungen, die sie mit kompromißloser Intensität auf der Bühne zu entwickeln weiß, beeindruckt. Gerade deshalb wundert man sich so über die kindliche Naivität, die sie im Gespräch an den Tag legt. Angesichts ihres gewaltigen Spiels wirkt es nur wie ein Windhauch vorm Gewitter. Aber vielleicht hat das eine mit dem anderen eben auch gar nichts zu tun.

Daß sie zur Zeit für das Sibelius-Violinkonzert so oft gebucht wird und kaum noch Lust hat auf ihr Lieblingsstück, versteht man, wenn man erlebt, wie sie es spielt. In dieser weiten, mystischen, finnischen Welt geht sie ganz auf, kann sie sich frei entfalten. Sie wirkt erhaben, aber niemals abgebrüht. Und als sie gegen Ende des ersten Satzes langsam warm wird und die Begleit-Arpeggien spielt, als ginge es um alles, da ist ihr Blick, trotz aller Emotionen, einfach nur klar.

Bach kommt später

Ihr Erdbeerjoghurt ist jetzt fertig, und Alina Pogostkina, die das „a“ für die weibliche Version erst vor kurzem an ihren Nachnamen gehängt hat, um ihre russische Herkunft zu betonen, ist glücklich und zufrieden und genießt die Sonne.

In Prenzlauer Berg gefällt es ihr so gut, sagt sie, daß sie hier „im Moment echt nicht mehr wegwill“. Was ihre Pläne für die Zukunft seien, gibt es Konzerte und Dirigenten, mit denen sie gern spielen möchte? „Eigentlich nicht.“ Und was mit Bach sei, den sie vor ein paar Jahren noch als „sehr intellektuell“ bezeichnet hat? „Wirklich, habe ich das? Das hat sich sehr verändert. Ich glaube, ich habe mich kurz danach in Glenn Gould verliebt, und er hat mir Bach geschenkt. Davor bin ich nicht an ihn rangekommen. Bach ist einfach eine Größe, die man nicht in Worte fassen kann. Ich habe einen Heidenrespekt vor ihm, deshalb möchte ich diese Musik jetzt noch nicht spielen. Ich glaube, an Bach muß ich noch ein halbes Leben arbeiten, bevor ich auch nur im geringsten damit zufrieden sein kann, wie ich ihn spiele.“

Bach also, mit dessen Solosonaten für Violine sich ihre Kollegin Hilary Hahn bereits mit elf Jahren von der Kritik feiern ließ, diesen Bach will Alina Pogostkina erst in ein paar Jahrzehnten spielen. Von Kampfgeist zeugt das nicht gerade. Die Kühnheit und der Pioniergeist, die ihr bei manchen Passagen des Sibelius-Konzertes ins Gesicht geschrieben stehen, weichen da plötzlich der Vorsicht. Aber wer weiß, wie lange so ein halbes Leben dauert in ihrer wunderbaren Welt? Wenn es nur halb so lange dauert wie ihres bis jetzt, dann wird Alina Pogostkina in gut zehn Jahren Bach spielen. Bis dahin wird man hoffentlich nicht nur Sibelius von ihr hören.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.04.2006, Nr. 14 / Seite 29
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